Gärten des Grauens | Wissen & Umwelt | DW | 10.03.2018
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Wissen & Umwelt

Gärten des Grauens

Die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt zeigt sich beim Blick in Gärten. In den vergangenen Jahren hat sich vielerorts Grau breitgemacht, wo Grün hingehören sollte. Ein Trend mit fatalen Folgen.

Deutschland leidet unter einem dramatischen Artenrückgang. Mehr als ein Drittel aller Schmetterlings- und Wildbienenarten gelten als gefährdet oder ausgestorben. Vögel, Insekten und Pflanzen brauchen eine grüne Umgebung zum Überleben. Doch Deutschlands Gärten veröden mehr und mehr zu tristen grauen Schotterwüsten. 

Ulf Soltau kann diesen Trend nicht mehr ertragen, will ihm etwas entgegensetzen. Der Biologe und Botaniker ist bei Facebook Mitglied in diversen Gartengruppen. Doch die Fotos, die Gartenbesitzer dort stolz präsentiert haben, fand er zum Grausen: "Mit moralischen Appellen, dem erhobenen Zeigefinger, konnte ich nichts bewirken." Also habe ich die satirische Herangehensweise gewählt." 

Gartenstil Schottergarten (DW/Karin Jäger)

Nahtloser Übergang vom tristen Asphaltgrau der Straße und des Gehweges hin zum Eingangsbereich. Einziger Farbtupfer - die blaue Mülltonne

Auf seiner Facebook-Seite Gärten des Grauens hat er dazu aufgerufen, Fotos mit schlimmen Beispielen einzuschicken. Neben den Fotos von Steinwüsten, Betonbeeten und Riesengartenzwergen fällt das Profilfoto Soltaus auf, dass nicht ihn, sondern zwei Frauen zeigt, denen vor Schreck fast die Augen aus dem Kopf fallen.

Die Resonanz auf seinen Auftritt ist überwältigend: Zehn bis zwanzig Fotos werden pro Tag gepostet, gespickt mit bissigen Kommentaren. Manche Fotos wurden 150.000 Mal angeklickt. Das öffentliche Bashing erfolgt anonym. 10.000 Fans haben die Seite des grünen Gartenfreundes abonniert. "Ich merke, wie virulent das Thema ist und wie rasend sich dieser Gartenstil ausbreitet. Und es sind nicht nur Hobbygärtner, sondern auch professionelle Gartengestalter, die die Seite verfolgen und darüber diskutieren."

Soltau: "Ich habe eine Mission"

Soltau interessiert sich für die Kulturgeschichte des Gartenbaus. Und er hat eine ganz Ernst zu nehmende Mission: "Ich möchte die Gartenkultur hinterfragen und in eine neue Richtung lenken." Der Mann mit dem grünen Gewissen beruft sich auf Dieter Wieland, der diesen Versuch, die Außenwelt zu verbessern, in den 1970er startete. Damals ging das Wirtschaftswachstum mit steigender Umweltzerstörung einher. 

Seitdem prangert der Dokuentarfilmer und Autor des Buches "Grün kaputt" den gedankenlosen Kahlschlag in bebauten Gegenden an. In seinen Filmen, etwa dem 1975 produzierten Unser Dorf soll hässlich werden, zeigt er Missstände auf, demonstriert Beispiele für die Zerstörung der Natur. Er redet Tacheles: "Da werden Wälder für Autobahnen gerodet, nur damit der Deutsche schneller in den Urlaub kommt, Bäche werden begradigt, in Vorgärten wird englischer Rasen gesät, Bäume gefällt, jedes "Unkraut" sofort beseitigt."

Gärten des Grauens Ulf Soltau in seinem Garten (privat)

Pilotprojekt: Ulf Soltau in seinem Schrebergarten mit vielen Biotopen: Farne, Moose, Blumenwiese, Sedum und Tümpel

Die Kameraführung schwenkt fast in Zeitlupe über Landschaften und Siedlungen. Wielands Duktus klingt gemäßigt, fast gelangweilt, doch seine Worte stecken voller Ironie, kommentieren, korrigieren, tönen messerscharf, schonungslos. "Pflanzen wachsen aus der Seele", behauptet Wieland. Oder: "Die Natur kann ohne uns, aber wir können nicht ohne die Natur."

