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Wirtschaft

UN-Entwicklungsziele: Weniger wäre mehr

Der Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee will Entwicklungshilfe neu denken. Er ist überzeugt: Es gibt kein Patentrezept für die Bekämpfung der Armut. Wir haben ihn in Deutschland getroffen.

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Abhijit Banerjee - Entwicklungsarbeit neu denken

Er sei Wissenschaftler geworden, um die Welt zu verstehen. Abhijit Banerjee würde sich eine größere Bereitschaft wünschen, den jeweiligen Problemen wirklich auf den Grund zu gehen und nach einer maßgeschneiderten Lösung zu suchen. Am Massachusetts Institute for Technology (MIT) hat er dafür mit dem "Poverty Action Lab" eine Datenbasis für Entwicklungshilfe-Maßnahmen geschaffen.

Die Wirkung von Entwicklungshilfe als Ganzes lässt sich kaum in Zahlen fassen, räumt Banerjee ein weitverbreitetes Missverständnis über seine Arbeit aus. Was man aber ziemlich exakt messen kann, sind die Auswirkungen einer ganz spezifischen Maßnahme - die Subventionierung von Saatgut beispielsweise - für ein bestimmtes Dorf. Jahrelang haben sie auf der ganzen Welt Feldforschung betrieben, die Dörfer oder Familien nach dem Zufallsprinzip ausgesucht und Kontrollgruppen gebildet. Eine Arbeitsweise, wie sie aus der Medizin bekannt ist, sogenannte randomisierte kontrollierte Studien (randomized control trials).

Mit dem Moskito im Netz

Die Erfahrungen vor Ort haben Banerjee auch dazu bewogen, mit gängigen Klischees zu brechen. Nachrichten über gratis verteilte Antimalaria-Netze, die dann als Fischnetze und Brautschleier zweckentfremdet werden, lösen in den Industrieländern Kopfschütteln aus. Banerjee hält dagegen: "Schlafen sie mal Nacht für Nacht unter so einem Ding. Es ist stickig, vielleicht ist ein Loch drin und dann sind sie mit dem sirrenden Moskito allein unter dem Netz." Natürlich ist Banerjee nicht gegen Moskitonetze. Er wirbt aber um mehr Verständnis für Menschen in den armen Ländern, für die ein Impftermin eine genauso lästige Angelegenheit ist wie für andere ein Besuch beim Zahnarzt.

Lieber öffentlicher Dienst als Mikrokredit

Ein anderes wichtiges Thema für ihn sind Mikrokredite. Die galten einst als Wunderwaffe, die Arme zu Unternehmern machen sollten. Studien, die Banerjee mit seiner Kollegin Esther Duflo machte, haben an diesem Mythos gekratzt. Achtzig Prozent der Personen, die sie fragten, welchen Beruf sie sich für ihren Sohn wünschten, wollten einen Job in der Regierung. Weitere 15 Prozent konnten sich eine Anstellung in der Privatwirtschaft vorstellen. Aber ein Leben als Selbständiger? Fehlanzeige. Tatsächlich hätten viele der Befragten aber selbst ein Gewerbe ausgeübt. "Liebend gerne hätten sie für jemanden anderes gearbeitet, aber sie fanden keinen Job", sagt Banerjee und ergänzt: "Wie zur Bestätigung wollten sie einen Kredit nicht mal annehmen, als er ihnen angeboten wurde."

169 UN-Entwicklungsziele sind 139 zu viel

Er war in einer der Expertenkommissionen für die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Sie sollen die alten - noch recht überschaubaren Millenniumsziele - im nächsten Jahr ablösen. Banerjee sagt, der Prozess sei aus dem Ruder gelaufen. Jedes Land, jede Organisation hätte noch ein Ziel dazu gepackt, jetzt sei man bei 169 Zielen und Unterzielen gelandet. Die könne niemand messen, geschweige denn erreichen. "Wir müssen das auf etwa 30 Ziele eindampfen, sonst macht das überhaupt keinen Sinn."

Man bräuchte nun eine starke Persönlichkeit, wie den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan. Der hätte auf den Tisch gehauen und dafür gesorgt, dass die Liste gestutzt wird. "Viele Menschen verlangen immer nach komplett neuen Theorien, nach neuen Programmen, aber die Welt ist ganz anders", sagt Banerjee: "Ich bin der festen Überzeugung, wir könnten vieles zum Guten wenden, wenn wir mehr Bereitschaft zeigten zum Feinjustieren und zur Anpassung." Und was ihm ganz besonders wichtig ist: Zuhören, was die Menschen wirklich brauchen.

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