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Amerika

Unbeliebter Aufsteiger

Brasiliens Expansionskurs in Lateinamerika und Afrika beschert dem Schwellenland nicht nur Freunde. Gerade in wirtschaftlich schwachen Ländern gelten brasilianische Unternehmen als "neue Imperialisten".

Am Anfang schmeckte Uruguays Einwohnern das brasilianische Bier noch. Auch gegen die Filialen der brasilianischen Bank "Itaú" in der Hauptstadt Montevidéo hatte niemand etwas einzuwenden. Doch als 2005 brasilianische Firmen begannen, die Kühlhäuser im Land aufzukaufen, wurden viele misstrauisch. Der Handel mit Uruguays Exportschlager Nummer eins, dem Rindfleisch, lag auf einmal zu großen Teilen in brasilianischer Hand.

Kühlhäuser in Uruguay, Sojaplantagen in Paraguay und Wasserkraftwerke in Peru - brasilianische Firmen erobern Südamerika. Die Zahlen sind beeindruckend: Nach Angaben des brasilianischen Außenministeriums stiegen die Ausfuhren nach Lateinamerika und in die Karibik zwischen 2002 und 2011 von 11,5 auf 57 Milliarden US-Dollar an. Nach Asien ist die Region damit der zweitwichtigste Markt für brasilianische Exporte.

Bewunderung und Ablehnung

Doch in der Region beobachtet man den wirtschaftlichen Aufstieg am Zuckerhut skeptisch. "In vielerlei Hinsicht ist die Art und Weise, wie die Nachbarländer auf Brasilien schauen ähnlich wie früher der Blick Südamerikas auf die Vereinigten Staaten", so Oliver Stünkel, Professor für internationale Beziehungen am Wirtschaftsinstitut "Fundaçao Getulio Vargas" im Gespäch mit der DW. "Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Ablehnung."

Luiz Felipe Lampreia Foto: Vanderlei Almeida (AFP)

Luiz Felipe Lampreia: "Diplomatischer Ausrutscher"

Vor allem in Paraguay ist das politische Klima angespannt. Brasiliens Haltung nach der Amtsenthebung des damaligen Präsidenten Fernando Lugo im Juni vergangenen Jahres wird in Asunción noch immer als unangebrachte Intervention bewertet. "Als Brasilien darauf gedrungen hat, Paraguay vom gemeinsamen südamerikanischen Markt Mercosur zu suspendieren, kam dort das Gefühl wieder hoch, dass sich Brasilien in der Region wie eine Hegemonialmacht verhält", sagt Experte Stünkel. Auch der ehemalige brasilianische Außenminister Luiz Felipe Lampreia bewertet das damalige Verhalten seiner Regierung als diplomatischen Ausrutscher: "Diese politische Entscheidung hat großes Unbehagen in Paraguay ausgelöst", sagte der Diplomat der Deutschen Welle.

Keine Kolonialmacht

Den Vorwurf, Brasilien verhalte sich wie eine Kolonialmacht, hält Lampreia jedoch für absurd. "Die Brasilianer zahlen Steuern, exportieren Waren und schaffen Arbeitsplätze - in Paraguay genauso wie in Uruguay oder Bolivien", gibt er zu bedenken.

Einsamer Traktor auf einem großen Sojafeld in Paraguay (Foto: Friends of the Earth)

Besitzergreifender Nachbar: Viele Soja-Plantagen in Paraguay gehören brasilianischen Firmen

Ob als Freund oder Feind - Brasiliens wirtschaftliche und politische Expansion schreitet voran. Allein das Bergbauunternehmen Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) will bis 2014 insgesamt 9,6 Milliarden US-Dollar im Ausland investieren, einen Großteil davon in den afrikanischen Ländern Mosambik, Angola und Sambia. Der Industrie-Konzern Odebrecht ist mit 17.000 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber in Angola. Und die staatliche Ölgesellschaft Petrobras fördert in Angola und Nigeria.

Politische Rückendeckung in Afrika

Die Expansion Brasiliens auf dem afrikanischen Kontinent ist politisch gewollt. Der südamerikanische Riese ist dort inzwischen mit über 37 Botschaften vertreten. Und die brasilianische Entwicklungsbank BNDES fördert auch inländische Großprojekte mit günstigen Krediten.

Förderbänder der Kohlemine Minas de Moatize. Die Mine ist die älteste Mine in der Region Tete, aber heute einer der kleineren. Früher wurde die Kohle unterirdisch abgebaut, heute im Tagebau. Die Förderbänder gehören zur Waschanlage, in der die Kohle aufgearbeitet wird. (Foto: DW)

International aktiv: Brasilianisches Minenunternehmen in Mosambik

Brasiliens Staatspräsident Lula da Silva besuchte die Länder südlich der Sahara während seiner Amtszeit (2003 bis 2011) mehr als ein Dutzend Mal. Auch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff setzt die Süd-Süd-Kooperation fort. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der jährliche Handel zwischen Afrika und Brasilien ist von 4,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2000 auf mittlerweile über 20 Milliarden US-Dollar angewachsen.

Wachsender Unmut

Doch die Expansion Brasiliens sorgt auch im portugiesischsprachigen Afrika für Unmut. So stürmten im Juli 2010 wütende Demonstranten die Eisenerzmine der Firma Vale in Guinea, weil diese Arbeitnehmerrechte missachtet haben soll. Auch im ostafrikanischen Mosambik protestierten im vergangenen Jahr Kleinbauern gegen das Bergbauunternehmen, weil sie umsiedeln mussten, um der Kohleförderung in Moatize Platz zu machen.

"In Mosambik hat Vale ein so schlechtes Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung, dass bei vielen Leuten das Image Brasiliens schlechter ist als das Portugals zu Kolonialzeiten", schrieb Carlos Tautz kurz nach den Protesten in der brasilianischen Tageszeitung "O Globo". Wenn die Regierung die brasilianischen Firmen nicht an die Einhaltung internationaler Regeln erinnere, so der Journalist, werde Brasilien künftig "lediglich als eine weitere imperialistische Nation" wahrgenommen.

Doch nicht alle Wirtschaftsexperten teilen diese Meinung. "Das Ansehen Brasiliens ist in Afrika noch sehr gut. Dort wird immer noch der rote Teppich ausgerollt", berichtet Wirtschafts-Experte Stünkel.

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