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Kultur

Unentschieden im Auswärtsspiel

Das Verhältnis von Fußball und Film ist reichlich verkorkst. Vielleicht kann ja Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern" zusammenbringen, was bisher nicht zusammengehörte.

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Das Wunder von Bern, nachgestellt und in Farbe

Wim Wenders ist Fußballfan und würde eigentlich gern mal einen Film über seinen Lieblingssport drehen - er hält es nur für unmöglich. "Gegen die Dramaturgie eines Fußballspiels kann man mit den Mitteln des Films nur verlieren", sagte der deutsche Star-Regisseur im Gespräch mit DW-WORLD.

"Imposante Schreckensbilanz"

Tatsächlich ergeben die Versuche, Fußball im Film umzusetzen "eine imposante Schreckensbilanz", wie der Filmhistoriker Ulrich von Berg lästert. Von "Harry, the Footballer", dem 1911 entstandenen ersten Fußballfilm überhaupt, über die Trash-Ikone "Flucht oder Sieg" (unter anderem mit Pele und Sylvester Stallone als Torhüter), bis hin zur Adaption von Nick Hornby's Fußball-Roman "Fever Pitch" schaffte es keiner der vielen hundert Filme dem Geschehen auf Rasen und Rängen ästhetisch, intellektuell und fußballerisch gerecht zu werden.

Fußball Legende Fritz Walter

Fritz Walter mit dem WM-Pokal am 4. Juli 1954

Dies hinderte Sönke Wortmann jedoch nicht daran einen Traum zu haben. Der mit Filmen wie "Kleine Haie" oder "Der bewegte Mann" erfolgreiche deutsche Regisseur kickte einst selbst in der Zweiten Bundesliga – und wollte seit 15 Jahren unbedingt das wichtigste deutsche Fußballspiel überhaupt verfilmen: Das Weltmeisterschaftsendspiel von 1954, das Wunder von Bern. Ein Mythos, nach übereinstimmender Meinung der Historiker die eigentliche Gründung der Bundesrepublik: Der Kampf gegen einen anscheinend unschlagbaren Gegner, im Schlamm und im Regen, ein früher 0:2-Rückstand und schließlich der dramatische 3:2-Sieg gegen Ungarn. Hier und nirgendwo anders fand das verhasste und geschlagene Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in die Welt zurück.

Troja des Fußballs

Überliefert wurde dieser Mythos durch die sich überschlagende Stimme von Herbert Zimmermann in der legendären Radioreportage, dessen berühmteste Sätze fast jeder Deutsche zitieren kann: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen! Rahn schießt! Tor! Tor! Tor!" Unterlegt wird dies meist mit den Schwarz-Weiß-Bildern der Wochenschau – mit dem, was davon übrig ist. Lange existierten gerade einmal 15 Minuten Bildmaterial, der Rest wurde zerstückelt, ging verloren, wurde weggeworfen. Inzwischen kamen durch die fieberhafte Suche in den Filmarchiven der Welt noch ein paar Minütchen dazu und unlängst tauchten sogar zwei Minuten Farbfilm auf. Mehr ist für die Fußballarchäologen wohl nicht drin.

Deutschland Fussballweltmeister

Ferenc Puskas und der deutsche Torwart Toni Turek während des Wunders von Bern

Wortmann aber wollte warten, bis die Technik so weit war, dass diese Geschichte so gut erzählt werden könne, wie sie es verdiene. Das historische Berner Wankdorf-Stadion, 2001 von den Schweizern gefühllos abgerissen, kann jetzt am Computer wiedererstehen, die Zuschauerkulisse digital dazu gerechnet werden.

Aus 1500 mach 22

Nur die Fußballer selbst konnten noch nicht animiert werden: Da Wortmann das Spiel selbst so realistisch wie möglich zeigen wollte, brauchte er Schauspieler die kicken konnten. Es wurde eine der wohl ungewöhnlichsten Castings der Filmgeschichte durchgeführt: Wortmann brauchte 22 Mann zwischen 20 und 35 Jahren, die den historischen Spielern ähnlich sehen – und die Fußball mindestens auf Oberliga-Niveau spielen mussten.

Über 1500 Kandidaten wurden getestet, ehe die Besetzung für Fritz Walter, Ferenc Puskas und Co. feststand – und trotz dieser strengen Auswahl mussten Spielszenen Dutzende Male wiederholt werden - bis sie tatsächlich so aussahen wie am 4. Juli 1954, als Rahn aus dem Hintergrund hätte schießen müssen. Nicht zuletzt deshalb dauerten die Dreharbeiten deutlich länger als geplant: Eigentlich hätte das "Wunder von Bern" schon 2002 zur Fußball WM in die Kinos kommen sollen.

Das Wunder von Bern, Film von Sönke Wörtmann, Locarno 2003

Das Wunder von Bern, Film von Sönke Wörtmann, Locarno 2003 The Mircale of Bern, Matthias

Die Spielszenen vom dieser Tage beim Filmfestival in Locarno uraufgeführten "Das Wunder von Bern" finden nun sogar bei den kritischsten Fußballfans Anerkennung. "Das Kardinalproblem von Fußballfilmen ist gelöst: Endlich gibt es stimmige Darsteller", lobt Phillip Köster, Chef-Redakteur der Fußballzeitschrift "11 Freunde". Und sogar Wortmanns fiktive Rahmenhandlung um einen 11-jährigen Jungen im Ruhrgebiet findet Köster immerhin "ok".

Die Kritiker in Locarno waren weniger gnädig: Ambitioniert, aber gescheitert, lautete das gängige Urteil. Das Publikum war deutlich mehr angetan. Bei der traditionellen öffentlichen Aufführung unter freiem Himmel bekam der Film warmen Applaus. Kein Applaus wie im Stadion, aber immerhin. Unentschieden zwischen Kritikern und Zuschauern: Kein schlechtes Ergebnis für einen deutschen Fußballfilm - zumal auswärts.

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