1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Umzug statt Therapie

Die Psychotherapeutin Eva van Keuk erklärt, was die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge in Deutschland erschwert – und warum ein Umzug manchmal besser ist als eine Therapie.

Eva van Keuk, Psychologin am Psychosozialen Zentrum (PSZ) in Düsseldorf Foto: Klaus Dahmann, am 26.9.2011 in Düsseldorf

Eva van Keuk

DW-WORLD.DE: Frau van Keuk, zu Ihnen kommen Flüchtlinge, die stark traumatisiert sind. Was sind die größten Probleme, mit denen sie kämpfen?

Eva van Keuk: In der Traumaforschung ist bekannt, dass auch schwere traumatische Ereignisse relativ gut "verdaut" werden können, wenn die Lebensbedingungen in der Zeit danach gut sind. Wenn man sich also geschützt, sicher, anerkannt und geliebt fühlt, dann ist man in der Regel relativ gut in der Lage, auch mit schwersten Belastungen klar zu kommen. Das Problem ist die Kombination von Traumatisierung und äußeren Umständen. Da sind einerseits die wirklich schwierigen Verlusterlebnisse: wenn zum Beispiel Familien auf der Flucht getrennt werden oder ein Bruder auf dem Weg hierher ertrinkt. Ganz gravierend sind Bürgerkriegserlebnisse bei Jugendlichen und Kindern, die gezwungen wurden, bei Rebellen mitzukämpfen und selber zu töten, wie zum Beispiel Kindersoldaten. Sie haben jeden Kontakt zur Familie abgebrochen und fühlen sich isoliert. Dazu kommen dann die ungünstigen Lebensbedingungen in Deutschland: Arbeitsverbot ist ein wichtiger Punkt in den ersten Monaten. Die Flüchtlingswohnheime befinden sich oft weit außerhalb der Städte, haben schlechte Verkehrsanbindungen. Oder die Flüchtlinge finden in Lebensmittelpaketen Dinge vor, die sie nicht zuzubereiten wissen, geschweige denn, dass sie ihren Ernährungsgewohnheiten entsprechen.

Mit ungünstigen Lebensbedingungen haben ja viele Flüchtlinge hier zu kämpfen. Daran können Sie wahrscheinlich nichts ändern, oder?

Unser Ehrgeiz ist schon, die konkreten Lebensbedingungen der einzelnen Flüchtlinge zu verbessern. Ein Beispiel: Ich hatte eine kurdische Frau in der Therapie, die gefoltert worden war und über vier Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Sie wohnte hier im Flüchtlingswohnheim in einem Zimmer, das direkt neben einer Feuerschutztür lag, die ungefähr 30 Mal am Tag ins Schloss fiel. Das war genau das Geräusch, das die Zellentür in ihrer Heimat hatte. In solch einem Fall ist es wesentlich sinnvoller, dass ich mit einer kurzen psychologischen Bescheinigung dafür sorge, dass sie entweder ein anderes Zimmer bekommt oder sogar in eine private Wohnung umziehen kann, als zwei Jahre lang einmal in der Woche Psychotherapie abzuhalten.

Sie arbeiten auch mit Kindern und Jugendlichen. Ist das schwieriger als die Arbeit mit Erwachsenen?

Sicher ist es für junge Menschen, die nach Deutschland kommen, einfacher, weil sie in der Regel auch die Schule besuchen. So erlernen sie auch zügig die deutsche Sprache und integrieren sich häufig schneller in die deutsche Gesellschaft als ihre Eltern. Dramatisch ist es allerdings für Jugendliche, die als sogenannte unbegleitete Minderjährige nach Deutschland kommen. Neben jenen, die aus Afrika kommen, haben wir im Moment besonders viele aus Afghanistan: junge Männer, die extrem traumatisierende Erfahrungen gemacht haben. Wir hatten gerade einen jungen Mann hier, der es innerhalb von eineinhalb Jahren geschafft hat, auf das Gymnasium zu kommen, aber jetzt droht ihm die Abschiebung. Er wurde von den Taliban schwer ausgepeitscht, hat große Beschwerden deswegen. Seine Traumatisierung, seine Fluchtgründe sind nicht anerkannt: All das verstößt gegen EU-Konventionen. Aber die Rechtsprechung in der Praxis und das Recht auf dem Papier sind zwei verschiedene Dinge.

Ist es für Sie als Deutsche nicht manchmal schwierig, sich hineinzufühlen in ihre Patienten, die ja aus anderen Kulturen kommen?

Zum Glück haben wir ein sehr großes Team mit Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichsten Ländern, mit sehr vielfältigen Erfahrungen. Ich nenne nur einmal zwei Beispiele: eine Kollegin aus Ruanda, selber Genozid-Überlebende, und eine Kollegin aus dem Irak, die neben ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit auch als Journalistin arbeitet. Es ist zwingend erforderlich, sich transkulturell aus- und weiterzubilden und ein gutes Team aufzubauen. Dann allerdings sind die Barrieren viel geringer, als selbst viele deutsche Psychotherapeuten meinen. Es ist eine Tätigkeit, die eine enorme Bereicherung darstellt mit vielen zwischenmenschlichen Begegnungen jenseits von sprachlichen oder kulturellen Barrieren.

Eva van Keuk leitet den psychotherapeutischen Fachbereich des Psychosozialen Zentrums in Düsseldorf. Das Zentrum ist Anlaufstelle für Flüchtlinge, die in ihrer Heimat oder auf dem Weg nach Deutschland schwere traumatische Ereignisse durchlebt haben. Neben einer Psychotherapie wird vor allem auch soziale Unterstützung angeboten. Jährlich finden hier rund 400 Menschen aus 40 Ländern Hilfe.

Das Gespräch führte Klaus Dahmann
Redaktion: Dеnnis Stutе

Audio und Video zum Thema