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Globale Zusammenarbeit

UN ruft Privatwirtschaft zu mehr Engagment bei Katastrophenvorsorge auf

Naturkatastrophen bringen der Privatwirtschaft immer wieder hohe Verluste ein. Dennoch engagieren sich viele Unternehmen nicht im Bereich der Risikoprävention. Ein UN-Bericht zeigt, dass genau dies lohnenswert sein kann.

Das 21. Jahrhundert hat zwar gerade erst begonnen, aber der Begriff "Jahrhundertkatastrophe" zeigt schon Abnutzungserscheinungen. Tsunamis, Erdbeben, Überschwemmungen, Superstürme - in den vergangenen Jahren hat die Welt all das mehrfach gesehen.

Dabei ist es nicht die Häufigkeit der Katastrophen, die zugenommen hat, sondern das Ausmaß der Schäden, die sie anrichten, sagen Katastrophenexperten der Vereinten Nationen und legen neue Zahlen vor: Allein seit dem Jahr 2000 haben Desaster weltweit wirtschaftliche Schäden in Höhe von 2,5 Billionen US-Dollar angerichtet. Die Tornadoschäden in Oklahoma, die sich nach Schätzungen auf mehr als zwei Milliarden US-Dollar belaufen sollen, fallen angesichts dieser Summe kaum ins Gewicht.

Der Privatsektor wacht auf

Dennoch dürfte für den Wiederaufbau in Oklahoma gelten, was aus anderen Katastrophengebieten schon bekannt ist: 80 Prozent der Investitionen in die Wiederherstellung der zerstörten Infrastruktur werden vom Privatsektor getragen. Das UN-Sekretariat zur Katastrophenvorsorge (UNISDR) widmet seinen neuesten Bericht zur globalen Risikoprävention deshalb der Rolle der Privatwirtschaft bei Desastern.


Andrew Maskrey (Foto: CC-BY-SA-OREALC/UNESCO)

Andrew Maskrey ist Hauptautor Koordinator des UNISDR-Berichts

Der Schutz von Menschenleben sei nach wie vor das wichtigste Anliegen im Katastrophenschutz, beteuert Andrew Maskrey, der Hauptautor. Man wolle aber mit dem Bericht darauf hinweisen, wie sorglos die Privatwirtschaft lange mit dem Thema Katastrophenvorsorge umgegangen sei: "Noch vor drei oder vier Jahren zeigte der Privatsektor nur geringes Interesse an Katastrophenrisiken und umgekehrt waren auch der öffentliche und der internationale Sektor nicht daran interessiert, was die Privatwirtschaft tat."

Globalisiert und verletzlich

Doch inzwischen ist etwas in Bewegung geraten, wie die große UN-Konferenz zum Katastrophenschutz in Genf zeigt. Unter den mehr als 4000 Teilnehmern befanden sich zahlreiche Firmenvertreter. Es handelte sich dabei nicht nur um Personal von Versicherungen, Baufirmen und Telekommunikationsunternehmen, die mit dem Wiederaufbau nach Katastrophen Geschäfte machen.

Das Interesse der Privatwirtschaft an der Risikoprävention ist seit dem Tsunami in Japan und dem Hochwasser in Thailand massiv gewachsen. Beide Großkatastrophen im Jahr 2011 haben vorgeführt, wie verletzlich die globalisierte Wirtschaft geworden ist. Produktionsausfälle bei japanischen und später thailändischen Zulieferbetrieben brachten damals weltweit die Computer- und Autoproduktion ins Stocken.

Von der Überschwemmung beschädigte Wagen auf einem Firmengelände von Honda in Thailand (Foto: PORNCHAI KITTIWONGSAKUL/AFP/Getty Images)

Von der Überschwemmung beschädigte Wagen auf einem Firmengelände von Honda in Thailand

Gegen direkte Schäden von Katastrophen wie zerstörte Produktionsanlagen, beschädigte Transportwege oder unterbrochene Stromleitungen können Unternehmen sich ebenso wie gegen anschließende Produktionsausfälle versichern, erläutert Andrew Maskrey. Gegen die langfristigen Folgen von Produktionsausfällen gibt es aber keine Versicherung. Wer nicht liefern kann, verliert seine Partner. Mitarbeiter werden arbeitslos oder wechseln zur Konkurrenz, der Marktanteil sinkt, der Ruf ist beschädigt. "Wenn du das Geschäft einmal verloren hast", warnt Maskrey, "ist es sehr schwer, es wieder zurückzuholen."

Daher liegt es auch im ureigenen Interesse der Privatwirtschaft, sich im Bereich der Katastrophenvorsorge verstärkt zu engagieren.

Vom Wissen zur Tat

Thomas Loster war viele Jahre beim Rückversicherer Munich Re in der Risikoanalyse tätig. Große Unternehmen, die viel zu verlieren haben, schauen bei der Standortwahl sehr genau hin, sagt Loster, der inzwischen Geschäftsführer der Stiftung des Unternehmens ist. Die zahlreichen kleinen Zulieferbetriebe in den Entwicklungs- und Schwellenländern hingegen sind den Katastrophenrisiken stärker ausgeliefert und gleichzeitig am wenigsten vorbereitet. Das müsse nicht sein.

Thomas Loster (Foto: Münchner Rück Stiftung)

Thomas Loster war Risikoanalyst bei der Munich Re

Mit Hilfe moderner Kommunikationstechnologie lassen sich heute Gefahrenkarten für jeden erdenklichen Produktionsstandort erstellen, erklärt Thomas Loster. "Munich Re hat ein Computersystem, da stecken Sie mit einer Nadel an einen beliebigen Punkt der Erde und bekommen das Risikospektrum von diesem Ort - mit welcher Wahrscheinlichkeit welche Naturgefahr diesen speziellen Punkt betreffen wird."

Von diesen Risikoanalysen profitieren erst einmal die Kunden der Rückversicherer - in der Regel finanzkräftige Unternehmen. Munich Re unternimmt zugleich aber auch gezielte Anstrengungen, sein Wissen kostenlos an Projekte und Initiativen in Entwicklungsländern weiterzugeben.

Investitionen um jeden Preis?

Wie Versicherungen wissen auch Regierungen oft sehr genau um das Risikopotenzial einzelner Regionen. Doch wenn Entwicklungs- und Schwellenländer ausländische Investoren und Firmen anlocken wollen, blenden die zuständigen Behörden allzu oft die Katastrophengefahren aus, berichtet Andrew Maskrey: "Oft sind es die Regierungen selbst, die das Bild eines Landes ohne Erdbebengefahr, Vulkane, Tsunamis und Flutgebiete malen, um Investitionen anzuziehen." Dabei sei es gar nicht nötig, die Risiken auszuklammern.

Alles unter Kontrolle

"Statt die Risiken unter den Teppich zu kehren und zu sagen: Investiert bei uns", könnte man sich auch eine andere Haltung vorstellen, sagt Andrew Maskrey. "Ja, wir haben all diese Risiken, aber das ist kein Grund zur Sorge. Wir kümmern uns um den Risikoteil und ihr bringt eure Investitionen. Wir haben alles unter Kontrolle."

Für Thomas Loster von der Münchener Rück Stiftung steht genau diese Haltung für einen unaufhaltsamen Trend: "Wir werden eine Bewegung sehen, wo sich immer mehr Menschen auch verantwortlich fühlen für besseren Katastrophenschutz und ich glaube dass hier eine Entwicklung in die Richtung geht wie wir sie bei der Umweltdebatte in Deutschland hatten oder früher bei der Nachhaltigkeitsdebatte."

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