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Wirtschaft

Unbequeme Wahrheit

Aus umweltpolitischer Sicht wäre ein globaler Schrumpfungsprozess nötig, schreiben Lars Schmidt und Dr. Pierre Ibisch in der Gastkolumne des DIE. Ist dann aber noch eine herkömmliche Entwicklungspolitik vertretbar?

Symbolbild Gastkolumne (Foto: DW)

In ihren vorherigen Kolumnen ("Wachstum und nachhaltige Probleme“ vom 19.10.2009 und "Nachhaltigkeit die Zweite: Eine neue ökologische Radikalität“ vom 30.11.2009) plädierten die Autoren für eine neue ökologische Radikalität und mehr neuer statt "alter Politik“. Ein "Green New Deal“ im Sinne eines klimawandelneutralen Wirtschaftswachstums führe nicht in die Nachhaltigkeit. Grundsätzlich sei Wachstum auch keine langfristig tragfähige Lösung für die Armutsbekämpfung. Nunmehr diskutieren die Autoren aktuelle Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung und erläutern, inwieweit diese umsetzbar scheinen.

Konzepte für die Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung lassen sich zumeist drei Kategorien zuordnen: Erstens: Ersetzen von quantitativem Wachstum durch qualitatives Wachstum, also Entkoppelung von Ressourcenverbrauch durch Steigerung der Effizienz, de-materialisierte Wertschöpfung und Konsistenz im Sinne von geschlossen wirtschaftlichen Stoffkreisläufen, zweitens: Nullwachstum u.a. in Form der von Herman Daly skizzierten “ Steady-State Economy” und drittens Schrumpfung oder Kontraktion unter der Annahme, dass die Tragfähigkeitsgrenzen bereits überschritten worden sind.

Qualitatives Wachstum entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Illusion, die jenen als Ausrede dient, die entweder einen Strukturwandel aus eigenen Interessen verschleppen wollen oder von einem starken Glauben an unsere technische Innovationskraft beseelt sind. Relative Entkoppelung, also eine Reduktion des Verbrauchs von Energie und auch von bestimmten Naturressourcen pro Einheit BIP, findet in vielen Ländern zwar statt. Allerdings sorgen Rebound-Effekte dafür, dass Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum und Schaffung neuer Produktionsstrukturen zunichte gemacht werden. Auch entstehen im Rahmen technischer Innovationen oft zusätzliche Abfallstoffe, die das Konsistenzprinzip untergraben. Generell werden Effizienzgewinne in einzelnen Ländern global durch Bevölkerungswachstum und steigenden Lebensstandard aufgebraucht.

Globale Schrumpfung wünschenswert

Ist es wünschenswert und möglich, den absoluten und wachsenden Ressourcenverbrauch durch Einführung von Obergrenzen zu stabilisieren bzw. zu reduzieren? Im Sinne globaler Gerechtigkeit wäre ein globales Nullwachstum (die " Steady-State Economy“) weder ethisch akzeptabel noch in Ansätzen umsetzbar, da es den Entwicklungsländern ein unzumutbares Opfer abverlangt. Stattdessen müsste, ähnlich den Absichten der internationalen Klimapolitik, eine absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs in Industrie- und Schwellenländern beginnen, während Entwicklungsländer eine gewisse Zeit ihren Ressourcenverbrauch weiter steigern dürften. Obwohl theoretisch denkbar, erweist sich globales Nullwachstum wegen der strukturellen wirtschaftlichen Abhängigkeit von Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern als unmöglich. Ein Schrumpfungsprozess oder auch nur schwächeres Wachstum in Industrie- und Schwellenländern würde zwangsweise zu einer Verringerung z. B. von Rohstoffimporten führen, während Direktinvestitionen in Entwicklungsländern abnehmen könnten. Ein Schrumpfungsprozess in Industrieländern würde auch das Wachstum in Entwicklungsländern reduzieren.