Soltau sagt, Wielands Dokumentation Grün kaputt  habe ihn geprägt. Er findet es erschreckend, wie wenig sein Vorbild mit seinem Lebenswerk erreicht hat: "Man möchte meinen, es ist alles viel schlimmer geworden. Während Dieter Wieland gegen Englische Rasen und Krüppelkoniferen aufbegehrte, gibt es heutzutage nicht einmal mehr Rasenflächen. Die werden unter Schotter begraben. Und die Formgehölze aus Baumärkten, die nicht einmal billig sind, überfluten in Massen die Landschaft", ärgert sich Soltau und lächelt gequält.  

Schottergärten sind nicht pflegeleicht

Sogar der NABU (Naturschutzbund Deutschland) und der Bauernverband Schleswig-Holstein haben Soltaus Seite zitiert und so für dessen Projekt geworben. "Die hitzigen Diskussionen sind verebbt, die Fotos, die Steinwüsten zeigen, werden weniger gepostet: Die Leute haben es gemerkt, scheuen sich mehr, diese Gärten als vorbildlich darzustellen und öffentlich zu zeigen", freut sich der Berliner Biologe über den Erfolg seiner Aktion. 

Bonn Japanischer Garten Rheinaue (Bundesstadt Bonn/Michael Sondermann)

Japanischer Garten in der Bonner Rheinaue - Vorbild für Privatgärten?

Der Botaniker glaubt, dass der Trend zu Japanischen Gärten in Deutschland zu deren Pervertierung geführt hat. "Der Japanische oder der Zen-Garten hat immerhin einen spirituellen Hintergrund, während sich Besitzer von völlig pflanzenfreien Schotterwüsten höchstens erhoffen, ein pflegeleichtes Areal zu haben."

Doch das ist ein Trugschluss: Denn organische Stoffe wie Flugsamen setzen sich in den Schotterbeeten fest: Aus solchen Beeten die Wildkräuter dann manuell zu entfernen, erfordert einen enormen Zeitaufwand. Alternativ werden Unkrautvernichtungsmittel gespritzt. "Das ist dann wirklich himmelschreiend, weil die Flächen vergiftet werden", sagen sowohl Ulf Soltau und Peter Berg, getrennt von einander befragt.  

Sehnsucht nach Natur und Ruhe

Der Berliner Ulf Soltau und der Rheinländer Peter Berg kennen sich nicht, ticken aber ähnlich. Auch Berg beobachtet, dass viele Gärten zu lieblos gestalteten Gesteinsruinen verkommen sind. "Die Leute bauen zu groß, Räume, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Und dann fehlen ihnen die Mittel für die Gartengestaltung. Schließlich vergehen zehn Jahre, ehe der Garten angelegt ist. Weitere zehn Jahre vergehen, bis die Pflanzen groß und prächtig geworden sind", benennt Peter Berg das Dilemma. Der mehrfach prämierte Gartendesigner und Buchautor sieht in Zengärten Oasen, ist Fan von Gräsern, Stauden, heimischen Findlingen, aber nicht von Gesteinswüsten.  

Moderne Gartengestaltung (Gartenlandschaft.com/P. Perdereau)

Gräser, Stauden, Bäume, Steine, Kiesel - Grün und grau, nicht wild, sondern von Peter Berg und seinem Team in Form gebracht

Berg ist Gärtner mit Leib und Seele und wird doch häufig auch als Redner in Deutschland und den Nachbarländern, Russland und Estland gebucht. Bei seinen Vorträgen versucht er die Leute vom Wert der Natur und der Ästhetik des Gartens zu überzeugen. 

Er  lebt in der Eifel zwischen Rhein und Ahr - inmitten der Natur. Seine Gärten sind so angelegt, dass sie zur Architektur des Hauses passen und die Kunden Ruhe, Ausgeglichenheit finden, wenig Arbeit haben und der Natur wieder ein Stück näher kommen. "Vielen Menschen fehlt es heutzutage an Umwelt- und Naturbewusstsein. Wo sich der Mensch gern aufhält, müssen sich auch Schmetterlinge, Bienen, Vögel  und Pflanzen wohlfühlen."

