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Digitales Leben

Unerwartete Hilfe fürs Arthouse-Kino?

Seit Jahren beklagt die Filmindustrie Umsatzeinbrüche durch illegale Downloads. Eine Studie aus München sagt aber jetzt etwas anderes: Filesharing soll kleinen Filmen helfen. Eine abenteuerliche These?

Im Januar 2012 stürmen Polizisten die Villa des deutsch-finnischen Internetmillionärs Kim Schmitz in Neuseeland. Schmitz, einer der mutmaßlichen Hauptbetreiber des Daten-Tausch-Anbieters Megaupload, wird festgenommen. Die US-Justizbehörde schaltet das Portal ab. Megaupload war einer der größten Filehoster der Welt. Hier konnte jeder illegal Filme streamen oder herunterladen. Die Filmindustrie beklagte Millionenschäden.

Lag der Umsatzrückgang tatsächlich an illegalem Filsharing? Damit haben sich die Wirtschaftswissenschaftler Christian Peukert von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität und sein Kopenhagener Kollege Jörg Claussen beschäftigt. Sie haben sich die Zahlen der letzten fünf Jahre aus 49 Ländern angeschaut und die Umsätze für 1344 Filme analysiert.

Logo von Megaupload. Die US-Behörden werfen der großen Datenspeicher-Plattform Megaupload massive Urheberrechtsverletzungen vor und haben sie am 19.01.2012 vom Netz genommen. (Foto: DW / C.Walz)

Megaupload - das Logo ist nun Geschichte.

Das Ergebnis ist überraschend: "Das Abschalten von Megaupload hat über alle untersuchten Filme hinweg nicht, wie gemeinhin erwartet, zu mehr Kinoumsätzen geführt. Je nach verwendeter Methode konnten wir sogar einen Umsatzrückgang feststellen." Der Einnahmenrückgang galt allerdings nur für kleine Filme, nicht für Blockbuster. Den großen Produktionen nutzte das Aus von Megaupload tatsächlich.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Wie kann es sein, dass gerade kleine Filme von Raubkopien profitieren? "Eine mögliche Erklärung für unsere Ergebnisse ist, dass die Entscheidung, einen Film anzuschauen, stark von persönlichen Empfehlungen beeinflusst wird", heißt es in der Pressemitteilung zur Studie. Wenn weniger Filme auf Megaupload angesehen würden, gäbe es auch weniger Empfehlungen, sich den Film im Kino anzuschauen.

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte Peukert zudem: "Kleinere Filme sind auf Grund kleinerer Werbebudgets mehr auf den Mund-zu-Mund-Effekt angewiesen." Weiter sagt die Studie, dass durch Leute, die Filesharing nutzen, viele weitere Leute erreicht werden können, die sehr wohl dazu bereit sind, etwas für die Inhalte zu zahlen.

Derdeutsche Internet-Millionär Kim Schmitz REUTERS/Handout/Files (CHINA - Tags: CRIME LAW SCIENCE TECHNOLOGY POLITICS)

Kim Schmitz gilt als Symbolfigur für Netz-Kriminalität

Über die Studie sind in Deutschland heiße Diskussionen entbrannt. Raubkopierer fühlen sich bestätigt, die Filmindustrie hält dagegen: "Die für Deutschland erhältlichen Zahlen widersprechen der These eindeutig", sagt Christine Ehlers, Pressesprecherin des Lobbyverbands Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechten (GVU). Die GVU kritisiert vor allem, dass bei der Studie Umsätze und nicht Besucherzahlen zu Grunde gelegt wurden. Filme, die mit 200 Kopien oder weniger in den Kinos angelaufen sind, hätten im ersten Halbjahr 2012 sogar mehr Besucher in deutsche Kinos gelockt als in den beiden Vorjahren.

Der Kampf ums Urheberrecht geht weiter

Doch was sagen Künstler selbst zu der Studie? Der deutsche Regisseur Niki Stein kann sich nicht vorstellen, dass illegale Downloads die Umsätze von kleinen Produktionen steigern: "Warum sollte das für einen Film einen Werbeeffekt haben, wenn man ihn illegal und für umsonst im Netz herunterladen kann? - Selbst wenn es anschließend eine ‘Mund-zu-Mund-Propaganda‘ gäbe, wäre er wahrscheinlich schon längst aus dem Verleih genommen. So sieht die Praxis aus", unterstreicht er im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Stein kämpft seit Jahren für das Urheberrecht von Künstlern. Der umtriebige Filmemacher ("Tatort", "Bis nichts mehr bleibt") nahm auch an der Kampagne "Wir sind die Urheber" deutscher Kulturschaffender teil. Er hat eine andere Erklärung für die Umsatzrückgänge der "kleinen" Filme: "Ich habe den Verdacht, dass die Studie übersehen hat, dass wir allgemein in den letzten Jahren einen starken Rückgang haben. Leider Gottes gerade für kleine, intellektuelle Arthouse-Filme."

Werbe-Effekt von Raubkopien?

Niki Stein ROMMEL Filmpremiere im Delphi Filmpalast am 24.10.2012 Berlin

Regisseur Niki Stein

Neue Chancen für die Independent-Szene sieht Niki Stein durch Portale wie Megaupload nicht. Im Gegenteil: "Man kann das Internet nicht zu einer komplett rechtsfreien Zone für die Leistungsvergütung erklären. Hier findet zunehmend die Vermarktung künstlerischer Werke statt. In der Konsequenz heißt das: Der Entzug der Existenzgrundlage der Künstler."

Das sehen nicht alle so. Die Ergebnisse der Münchner Studie geben dem Argument, dass illegale Downloads dem Marketing von Musik oder Filmen nützen, neue Nahrung. Erst im Oktober fand die New Yorker Columbia University heraus, dass Teilnehmer an Musiktauschbörsen in Deutschland und den USA auch deutlich mehr Geld für Musik ausgeben als andere Nutzer.

Diskussion um Internetfreiheit

Niki Stein vermutet großzügige Geldgeber aus der Internetbranche hinter solchen Studien. Diesen Verdacht weisen die Autoren der aktuellen Münchner Studie von sich: "Unsere Forschungsarbeit wird von keiner Interessengruppe in irgendeiner Weise unterstützt. Unser Hauptanliegen ist es, mit einer sauberen wissenschaftlichen Analyse zu einer aktuellen Diskussion beizutragen." Die Debatte zeigt vor allem eins: Weitere Forschung zum Thema ist dringend notwendig.

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