Zur Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung wäre ein globaler Schrumpfungsprozess hingegen genau das Richtige. Das damit verbundene Dilemma hat Tim Jackson mit folgendem Satz auf den Punkt gebracht: " Wachstum ist nicht nachhaltig, Nicht-Wachstum führt unter den jetzigen Rahmenbedingungen zu gesellschaftlicher Instabilität.“ Dem hinzuzufügen ist nur, dass eine Fortführung des Wachstumspfades zu einer endgültigen und unbeherrschbaren Instabilität von Erdsystem und den von ihm abhängigen Gesellschaften führen könnte. Je früher allerdings mit einer freiwilligen Schrumpfung begonnen würde, desto mehr Gestaltungsmöglichkeiten blieben für die Minderung einer ggf. eintretenden gesellschaftlichen Destabilisierung. Schrumpfung bedeutet weniger Konsum, heißt weniger Produktion, macht gleich weniger Arbeit und weniger Einkommen, was wiederum weniger Konsum bedeutet und so weiter und so fort. Schrumpfung ohne gerechte Umverteilung von Arbeit und Einkommen würde zu gesellschaftlichen Unruhen führen. Niko Paech skizziert eine Post-Wachstumsökonomie als eine Mixtur aus Umverteilung, der Trennung vom gegenwärtigen Geld- und Zinssystem, Innovationsorientierung und globaler Fremdversorgung. Es müsste eine Balance zwischen Eigen- und Fremdversorgung innerhalb regionaler Wirtschaftskreisläufe erreicht werden, welche weniger einkommens- bzw. geld- und damit auch wachstumsabhängig wären. Dazu gehörte auch eine mit einem gegen Null tendierenden Zinsniveau ausgestatte Währung nach dem Vorbild vieler bestehender Regionalwährungen, die eine Akkumulation von Kapital mangels Anreiz verhindert.

Wenig Chancen für Alleingänge

Welche Chancen hat ein solcher Ansatz, der vielen Post-Materialisten so wünschenswert erscheint? Bundeskanzlerin Merkel hat mehrfach betont, dass es einen Alleingang in Richtung Nachhaltigkeit nicht geben wird. Global wäre damit nichts gewonnen, da der Rest der Welt weiter wachse. Ja, er würde Deutschland im internationalen Wettbewerb benachteiligen und ggf. sogar isolieren. Eine globale Lösung im Rahmen einer bestehenden oder weiteren internationalen Konvention auf UN- oder WTO-Basis anzustreben, erscheint extrem unrealistisch, denn wer sollte dafür schon eintreten? Selbst wenn eine solche Wachstumsbeschränkungs-Konvention zustande käme, käme sie erstens zu spät und würde zweitens an Ineffektivität sicherlich der Klimarahmenkonvention nacheifern. Die ‚Kopenhagener Ereignisse’ haben jüngst gezeigt, dass ein vom Konsensprinzip geleitetes und auf Einschränkung der Nationalstaaten zielendes globales Regime wenig Erfolg versprechend ist. Zu unbequem ist die Wahrheit, dass wir über unsere Verhältnisse leben und nur Verzicht eine nachhaltige Entwicklung wieder möglich machen könnten.

Bleibt also eine ökologische Radikalität - die darauf abzielt, dass die Gesellschaft endlich anerkennt, Teil eines Ökosystems zu sein, dessen Naturgesetzen sie nicht entfliehen kann - dazu verdammt, auf geduldigem Papier gepredigt zu werden? Sollen wir wegen des gesellschaftlichen Beharrungspotenzials offenen Auges und mit Vollgas, befeuert von Wachstumsbeschleunigungsgesetzen, Hand in Hand mit dem Rest der Welt, vor die Wand fahren? Es geht darum, realistische Szenarien zu entwickeln, sich dabei der unvermeidlichen "Schwarzmalerei-Totschlag“- Argumente zu erwehren, und im Sinne einer grundlegenden und präventiven Daseinsfürsorge Politiker und Gesellschaft dazu zu bringen, endlich das Wohlergehen heutiger und zukünftiger Generationen als Ausgangspunkt für alle Entscheidungen zu machen.

Lesen Sie auf Seite 2: Neue Politik nötig

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