Die Bedeutung von Grün

"Gerade Vorgärten und kleine Grünflächen haben eine besondere Bedeutung für die Artenvielfalt und das Klima in der Stadt", sagt Marja Rottleb vom NABU (Naturschutzbund Deutschland). Pflanzenarten, Insekten und Vögel wandern auf der Suche nach Nahrung und Nistplätzen von Trittstein zu Trittstein.

Die Grünflächen liefern saubere, frische Luft. Kies- und Steinflächen heizen sich dagegen stärker auf, speichern Wärme und strahlen sie wieder ab. Für das Stadtklima werde die Zunahme an Kies- und Steingärten zum Problem, sagt Gartenexpertin Rottleb, besonders, wenn zusätzlich notwendige Kaltluftschneisen durch neue Bebauungen wegfallen. Weiteres Manko: Die Steine stammten meist nicht aus heimischen Steinbrüchen, sondern überwiegend aus China oder Indien.

Kleingärten in Deutschland (picture-alliance/Arco Images GmbH)

Gartenparadies für Mensch, Vögel, Insekten, Amphibien und Pflanzen

Der NABU hat Schaugärten in ganz Deutschland angelegt. Öffentliche naturnahe Gärten gibt es auch in Kommunen zu besichtigen. Peter Berg schreibt und publiziert Bücher mit positiven Beispielen. Durch den Trend für Schotterwüsten sieht er sogar den guten Ruf der Zunft gefährdet: "Die Kunden sind verunsichert, und die Gärtner sind es auch. Das erschwert die Zusammenarbeit zwischen Fachmann und Laien." In der Berufsausbildung werde zu viel  Wert auf gesetzliche Bestimmungen und Betriebsführung gelegt. Dadurch komme den Handwerkern die gestalterische Kompetenz und der richtige Umgang mit Pflanzen abhanden.

Ulf Soltau verweist auf Internetseiten wie Hortus oder Der Naturgarten mit einer ständig aktualisierten Übersicht. "Wir sind auf einem guten Weg", glaubt Ulf Soltau. "Mir ist aufgefallen, dass zumindest in den Sozialen Medien weniger solche Gärten des Grauens glorifiziert werden als noch vor einem Jahr. Mir schreiben Leute, dass sie jetzt mit anderen Augen durch die Nachbarschaft gehen. Das ist gut so."

Bundesregierung fördert ökologische Randstreifen

Auch die Bundesregierung ist inzwischen aktiv geworden: Um Feldvögeln und Wildkräutern wieder einen Überlebensraum zu sichern, lockt sie mit Prämien. Grundbesitzer, die ihr Ackerland an Bauern verpachten, sollen den Umweltschutz mit in den Pachtvertrag einbeziehen.

Die scheidende, geschäftsführende Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), haben das Projekt "Fairpachten" vorgestellt, in dem die ökologische Bewirtschaftung ohne Pestizide oder das Anlegen von Ackerrandstreifen vertraglich geregelt werden soll. 935 000 Euro will die Bundesregierung dafür zur Verfügung stellen - nicht viel, aber es zeigt, dass Naturschutz offenbar ohne Druck oder Anreize nicht umzusetzen ist.

Vielleicht müssten auch Gartenbesitzer von öffentlicher Seite animiert werden, sich Wissen über die Gestaltung ihrer Grünflächen anzueignen, angesichts des Trends, Gärten in graue Steinwüsten zu verwandeln. 

Kleingärten in Deutschland | Gärtnern im Kleingarten (picture-alliance/dpa)

Gartenarbeit ist nötig, aber Priorität sollte sein, dass Leben darin zu genießen

Dass die Instandhaltung eines Gartens mit viel Arbeit verbunden ist, kann Peter Berg übrigens nicht bestätigen: "Natürlich verändern sich Pflanzen. Doch fühlen sie sich am Standort, einem Garten mit einer festen Struktur wohl, sind sie resistent gegen Krankheiten. Und das verursacht dann wenig Arbeit." 

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