1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Reise

UNESCO-Titel: Chance für den Tschad

Der Tschad, eines der ärmsten Länder Afrikas, ist touristisch kaum erschlossen. Zwei seiner Landschaften sind seit kurzem UNESCO-Welterbe. Wir fragen den Wüstenforscher Stefan Kröpelin: Was bringt der Titel dem Land?

Deutsche Welle: Herr Dr. Kröpelin, Sie haben sich dafür stark gemacht, dass zwei Landschaften im Tschad Welterbe werden. Zunächst 2012 die Seen von Ounianga. 2016 folgte das Ennedi-Bergmassiv. Die Initiative dazu kam von Ihnen. Warum wollten Sie den UNESCO-Titel für den Tschad?

Stefan Kröpelin: Wegen der Einmaligkeit der beiden Orte: die größten, interessantesten Seen inmitten der Sahara und das märchenhafte Ennedi-Plateau. Es war klar, dass man ganz oben ansetzen muss und sich nicht mit einem Bioreservat-Status begnügen sollte. Nur durch die Anerkennung als Welterbe lässt sich aufgrund der strengen Auflagen und Fortschrittskontrollen der UNESCO ein größtmöglicher Schutz erreichen. Dazu steigen die Chancen auf internationale Finanzierung der Schutzmaßnahmen.

Das Ennedi-Plateau ist so groß wie die Schweiz und von ungezählten, bis zu 200 Meter tiefen Schluchten zerschnitten. Aufgrund einer günstigen Grundwassersituation und erhöhter Niederschläge hat sich dort eine unglaubliche Vegetation mitten in der Wüste erhalten. Dort leben unter anderem die letzten Krokodile der Sahara, die in den Wassertümpeln der Schluchten viele tausend Jahre Trockenheit überstanden haben. Aber auch Fische, Mähnenschafe, Gazellen, Paviane. Gleichzeitig werden die Wasserstellen von den Kamelzüchtern und Nomaden genutzt, um ihre Dromedare, Ziegen und Esel zu tränken. Wenn in einem Canyon hunderte Kamele anfangen zu brüllen, da kommen Sie sich vor wie in "Jurassic Park".

Nur knapp jede zehnte Welterbestätte liegt in Afrika, denn das Bewerbungsverfahren ist langwierig und kostspielig. Die Verfahren begannen 1999, der Tschad hat Sie von Anfang an auf allen Ebenen unterstützt. Ein Kraftakt für eines der ärmsten Länder der Welt. Wie haben Sie den Tschad überzeugt?

Die beiden Stätten im Tschad sind, würde ich sagen, unterm Strich mit die günstigsten Welterbeprojekte, die jemals zustande kamen. Alles zusammen lag bestimmt weit unter einer Million Euro. Meine zugrunde liegende Grundlagenforschung im Tschad im Rahmen von Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat dagegen mehr gekostet. Ohne diese Forschungen wären die Anträge nie zustande gekommen. Deshalb ist man mir im Tschad auch so dankbar und wiederholt das immer wieder.

Stefan Kröpelin, Wüstenforscher (Stefan Kröpelin)

Stefan Kröpelin und Baba Mallaye

Der Vorteil im Tschad ist, dass es dort eine relativ kleine einflussreiche Schicht aus Botschaftern, Ministern, Uniprofessoren gibt, die man in der Hauptstadt N’Djaména schnell beieinander hat. Beim Ennedi war es etwas schwieriger, weil man zwei administrative Zonen und mehrere Dörfer miteinander abstimmen musste. Insgesamt ging es relativ schnell im Vergleich zu manch anderen Ländern.

Ich habe mich frühzeitig mit Dr. Baba Mallaye befreundet, er war Direktor der tschadischen Forschungsbehörde und ist heute zuständig für die Welterbestätten. Gemeinsam konnten wir in zahllosen Gesprächen die Entscheidungsträger überzeugen, dass der Welterbe-Titel ein sinnvolles Instrument ist, um im Land ein Bewusstsein für seine kaum bekannten, schützenswerten Gebiete zu schaffen und das internationale Image aufzubessern.

Worin liegt denn konkret der Nutzen für die Wüstenbewohner?

Zunächst muss jeder Tourist für jeden Tag seines Aufenthalts einen bestimmten Betrag an die einheimische Bevölkerung bezahlen, was früher nicht der Fall war. Mit dem Welterbe-Status gehen zudem staatliche Investitionen in die lokale Infrastruktur einher. Das reicht von der Unterstützung lokaler Initiativgruppen über Schulen und medizinische Versorgung bis zu sanitären Anlagen und Müllbeseitigung. Wie in allen anderen afrikanischen Naturschutzgebieten und Nationalparks ist ohne wahrnehmbare Verbesserungen der Lebensbedingungen eine anhaltende Unterstützung durch die Bewohner nicht zu gewährleisten.

