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Ostmitteleuropa

Ungarischer Oppositionsführer von seinen Ämtern zurückgetreten

– Als Grund nennt Zoltan Pokorni die jahrzehntelange Tätigkeit seines Vaters für den Staatssicherheitsdienst

Budapest, 3.7.2002, UNGARISCHER RUNDFUNK, ungar.

Der Vorsitzende und Fraktionschef der Fidesz – Ungarische Bürgerpartei ist zurückgetreten. Zoltan Pokorni fasste diesen Beschluss, weil er gestern (2.7.) erfuhr, dass sein Vater unter dem Namen Janos Pakodzi vor dem Wechsel des politischen Systems 33 Jahre lang mit den Staatsicherheitsdiensten zusammen gearbeitet hat. Istvan Balint berichtet von einer außerordentlichen Pressekonferenz von Fidesz.

Balint: Zoltan Pokorni gab seine Entscheidung heute morgen (3.7.) vor dem Fidesz-Präsidium bekannt, obgleich, wie er sagte, sein Rücktritt weder aus politischen noch aus moralischen Gründen zwingend gewesen sei.

Pokorni: In dieser Lage kann ich diese Aufgabe, diese Pflicht, nicht nach meinem Glauben und Gewissen in der Weise, wie der Fidesz-Vorsitzende arbeiten sollte, erfüllen. Ich muss selbst mit dieser Tatsache fertig werden. Bis jetzt hatte ich keine Leidenschaften, keine Gefühle gegenüber ehemaligen Geheimagenten, streng geheim arbeitenden Beamten, die Menschen so wie meinen Vater unter Druck gesetzt und erpresst haben. Ich hatte keinen Hass. Jetzt jedoch habe ich ein sehr starkes Gefühl. Und eine Partei darf nicht unter dem Einfluss von Gefühlen geführt werden.

Bericht: Danach erzählt der Politiker mit den Tränen kämpfend und mit Pausen die Geschichte seines Vaters.

Im Jahre 1952 wurde Janos Pokorni, 24 Jahre alt, unter dem Vorwurf der Verschwörung gegen den Staat zu 12 Jahren verurteilt. Im Jahre 1956 wurde er von der Revolution aus einem Gefängnis in Marianosztra befreit. Da er nicht auswanderte, meldete er sich im Dezember 1956 als früherer politischer Gefangener. Zu diesem Zeitpunkt wurde er als Agent rekrutiert, indem man ihm sagte, dass er, wenn der dem Staatssicherheitsdienst bei der Arbeit helfe, nicht für die verbliebenen neun Jahre zurück ins Gefängnis müsse.

Pokorni: Schließlich überredeten sie ihn, von Zeit zu Zeit Stimmungsberichte abzugeben, er – sie – entwarfen Kraftwerke. Er musste über seine Arbeit, seine Freunde und Beziehungen berichten. Damals war er 27. Jetzt ist er 74 Jahre alt. Damit wurde er bis zum Jahr 1989 erpresst. Er konnte nie aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Laut der Geschichte meines Vaters wusste nur eine Person aus der Familie davon, meine Mutter. Eines Nachts erwischte sie ihn, wie er diesen Bericht schrieb. Sie ließen sich 1972 scheiden, rechtskräftig 1974. Meine Mutter hat niemals ein Wort gesagt, niemals den Grund für das Scheitern ihrer Ehe genannt.

Ich wünsche es niemandem, dass er im Alter von 40 so etwas erfährt, wie das, was ich über meinen Vater erfahren habe, der für mich, teils wegen seiner Gefängnisstrafe, seiner Leiden in der Vergangenheit, ein bedingungsloser moralischer Standard, ein Orientierungspunkt war, dass er 33 Jahre lang solche Berichte für die nationalen Sicherheitsdienste angefertigt hat.

Bericht: Bis zu den nächsten Parteiwahlen wird Fidesz vom Leitenden stellvertretenden Vorsitzenden Janos Ader als amtierendem Vorsitzenden geführt. Zoltan Pokorni schlug Tamas Deutsch als seinen Nachfolger als Leiter der Parlamentsfraktion vor. Die größte Oppositionspartei wird am Monatg (8.7.) darüber entscheiden. (MK)

  • Datum 04.07.2002
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