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Bücher

Unbequeme Überlebende

Mascha Rolnikaite überlebte den Holocaust in Litauen. Ihre Tagebuchaufzeichnungen sind nun erstmals auf Deutsch erschienen. Doch das wichtige Zeitzeugnis war auf der diesjährigen Buchmesse kein Thema.

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"Ich muss erzählen ... "

Die einzigen deutschen Wörter, an die sie sich bis heute klar und deutlich erinnern kann, sind "Judenschwein", "Judensau" oder "Judenpack". Mascha Rolnikaite sprach sie auf einer Lesung im Jüdischen Museum Frankfurt so aus, dass es einen fröstelt. Die jüdische Litauerin hat sie nach fast 60 Jahren nicht vergessen.

Kindheitserinnerungen

Ghetto in Littauen

Slobodka, Litauen während des 2. Weltkrieges

Mascha ist noch ein Kind, als die deutsche Wehrmacht 1941 Litauen besetzt. Sie wird Zeugin des Genozids an mehr als 40.000 Menschen. Mascha wird zusammen mit ihrer Familie in das Ghetto von Wilna gesperrt. Ihre Familie wird später ermordet. Mit 16 Jahren wird sie ins Konzentrationslager gebracht.

Ihr Vater, ein Rechtsanwalt, pflegte seinen Kindern einst auf Deutsch zu sagen: "Geld verloren, nichts verloren, Mut verloren, alles verloren." Nur der Mut hält sie während dieser Zeit am Leben, den Mut alles aufzuschreiben und der Nachwelt zu hinterlassen. Auf gefundene Notizen steht die Todesstrafe, daher ist zuerst das Gedächtnis ihr Tagebuch, später Papierfetzen und Mülltüten.

Zeugnis ablegen – unter sowjetischer Zensur

Buchcover: Rolnikaite - erzählen

Mascha Rolnikaite: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945. Kindler Verlag

"Ich muss erzählen, mein Tagebuch 1941-1945" ist nun erstmals vollständig und unzensiert in Deutschland erschienen, im Berliner Kindler Verlag, in der Sprache der Täter. Es ist nicht die erste Veröffentlichung, bereits in den 1960er Jahren erschienen Rolnikaites Aufzeichnungen, die sie ursprünglich auf jiddisch verfasst hatte, in russischer Übersetzung. Allerdings zensiert: Ganze Passagen wurden unter den Sowjets gestrichen - die, in denen die Rede ist von einheimischen Kollaborateuren, die sich an der Tötung der eigenen Landsleute beteiligten.

Tabuthema Holocaust

Die Kollaboration in Litauen ist bis heute ein Tabuthema. "Viele litauische Helfer der Nationalsozialisten waren später angesehene Persönlichkeiten, die bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden", so Thomas Schulz vom Deutschen Kulturforum östliches Europa im Gespräch mit DW-WORLD. Die Europäische Union hat jüngst die von Litauen ersehnte Aufnahme in die Gemeinschaft bestätigt. Die Verarbeitung der eigenen Geschichte sei ein sensibles Thema für Litauen. Doch die geht langsam voran: In Vilnius (früher Wilna) fand im September 2002 eine erste Internationale Holocaust-Konferenz statt.

Nicht erwünscht auf der Buchmesse?

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse stand Litauen im Mittelpunkt. Mit einer literarischen Präsentation der Vergangenheit hielt man sich allerdings zurück. Der Vorschlag des Kindler Verlages, auch Mascha Rolnikaite zu vertreten, blieb erfolglos. "Rolnikaite nicht einzubeziehen, ist für uns nicht nachvollziehbar", betonte Dorothee Lehlbach vom Kindler Verlag im Interview mit DW-WORLD.

Die Koordinatorin, Ausrine Junikaite, versteht die Kritik an der Auswahl nicht. Keiner wolle etwas verbergen, man habe die 22 Autoren aus einer Auswahl von 350 "nach bestem Wissen und Gewissen ausgesucht". Es seien die besten Schriftsteller, die Litauen zu bieten habe, wehrt Junikaite ab.

Schreiben gegen Rechtsradikalismus

Mascha Rolnikaite ist heute 75 Jahre alt und lebt in St. Petersburg. Vom Buchcover lächelt ein junges hübsches Mädchen mit großen braunen Augen. Optimistisch sieht sie da aus. Heute ist ihr die lebhafte Debatte um die vieldiskutierte fehlende Präsenz auf der Buchmesse scheinbar gleichgültig. Ihre braunen Augen blicken traurig, aber bestimmt. Das Wichtigste sei zu schreiben – gegen das Vergessen. Denn sie spüre eine Zunahme antisemitischer Tendenzen. "So etwas darf nie wieder passieren, und solange ich lebe, werde ich dagegen schreiben".

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