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Geschichte

Ungarn ebneten Weg zur Deutschen Einheit

Die Mauer fiel am 9. November 1989. Doch der Eiserne Vorhang hatte schon vorher Risse bekommen: Am 2. Mai begannen Soldaten in Ungarn, die Grenzzäune zu zerschneiden. Ein Weg in die Freiheit für DDR-Bürger öffnete sich.

ZDF-Ungarn-Korrespondent Joachim Jauer und sein Kamerateam prosten sich beim Bier zu. Die Stimmung ist ausgelassen, denn ihr Fernsehbericht über die 1.-Mai-Feierlichkeiten 1989 in Budapest ist im Kasten. Doch dann stört ein Bote der ungarischen Regierung die Runde: "Morgen früh findet eine Pressekonferenz im Grenzort Hegyeshalom statt. Sie werden gebeten, dorthin zu kommen. Es ist sehr wichtig", erinnert sich Jauer im DW-Gespräch.

Trotz aller Vorbehalte machen sich der Fernsehmann und seine Kollegen um sieben Uhr früh auf den Weg, nicht ahnend, was sie erwarten wird. Noch heute hat Jauer das Bild von den rund 20 Reportern und einigen Offizieren vor Augen, die sich in einem Klassenraum der Dorfschule in Hegyeshalom gegenübersitzen. Einer der Soldaten hebt die Wichtigkeit der Grenze hervor, die die sozialistisch regierten Staaten des Warschauer Paktes von der freien Welt trennt.

Joachim Jauer, früherer ZDF-Korrespondent für Mittel- und Osteuropa - (Foto: Privat)

Erlebte den historischen Schnitt am Grenzzaun: Fernseh-Reporter Joachim Jauer

Ein zweiter Offizier erklärt, man habe den gut 300 Kilometer langen Befestigungsbereich geprüft und festgestellt, dass er marode sei. Der Signaldraht des Alarmsystems sei vollkommen verrostet. Der Staat habe aber die mindestens 200 Millionen US-Dollar nicht, um Stacheldraht im westlichen Ausland einzukaufen. Was die Gäste nicht wissen: Ungarns reformorientierte Regierung hat die Grenzanlage längst als "technisch, politisch und moralisch veraltet“ eingestuft.

Ausflug an den Todesstreifen

Nach der Unterweisung werden die irritierten Journalisten mit Militärfahrzeugen in das militärische Sperrgebiet direkt an der Grenze gebracht. Hier haben über Jahrzehnte unzählige Schilder vor Schusswaffengebrauch gewarnt, für den Fall des Versuchs, die verminte Sperrzone an der Staatsgrenze zu betreten. Jetzt steht an dieser Stelle ein Partyzelt. Dann beginnt die eigentliche Inszenierung: Soldaten marschieren vor der Menge auf, schneiden auf Kommando die Drahtzäune durch, schalten die elektrische Signalanlage ab und reißen Betonpfähle aus dem Boden.

ZDF-Reporter Jauer versteht die Welt nicht mehr. Schließlich ist er in Berlin in unmittelbarer Nähe der Mauer aufgewachsen, die auch seine Familie getrennt hat. Er kennt nur die geteilte Welt. Und jetzt wird das Bollwerk des Schreckens so einfach entfernt?

Schnell hat Jauer sich gefangen. Er begreift, dass dieser Einsatz von weltpolitischer Dimension sein könnte. Spontan fragt er einen der Offiziere: "Wenn hier ein Loch ist, dann könnte ja jeder hier durch?" "Ja", antwortet der Grenzer, "es könnte demnächst so etwas wie eine Kampagne, eine Art Völkerwanderung geben, aber nach einem Jahr oder so wird sich das auch wieder beruhigen."

Historische Szenen im Fernsehen

Ein Wachturm und ein Schild Achtung Staatsgrenze bei Mörbisch im Burgenland - (Foto: dpa)

Ohne Stacheldraht: Ungarisch-österreichische Grenze (August 1989)

In seinem Fernsehbeitrag am Abend des 2. Mai können die Zuschauer Jauers Botschaft hören: "Heute endet hier an dieser Stelle die vierzigjährige Teilung Europas in Ost und West. Dies wird unabsehbare Folgen haben - für Europa, für die Deutschen in der Bundesrepublik und insbesondere in der DDR." Auch Bürger der DDR, die Westfernsehen empfangen, sehen das Unfassbare: Ein Riss ist im Eisernen Vorhang. Der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, lässt nachfragen "was die Genossen in Ungarn denn da für einen Unsinn machen?" Verteidigungsminister Heinz Keßler vergewissert sich, dass es sich bei der Maßnahme um "Grenzkosmetik" handele, und die Grenze nach Österreich weiterhin gesichert werde.

