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Kultur

Unermüdlicher Freigeist - zum Tod des Historikers Fritz Stern

Er gehörte zu den berühmtesten seiner Zunft: als Professor für Europäische Geschichte hoch geachtet, als politischer Berater geschätzt. Mit Vorliebe beschäftigte sich Fritz Stern mit Persönlichkeiten der Weltgeschichte.

"Gold und Eisen" ist eines der wichtigsten Bücher von Fritz Stern: eine sehr persönliche Betrachtung der historisch folgenreichen Beziehung des preußischen Reichskanzlers Otto von Bismarck und seines jüdischen Bankiers Gerson von Bleichröder. Ein spannendes Geschichtsbuch, wie man es selten zu lesen bekommt. Weltgeschichte, geknüpft an zwei Biografien, gespiegelt in dem Lebensweg zweier Machtmenschen: wie in einem Brennglas zusammengefügt.

Seit seiner Promotion 1953 lebte und arbeitete Fritz Stern als Historiker in New York. Keine prinzipielle Entscheidung gegen ein Leben in Deutschland, wie er immer in Interviews betonte. Er pflegte viele Kontakte nach Deutschland. Mit Bundeskanzler Helmut Schmidt führte er einen regen Briefwechsel und viele Gespräche, genauso wie mit Bundespräsident Richard von Weizäcker und der Publizistin Marion Gräfin Dönhoff, der Herausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit".

Historiker Fritz Stern mit Bundespräsident von Weizäcker bei einem Besuch in Polen.(c) Imago/Eastnews

Fritz Stern zusammen mit Bundespräsident Richard von Weizäcker bei einem Besuch in Polen.

Bis zuletzt verfolgte Fritz Stern mit großem Interesse die politische Entwicklung Europas und des wiedervereinten Deutschlands. Zuletzt äußerte er sich 2015 kritisch zur Flüchtlingskrise und den zunehmend rechtsextremen Tönen: "Ich verfolge dies mit großer Besorgnis", sagte er in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger. "Die Kundgebungen in Dresden waren erschreckend. Auf der anderen Seite gab es Demonstrationen für Humanität und Frieden, die man hoch schätzen sollte."

Leben in der Emigration

Geboren wurde Fritz Stern am 2. Februar 1926 im preußischen Breslau in Schlesien. Seine Mutter war promovierte Physikerin, seine Vater Spross einer Ärzte-Dynastie. Die assimilierten jüdischen Eltern ließen den kleinen Fritz protestantisch taufen. Sein Taufpate war der berühmte Wissenschaftler Fritz Haber, der 1918 den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte. 1938 entschloss sich die Familie, vor den Nationalsozialisten nach Amerika zu emigrieren.

Seinen Schulabschluss machte Fritz Stern schon in Amerika. Albert Einstein, Nobelpreisträger, Emigrant aus Europa und mit der Familie Stern befreundet, riet ihm zu einem Medizinstudium. Aber Stern entschied sich lieber für ein Studium der Geschichte an der New Yorker Columbia University. 1947 wurde er in die USA eingebürgert, 1953 promovierte er mit einer Doktorarbeit über radikalnationalistische Strömungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Später wurde er an der Columbia Professor für Europäische Geschichte.

Der berühmte Historiker bei einem Vortrag in Berlin. (c) Imago/W.P. Prange

Stern, hochbetagt, bei einem Gastvortrag in Berlin, vor ihm die Gesamtausgabe der Schriften von Willy Brandt

Warnung vor einem "Zeitalter der Angst"

Stern sah in der historischen Entwicklung der jungen Bundesrepublik auch die Anknüpfung an die unaufgearbeitete Nazi- und Nachkriegsgeschichte. Er warnte vor dem autoritären Kern der studentischen Protestbewegung von 1968, der sich später in der dogmatischen Erstarrung der Linken in Deutschland zeigte. Und blieb als kritischer Begleiter der Politik wach, unkonventionell und ließ sich nicht vereinnahmen. Deshalb wurde er als politischer Berater, auch des US-Außenministeriums und der deutschen Bundesregierung, so geschätzt.