Mittelfristig eröffnen sich auch die Chancen ausländische Investoren ins Land zu locken, vor allem im Bereich eines nachhaltigen Tourismus. Das geht am besten mit neuen Welterbestätten. Das schafft Arbeitsplätze und fördert das örtliche Handwerk.

Tschad UNESCO Welterbe Wüstenforscher (Stefan Kröpelin)

Weltweit einzigartiges Phänomen: die Seen von Ounianga mitten in der Wüste

Wie haben die Einheimischen die Verleihung des Titels aufgenommen?

Als 2012 Ounianga Welterbe wurde, waren die Menschen völlig aus dem Häuschen. Mittendrin auf der UNESCO-Weltkarte ist ihr grüner Punkt für die Welterbestätte - das konnten sie kaum fassen. Mit dem Titel hat sich zudem der Nationalstolz im ganzen Land entwickelt. Viele denken: Wir sind die Ärmsten der Armen, die unter schwierigsten Bedingungen in einem der ökonomisch ärmsten Länder leben. Aber wir haben diese herausragenden Stätten. Jedes Kind ist stolz drauf! Die Menschen sind froh und hoffen, dass mehr Tourismus kommt und die zugesagten Infrastruktur-Maßnahmen, die schon angefangen wurden, weitergehen.

Hat der Welterbe-Status geholfen, den Tourismus weiterzuentwickeln?

Tatsächlich waren mit der Ernennung der ersten Welterbestätte 2012 große Hoffnungen verbunden. Da kamen Direktoren französischer Touristikunternehmen und Investoren aus den USA, die herumgeflogen sind und schon Pläne hatten, in Ounianga Hotels zu bauen.

Die französische Chartergesellschaft Point-Afrique hatte in Faya, der Hauptoase im Norden des Tschad, mit viel Geld einen ehemaligen Militärflughafen instandgesetzt und eine direkte Flugverbindung von Marseille eingerichtet. Nach viereinhalb Stunden Flug landete man quasi am Fuß des Tibesti-Gebirges, von wo man nur ein, zwei Tage bis zu den Ounianga-Seen braucht. Da wäre ein beachtlicher Tourismus entstanden, vor allem von Frankreich aus, aber auch aus Italien und Deutschland. Aber dann kam der Krieg in Libyen und Frankreichs Intervention in Mali. Wegen der instabilen Situation in der Gesamtregion im Norden Afrikas hat das französische Außenministerium dann extremen Druck auf die französischen Reiseanbieter ausgeübt, um zu verhindern, dass französische Touristen in die Sahara, das heißt auch in den Tschad kommen. Für den Tschad wurden Reisewarnungen verhängt, vor Entführungs- und  Anschlagsrisiken besonders auf französische Bürger wurde gewarnt. Das französische Außenministerium wollte damit möglichen Problemen vorbeugen. Es hat panische Angst, dass irgendein französischer Tourist entführt wird und alte Wunden früherer Entführungen aus den 1960er Jahren wieder aufgerissen werden. Die Gäste blieben weg, das Fluggeschäft nach Faya ging nach wenigen Flügen ein. Der Tschad hat noch Zuschüsse angeboten, damit der Flugverkehr wieder aufgenommen wird, aber dazu ist es nicht mehr gekommen.

Tschad UNESCO Welterbe Wüstenforscher (Stefan Kröpelin)

Prähistorische Malereien mit Rindern und Menschen

Als Klimaforscher und Geologe haben Sie über 60 Expeditionen in die Sahara unternommen. Einen Großteil davon in die Wüstengebiete im Norden des Tschads. Was macht das Gebiet in Ihren Augen so faszinierend?

Die Fülle von verschiedenen Landschaften, die noch längst nicht alle erforscht sind. Die extreme Entlegenheit, Trockenheit, die Unberührtheit. Und die Menschen, die abgehärtesten der ganzen Sahara. Hier gibt es mit dem Tibesti das höchste Gebirge der Sahara. Die Seen von Ounianga sind als größte Seen der Sahara Weltnaturerbe. Ebenso das Ennedi Massiv, das wegen seiner Vegetation und Tierwelt auch als „Garten Eden der Sahara“ bezeichnet wird und wegen seiner spektakulären prähistorischen Felsmalereien gleichzeitig auch zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Treffen Sie dort manchmal Touristen?