Furcht vor Blutvergießen wie 1956

In Ungarn ist die Furcht groß, dass die 200.000 dort stationierten sowjetischen Soldaten dem Vorhaben mit Waffengewalt ein Ende bereiten. So wie 1956. Damals hatten erst Studenten, dann andere Bürger für demokratische Veränderungen demonstriert. Der Freiheitskampf wurde von sowjetischen Einheiten blutig niedergeschlagen. Hunderttausende Ungarn flüchteten in den Westen, ehe die Grenzen komplett abgeriegelt wurden. Jetzt, 33 Jahre später, weiß der neu gewählte Ministerpräsident Miklós Németh auch nicht, wie die Führung in Moskau reagieren wird.

Sein Vorhaben hat Németh im März dem Staatschef der UdSSR, Michail Gorbatschow, unterbreitet. Der sagt, dass jedes sozialistische Bruderland selbst für die Sicherung seiner Grenzen verantwortlich sei. So beschreibt es Hans-Hermann Hertle in seinem Buch "Chronik des Mauerfalls". Bei den Recherchen hat der Autor mit Németh und Gorbatschow persönlich gesprochen. Der sowjetische Staatschef habe allerdings nicht die Absicht gehabt, dem Sozialismus abzuschwören, sagt Hertle im DW-Interview.

Die Grenze bleibt geschlossen

Hans-Hermann Hertle - (Foto: Privat)

Hat 100 Zeitzeugen befragt: Historiker Hans-Hermann Hertle

"Die Rolle der Ungarn für den Mauerfall und die Deutsche Einheit ist nicht zu unterschätzen", sagt Historiker und Publizist Hertle, der am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig ist: "Die Bilder vom 2. Mai 1989 hatten eine Signalfunktion für viele Bürger, die hofften, über Ungarn nach Westdeutschland ausreisen zu können." Und tatsächlich beobachtet auch Fernseh-Korrespondent Joachim Jauer in den kommenden Monaten, dass immer mehr junge Rucksack-Touristen in Ungarn auftauchen.

Den Schießbefehl auf Fluchtwillige hatte Ungarns Führung bereits im März 1989 aufgehoben. Und als sich am 27. Juni die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, mit Bolzenschneidern an die Front begeben, um vor einem großen Medienaufgebot ein Stück der gemeinsamen Staatsgrenze offiziell zu öffnen, muss eigens für diesen symbolischen Akt frischer Stacheldraht beschafft werden. Denn zu diesem Zeitpunkt sind längst alle rostigen Zäune entfernt worden.

Animiert von den Nachrichten beantragen unzählige DDR-Bürger Urlaubsreisen nach Ungarn. Ihr wirkliches Ziel: das ungarische Grenzgebiet zu Österreich. Die Ostdeutschen riskieren damit, aufgehalten zu werden. Denn dass die Grenze offen und frei passierbar wäre, ist noch nicht sicher.

Paneuropäisches Picknick

Mutige ungarische Politiker wagen indes einen weiteren vorsichtigen Schritt, sich dem Westen anzunähern: Mitglieder der demokratisch orientierten Opposition und der westlichen Paneuropa-Union laden zu einem gemeinsamen symbolischen Grenzübertritt ein. Schirmherren sind der ungarische Reformpolitiker Imre Pozsgay und der Europa-Abgeordnete Otto von Habsburg. Für drei Stunden soll das Grenztor bei Sopron geöffnet werden.

Mehrere Hundert DDR-Bürger rennen am 19. August 1989 über die ungarisch-oesterreichische Grenze - (Foto: AP)

Nicht aufzuhalten: DDR-Flüchtlinge an der Grenze in Sopron

Vor Beginn der Veranstaltung nähert sich ein Pulk von ungefähr hundert DDR-Bürger, teilweise mit Kindern auf dem Arm, der Grenze. Sie reißen das Tor nieder und rennen hinüber nach Österreich. Niemand hält sie auf. Die Lage wäre sonst eskaliert, erinnert sich der damals leitende Grenzoffizier Árpád Bella später.

Am Ende des Tages haben über 600 DDR-Bürger die Gelegenheit zur Flucht genutzt. Autos und Gepäck haben sie auf ungarischer Seite zurückgelassen, um nur mit dem, was sie am Leib tragen, in die Freiheit zu gelangen. Zigtausende weitere Ostdeutsche warten unweit der Grenze auf eine solche Gelegenheit. Der Strom der Flüchtlinge lässt sich nicht mehr aufhalten und beschleunigt den Niedergang der DDR.

"Es war in Ungarn, wo der erste Stein aus der Mauer geschlagen wurde", wird Bundeskanzler Helmut Kohl anlässlich der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 sagen.

Heute erinnert eine Skulptur mit zwei Türen an der Grenze bei Sopron an den ersten Spalt im Eisernen Vorhang. Die eine Tür öffnet sich zum Westen, die andere zum Osten. Und der verrostete Stacheldraht? Er wurde in kleine Stücke geschnitten, mit einer Banderole in grün-weiß-roten Farben Ungarns umwickelt und vielfach verkauft. Als Souvenir.

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