Seiner deutschen Heimat und den politischen Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent blieb Stern immer eng verbunden. Er kam oft auf Lesereise in die Bundesrepublik und hatte gerade bei jüngeren Leuten in Deutschland ein treues Lesepublikum. Immer wieder übernahm er auch Gastprofessuren in Berlin, Mainz und zuletzt 2007 in Jena. Der Austausch mit jungen Studenten mache ihm viel Freude, sagte er in Interviews.

Einem breiten Publikum bekannt wurde Fritz Stern 1987 durch seine viel beachtete Rede vor dem deutschen Bundestag zum Gedenktag des 17. Juni. Er sprach dort als erster ausländischer Staatsbürger. Für ihn sei dieser Volksaufstand in der DDR ein "Aufstand für ein besseres, ein freieres Leben gewesen", nicht ein "Aufstand für die Wiedervereinigung" widersprach er damals dem amtierenden Bundestagspräsident Philipp Jenninger, was ihm harsche Presse in der Bundesrepublik einbrachte.

Video ansehen 12:06

DW-Interview mit dem Historiker Fritz Stern

Nachdem Deutschland auch formal wiedervereint war, kam Fritz Stern häufig für mehrere Monate zu Besuch. 1993/94 als enger Berater von Richard Holbrooke, dem damaligen US-Botschafter in Berlin. Als Historiker war Stern erschüttert über den "Grad der Bedrücktheit" und den Mangel an politischer Aufbruchsstimmung in diesem neuen Deutschland.

Impulse für die deutsch-jüdische Versöhnung

Später schrieb er rückblickend vom "Glück der zweiten Chance". 1999 erhielt Stern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für seine klaren politischen Analysen und populären Essays. Ein bewegender Moment, als er die Ehrung in der Frankfurter Paulskirche überreicht bekam. Er habe, so hieß es in der Begründung des Börsenvereins, "viel zur deutsch-jüdischen Aussöhnung beigetragen".

Fritz Stern hat viele Preise in seinem Leben verliehen bekommen – als außergewöhnliche "intellektuelle wie moralische Autorität". Und weil er sich mit Empathie und kritischem Geist immer wieder eingemischt habe. Das hat ihn gefreut. 2006 legte er eine umfangreiche Autobiografie vor: "Fünf Deutschland und ein Leben" ("Five Germanys I Have Known"). Seine Lebensgeschichte verwoben mit den fünf Deutschlands, die er kennengelernt hat - von der Weimarer Republik bis zum wiedervereinigten Deutschland.

Immer am Puls der Zeit: ein kritischer Geist

Joschka Fischer überreicht Fritz Stern 2004 in New York die Leo-Baeck-Medaille.(c) Getty Images/AFP/M. Ngan

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer überreicht Fritz Stern in New York die Leo-Baeck-Medaille

Am berühmtesten ist sein mehrtägiges Gespräch mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt über die politischen Ursachen für Nationalsozialismus und Holocaust, die seiner Ansicht nach bis in die heutige Zeit wirksam seien. Der intellektuelle Austausch dieser zwei großen Denker wurde unter dem Titel "Unser Jahrhundert" 2010 als Buch veröffentlicht – mit einem großen internationalen Presseecho. 2013 folgte dann ein zweites Buch: "Gegen den Strom. Ein Gespräch über Geschichte und Politik", das Fritz Stern zusammen mit dem früheren Außenminister Joschka Fischer geführt hat.

Die Doppelbiografie über die zwei deutschen Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi war 2013 eines seiner letzten Bücher: "Keine gewöhnlichen Männer." Auch Fritz Stern war in seinem Denken, seiner wachen Intellektualität und seiner Neugier bis ins hohe Alter ein außergewöhnlicher Mensch. An seinem 90. Geburtstag im Februar 2016 konnte er auf ein bemerkenswertes Werk und ein reiches Leben zurückblicken. Seine Stimme im Kanon der kritischen Geister wird fehlen.

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