Das Ennedi ist ein Hauptziel von Touristen. Aber es gibt im Tschad insgesamt nur sehr wenige Reisende. Die einzige direkte internationale Flugverbindung von Europa bietet Air France. Vor Ort, in N'Djamena, gibt es im Wesentlichen nur zwei Touristikunternehmen. Das eine wird von Italienern geleitet mit tschadischen Mitarbeitern. Das andere ist eine tschadische Firma. Beide organisieren das Gros der Reisen zu den beiden Welterbestätten Ounianga und Ennedi und bieten alle Reisen an, die es überhaupt im Tschad gibt.

Das deutsche Auswärtige Amt spricht in seiner aktuellen Reisewarnung für den Tschad von Verkehrs-, Gesundheits-, Anschlags- und Entführungsrisiken. Ist der Tschad wirklich so gefährlich?

Ich fahre seit über 40 Jahren durch die Sahara. Ich hatte brenzlige Erlebnisse, aber mir ist nie etwas passiert. Im Prinzip ist das Risiko überall in Afrika gestiegen. Ich würde aber sagen, dass im Moment der nördliche Tschad eine relativ ruhige Insel in der Sahara ist - obwohl es in der Vergangenheit immer anders herum war. Das Risiko eines Verkehrsunfalls ist in meinen Augen viel höher als das eines Überfalls oder Schlimmeres, sofern man mit diesen erfahrenen Tourunternehmen unterwegs ist. Wenn man da gut eingebettet ist, ist das Risiko gerade für das Ennedi meines Erachtens absolut akzeptabel. Auch bis zu den Seen von Ounianga. Aber eine Garantie gibt es natürlich nirgends.

Wie sehen die Bemühungen der tschadischen Tourismusorganisation jetzt aus?

Die Vergabe des Welterbe-Titels geht mit der Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus einher. Die landeseigene Tourismus-Organisation O.T.T. setzt dabei auf die Kooperation mit den beiden Touristikunternehmen in N'Djamena. In Ounianga wurde begonnen, Unterkünfte für Touristen zu bauen. In Fada, dem Hauptort im Ennedi, aber auch in Bardai, dem Hauptort im Tibesti, hat das Land in für dortige Verhältnisse schöne gemauerte Pavillons investiert. In Zukunft sollen lokale Anbieter mit eigenen Geländefahrzeugen Führungen und Wanderungen in Ounianga und vor allem im Ennedi anbieten. Aber seit dem Ölpreisverfall sind dem Tschad die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Erdölexport weggebrochen und die Investitionsmöglichkeiten in den Ausbau des Tourismus bleiben wegen dringender anderer Prioritäten vorerst leider begrenzt.

Tschad UNESCO Welterbe Wüstenforscher (Stefan Kröpelin)

Landschaftliche Schönheit des Ennedi mit typischen Felsbögen

Hat sich der Kraftakt, UNESCO-Welterbe zu werden, dennoch gelohnt?

Unbedingt, denn primär geht es darum, die Gebiete für künftige Generationen unter Schutz zu stellen. Und dazu bekennt sich der Tschad mit dem Welterbe-Titel. Durch den Erfolg der beiden Welterbestätten gibt es von den Einheimischen bis zum Präsidenten auch Unterstützung für zukünftige Projekte, insbesondere im Tibesti.

Für den Tourismus bedeutet der Titel eine Zukunftschance. In sensiblen Bereichen wie der ökologischen Nische des Ennedi und den besonders empfindlichen Ounianga-Seen kann nur ein besonders angepasster ökologischer Tourismus unter Berücksichtigung aller Auflagen stattfinden. Dazu gehört auch, dass Gäste nichts kaputt machen. Da passen die beiden Tourunternehmen jetzt schon sehr auf. Zum Beispiel dass nicht wie früher einfach Bäume abgehackt werden, um Lagerfeuer zu machen, oder Touristen mit Graffitis die Felsbilder beschädigen.

Für die Zukunft setzt der Tschad auf hochmotivierte Besucher, die das Welterbe wertschätzen und dankbar sind, dass sie diese Wunder der Sahara erfahren dürfen.

Mit über sechzig Expeditionen in die Sahara gilt Dr. Stefan Kröpelin als bekanntester deutscher Wüstenexperte. Der Geowissenschaftler untersucht im Sonderforschungsbereich “Unser Weg nach Europa“ an der Universität Köln den Klimawandel in der Sahara und wie der Mensch darauf reagierte. 1999 ergriff er die Initiative, zwei außergewöhnliche Wüstengebiete im Tschad zum Welterbe zu machen. Für sein langjähriges, wirkungsvolles Engagement in der Vermittlung seiner Afrika-Forschung hat der Klimaforscher am 3. Juli 2017 den Communicator-Preis des Stifterverbands und der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten.

Das Gespräch führte Frederike Müller.

Infografik Tschad DEU

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links