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Kultur

Unbequem zur Unzeit

Vor 40 Jahren wurde Hochhuths Stück "Der Stellvertreter" uraufgeführt. Als der Vorhang am 20.2.1963 fiel, begann das eigentliche Drama: Nie zuvor hatte ein Stück so heftige Emotionen im Nachkriegsdeutschland ausgelöst.

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Papst Pius XII.

Das "christlicheTrauerspiel" Rolf Hochhuths spaltete die Öffentlichkeit und machte den 31-Jährigen schlagartig weltbekannt. Der Autor prangerte in seinem literarischen Erstlingswerk den "Stellvertreter" Christi auf Erden an - Papst Pius XII. Wie konnte der 1939 zum Pontifex gewählte Eugenio Pacelli schweigen zum millionenfachen Mord an den Juden?

Erwin Piscator (1893-1966), der das Stück inszenierte, schrieb im Vorwort zu dem im Februar 1963 veröffentlichten Drama: "Dieses Stücks wegen lohnt es sich Theater zu machen; mit diesem Stück fällt Theater wieder eine Aufgabe zu, erhält es Wert und wird notwendig." Nicht die Analyse eines Staats- und Kirchensystems in einer bestimmten historischen Situation interessierte Hochhuth, sondern das Verhalten einzelner Personen, ihr Versagen, ihre Schuld.

Dramatis Personae

Im Zentrum des Stücks steht Pius XII. und sein Verhalten angesichts der Deportation von Juden in die Todeslager. Hochhuths Drama führt den unterschiedlichen Umgang mit der Vernichtungsmaschinerie der Nazis vor Augen: Rebellion, Märtyrertum, Schweigen, Mittäterschaft. Da ist "Gerstein", SS-Obersturmbannführer, der als Gehilfe der Todesmaschinerie das KZ-Gas Zyklon-B beschafft und zugleich die Hölle bekämpfen will. Er kommt als Rebell um. Da ist der das Böse verkörpernde "Doktor" - zynisch die "Seele von Auschwitz" genannt. Und der Jesuit "Riccardo": Er heftet sich den gelben Judenstern an die Brust und wird nach Auschwitz deportiert, nachdem er den Papst nicht überzeugen konnte, eindeutig Stellung gegen die Judenvernichtung zu beziehen. Sein Urteil: "Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher."

Für und Wider

Hochhuths Stück fand gewichtige Fürsprecher in Hannah Arendt und Karl Jaspers. Es stieß auf Kritiker, die ihm vorwarfen, Geschichte zu simplifizieren, da sie auf moralische Entscheidungen einzelner verkürzt werde - und es rief erbitterte Gegner auf den Plan. Papst Paul VI. fragte: "Darf man eine derartige theatralische Ungerechtigkeit ein Werk der Kultur und Kunst nennen?" Das Zentralkomitee der Katholiken entrüstete sich: Die Person und den Charakter des Papstes habe Hochhuth verzerrt und verleumdet - "bis aus schwarz weiß" wurde.

Von seinen Kritikern fühlte sich Hochhuth falsch verstanden. Vehement wehrte er sich gegen die Zuspitzung seines "geschichtsfälschenden Schmierwerks" - so einige Kritiker - auf die Botschaft, dass ein anderes Auftreten des Papstes die weitere Ausrottung der Juden verhindert hätte. Das konnte er nicht beweisen, und er wollte das nach eigenem Bekunden auch nicht. (arn)

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