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Kultur

Underground Russia

Andrej Sen-Senko, Ivengo, Dmitrij Chernyj: DW-WORLD präsentiert drei junge russische Dichter zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Eine Entdeckungsreise in drei Gedichten.

Ivengo: Underground Russia

und nun ist es passiert

woran niemand gedacht hat

das worauf man so lange gewartet hat

das was zuerst nicht alle glauben konnten

RUSSLAND IST UNTER DIE ERDE GESTÜRZT

die new york times berichtet – es geschah am abend

die irish times tönt – na was machen kann man nichts

der Spiegel konfus – wohin soll man die humanitäre hilfe schicken

und niemand auf der oberfläche wusste

dass das leben unter der erde weitergeht

GRAD-KITEZ wird schon wiedergeboren

die erde braucht kein drittes rom

arbeiter was fühlst du?

ARBEITER – ich fühle begleite das leben

direktor wie denkst du?

DIREKTOR – du verstehst nichts davon

Farmer wovon lebst du?

FARMER – solltest mich besser nicht rufen

businessman was liest du?

BUSINESSMAN – das was du im supermarkt zählst

general woher kommst du?

GENERAL – gib ... hurensohn

und das unterirdische russland dachte sich

während es auf den machtlosen globus schaute

es naht, es naht, es naht der messias

nur der bus kommt zu spät.

Andrej Sen-Senko: Der Millimeter als Genre

Er malt so kleine Bilder;

dass man bei seiner letzten Ausstellung

neben jede Arbeit

eine Lupe hängte

an einem schönen seidenen Faden.

Die Alben mit Reproduktionen seiner Werke,

erschienen beim Verlag Random house,

sind nach Verlangen des Autors

nie größer als eine Streichholzschachtel.

Er glaubt daran, dass ein eigener Schutzengel

nur den aufsucht, der unscheinbar klein ist.

Auf einer seiner Arbeiten

sieht man die Hände von Liebhabern,

die sich Asche in die Handflächen streuen.

Die Arbeit heißt

„Engel der Zigarettenasche, die mal zunimmt,

mal abnimmt

in Abhängigkeit davon, wie sich die Linien auf den Handflächen

füllen“.

Dmitrij Chernyj: (Links in die Metro)

Wenn der zweitausendste Februar

Schmelzend das Herz erdrückt

Im Rhythmus der strömenden Venenklumpen

Im Puls der Tage im Schädelinnern

Ohne Himmel

Scheinen uns die weißen Nächte des Winters

Den Gewölben ähnlich nach und nach in die Metro

Nacheinander gleiten wir hinab

Flossenartig flimmernd treffen sich Blicke

Der Grund dieser Tage unter der Erdlast

Als menschlicher Unterwasserstrom in den Tunneln

Unter der steinernen Schwere in den stickigen

Kabeln scheinen die Alltagsgesichter älter

Fügen sich der lügenden Reklame doch

Der Stahl der Mayakovskaya

In den roten Steinrahmen der

Säulen rostfreie Linien eingebogen

(nur ein weißer Belag wie Kalk

von den Strahlen des durchgesickerten Grundwassers)

Der helle Gips deines Kopfes

Vor marmorgelbem Hintergrund

Die rauhe entschiedene Kurve

Deines Halses ein Traum der Zwanziger

Doch die Vierziger drückten prüfend

Der junge Rücken der Sowjeträte

Hatte es häuslich hier bei dem Lärm

Unter jeder Säule vor den Bomben Schutz suchend

An den Mosaiken oben in den Gewölben am Himmel der

Heimat hielten sich fest mit einem gemeinsamen Blick

Die Fallschirme am Sport und die Sterne des Kreml

An jedem festen Gedanken

Der den Stein dem Stahl verwandt machte

(die Belüftungsgitter unter dem

weißen Anstrich wellenartig wie Häuser

dorther drang das Dröhnen der Explosionen

vielleicht unseres)

Hatte man etwa für diese Fische

Den Übergang zur Kaluzhsko-Rizhskaya Linie gebaut

Die Metro heute ein Supermarkt der Gebrechen

Besiedelt mit Verkäufern Bettlern

Für eure demokratische Wahl Russlands

Verstümmelte Glieder und Hände der Verunstalteten aufgereiht

Mit körperlich-süßen Zeitschriften

Im Blick der Vorübergehenden verschmelzen die Blinden

Mit den nackten Pressebildern

Ekzemflecken mit dem klebrigen

Make-up der hurschönen Schauspielerinnen

vogue helfen sie

in Gottes Namen

muss ohne Vater auskommen

komm ins Marlboro Land

lächle geh in den Zirkus

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