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Politik

Unabhängigkeitsfeier als Farce?

Peking feiert den 100. Jahrestag des Widerstands gegen britische Truppen in Tibet. Zur Untermauerung seines Anspruchs auf Tibet schreckt die Regierung auch vor Geschichtsfälschung nicht zurück.

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Tibet steht unter chinesischer Beobachtung


Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua ("Neues China") bezeichnet den Einmarsch der britischen Soldaten vor 100 Jahren als "barbarische Invasion". Das chinesische Volk hätte sich gegen ausländische Angriffe jeglicher Art gewehrt, heißt es weiter. Damit demonstriert China einen Nationalstolz, der die Tibeter gleich mit einbezieht. In England dagegen spricht man bis heute nur von einer "Expeditionsreise nach Tibet". Was Invasion von Expedition unterscheidet, darüber streiten die Historiker.

"Natürlich war es eine Expedition in dem Sinne, dass eine begrenzte Truppe nach Tibet einmarschiert ist", so Professor Dieter Schuh von der Universität Bonn. Im Grunde sei es eine "Invasion, unter der man oft mehrere kriegerische Handlungen versteht. Es war eine Expedition, die rein militärisch war und die dazu diente, nach Lhasa zu kommen und den Tibetern den Willen der Engländer aufzuzwingen."


Chinesen nennen Expedition Kolonialismus

Angriffe mit diesen Intentionen nennen die Chinesen Kolonialismus. Viele Grenzdörfer wurden von den Engländern eingenommen, mehr als 1400 tibetische Milizsoldaten kamen ums Leben. Die Chinesen waren dagegen nicht an der Verteidigung beteiligt. Kelsang Gyaltsen, der EU-Gesandte des Dalai Lama, spricht denn auch von einem tibetischen Triumph, nicht von einem chinesischen Sieg. "Die Tibeter haben 1904 gegen den Einmarsch die Freiheit ihres Landes verteidigt. Als die Briten in Tibet einmarschierten, obwohl die Tibeter Unterstützung in den Nachbarländern gesucht haben, waren sie auf sich allein gestellt. "

Dadurch, dass die chinesische Regierung diesen Jahrestag zum Anlass für eine große Feier des gesamten chinesischen Volks nimmt, will sie natürlich demonstrieren, dass Tibet seit eh und je zu China gehört habe. Das stimmt aber nicht, meint Kelsang Gyaltsen. Es existiere über die Geschichte von Tibet die Version der chinesischen Regierung. Laut dieser Version sei Tibet seit vielen Jahrhunderten Teil des chinesischen Reiches. Dann aber habe man die tibetische Version der Geschichte. "Tibet war demnach ein unabhängiges Land bis zum Einmarsch der Volksbefreiungsarmee der Volksrepublik China", erklärt Gyaltsen.

Auch China besetzte Tibet

Nach der Gründung der Volksrepublik China marschierte die kommunistische Volksbefreiungsarmee im Jahr 1951 nach Tibet ein. Das sei gar nicht weniger schlimmer als ihre Vorgänger vor 100 Jahren, meint der Wissenschaftler der Heinrich-Böll-Stiftung, der gebürtige Tibeter Tsewang Norbu. "Was China heute in Tibet macht, ist effektiv Kolonialismus. Was China in Tibet macht, hat mehr kolonialistische Merkmale als damals beim Einmarsch der Briten."

Insbesondere der Bau der ersten Eisenbahnlinie nach Lhasa wird die Kolonisierung Tibets durch die Chinesen fördern. Denn zurzeit kann man Tibet nur per Flugzeug, Auto oder eben zu Fuß erreichen. Die chinesische Regierung hat umgerechtnet zwei Milliarden Euro in die erste Bahnverbindung aufs Dach der Welt investiert und hofft auf wirtschaftlichen Aufschwung. Kritiker sagen, Peking wolle die reichen Bodenschätze Tibets ausbeuten und mehr Chinesen dort ansiedeln.

Dalai Lama für gemeinsame Zukunft Das geistliche Oberhaupt Tibets, der Dalai Lama, verließ 1959 sein Land und kämpft seitdem für die Freiheit Tibets. In den vergangenen Jahren gab es Verhandlungen zwischen der Pekinger Regierung und Vertretern des Dalai Lama. Kelsang Gyaltsen, der EU-Gesandte des Dalai Lama, sieht darin einen kleinen Fortschritt in der Tibet-Frage. "Die Position des Dalai Lamas ist: Lasst die Vergangenheit vergangen sein. Was wichtig ist, ist die Zukunft."

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