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Fokus Osteuropa

"Unabhängigkeit Kosovos wäre Blankovollmacht für Russland"

Im Interview mit DW-RADIO berichtet Russland-Experte Alexander Rahr von einem exklusiven Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der führende Russland-Experten zum Gespräch empfangen hatte.

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Alexander Rahr, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Am 9. September fand das inzwischen dritte Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem so genanten Waldaj-Klub statt. Dem Klub gehören führende Russland-Experten an, so auch Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

DW-RADIO/Russisch: Herr Rahr, in letzter Zeit hat der Kreml mehrfach darauf aufmerksam gemacht, Russland könne sich politisch und wirtschaftlich von Europa nach Asien hin umorientieren. In diesem Zusammenhang wurden auch Gas- und Ölleitungen erwähnt. Hat Putin davon gesprochen?

Er hat sehr viel davon gesprochen. Putin wies erneut darauf hin, dass Russland das an Naturressourcen reichste Land ist. Deswegen gebe es viele, die sich diese Ressourcen aneignen wollten, aber Russland werde dies niemandem erlauben. Andererseits sagte Putin, Russland sei an einer engen Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen interessiert. Dabei unterstrich der Präsident vor allem, dass es Russland zu seinem eigenen Erstaunen in letzter Zeit sehr viel leichter falle, eine Zusammenarbeit im Energiebereich gerade mit asiatischen Ländern zu entwickeln. Besser als je zuvor entwickelten sich die Beziehungen zu China und anderen Staaten in der asiatisch-pazifischen Region. Fortschritte seien auch in der russisch-japanischen Zusammenarbeit zu beobachten. Putin ist der Ansicht, dass sich die Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit erweitern wird. Dabei unterstrich er besonders, dass die Shanghai-Organisation kein Militärblock werden wolle. Er äußerte die Überzeugung, dass, wenn entsprechende Abkommen geschlossen würden, Russland sehr schnell neue Gas- und Ölleitungen nach China, Japan und in andere Länder der Region verlegen könnte. Putin betonte, die Europäer würden sich täuschen, wenn sie behaupteten, jene Baumaßnahmen würden Jahrzehnte dauern. Er betonte aber auch, die Bedeutung der strategischen Partnerschaft mit Europa nicht zu unterschätzen. Nur betrachte Europa Moskau zu oft als Konkurrent in der internationalen Arena und lasse Russland nicht auf die eigenen Märkte. Es werde um Einfluss gerungen, aber Putin hofft, dass diese Zeit in den Beziehungen bald vergeht und die Zusammenarbeit zwischen Europa und Russland sich weiter entwickeln wird.

Ist es möglich, dass Moskau die Unabhängigkeit Abchasiens, Südossetiens und Transnistriens anerkennt im Kontext einer derzeit im Westen diskutierten möglichen Anerkennung der Souveränität Kosovos?

In der Frage über den Status des Kosovo hat Putin den Westen davor gewarnt, voreilig zu entscheiden und die Linie des UN-Sicherheitsrates zu ignorieren. Falls die Unabhängigkeit Kosovos anerkannt wird, dann wird Russland davon ausgehen, dass es eine Blankovollmacht erhält, in erster Linie dafür, die Frage der Souveränität Transnistriens, Abchasiens und Südossetiens aufzuwerfen. Putin hat dies sehr deutlich zu verstehen gegeben. Aber auf die Nachfrage, ob sich Moskau tatsächlich zu einem solchen Schritt entschießen würde und Russland sein Veto gegen die Unabhängigkeit Kosovos einlegen würde, gab der Präsident keine eindeutige Antwort.

Wurde auf dem Treffen mit Putin auch über eine mögliche dritte Amtszeit gesprochen?

Putin sagte, die Verfassung dürfe nicht verletzt werden. Er wolle, dass seine Bürger nicht gegen die Gesetze verstoßen, und er wolle kein schlechtes Beispiel liefern. Deswegen wolle er nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Gleichzeitig sagte er: "Schauen Sie sich die Ergebnisse von Meinungsumfragen an, die meisten Menschen wollen, dass ich bleibe." So gibt es hier schon etwas, worüber man nachdenken könnte.

Hat er denn den Namen seines potenziellen Nachfolgers genannt?

Trotz aller unserer Versuche, den Namen des potenziellen Nachfolgers "auszufragen", hat uns Putin nichts Konkretes gesagt.

Das Gespräch führte Viacheslav Yurin
DW-RADIO/Russisch, 11.9.2006, Fokus Ost-Südost