Der Zukunftsmacher | Wissen & Umwelt | DW | 27.02.2018
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Wissen & Umwelt

Der Zukunftsmacher

Durch Stillstand hat sich noch nie etwas verändert. Die Zukunft hält großartige Chancen für uns bereit. Wozu sein Wissen für sich behalten? - Drei Grundsätze, die den Umweltaktivisten und Innovator Jörg Heynkes leiten.

Die Bühne ist sein Metier. Im Wollpullover schreitet Jörg Heynkes auf dem Podium hin und her. Wenige Meter vor ihm lauschen Anzug- und Krawattenträger seinen Worten. Mal spricht er vor Unternehmern, ein anderes Mal vor Bürgermeistern und Gemeindevertretern oder auf Einladung von Gewerkschaften und kirchlichen Organisationen. Heynkes erklärt, wie der Einsatz von Drohnen oder 3D-Druckern den Alltag, die Gesellschaft, Wirtschaft, Politik massiv verändern werden.

Er wird eingeladen von Dax-Konzernen und Verbänden, um in einfachen Worten und praxisnahen Beispielen über Innovationen im Bereich Umwelt- und Klimaschutz zu sprechen, über Energieversorgung, Ernährungskonzepte der Zukunft. Und er erklärt, mit welchen massiven Veränderungen die digitale Transformation verbunden ist.

Die Arme hält er geöffnet vor seinem Körper. Seine Worte vermitteln Dynamik, klingen mitreißend, beziehen die Audienz mit ein: "Wer von Ihnen verfügt über einen Facebook-Account? Wer ist bei Instagram? Wer twittert? Wer benutzt kein Smartphone?" - fragt er in die Runde, um auf das internetfähige Telefon überzuleiten.

Neujahrsempfang der IHK Wuppertal/ Bergisches Land (privat)

Jörg Heynkes in der ersten Reihe beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Wuppertal: "Anzug? Krawatte? Sowas besitze ich nicht!"

"Unbeschreiblich, wie das Smartphone die Welt verändert hat", findet Heynkes. Und dann erzählt er in Kurzform die Erfolgsgeschichten von Apple, Amazon, Facebook, Google, Microsoft und Tesla. "Das ist erst der Anfang. Ihre Fantasie reicht nicht aus, um sich vorzustellen, was diese Konzerne in den nächsten zehn Jahren auf den Markt bringen werden." Die Basis seien Daten. Heynkes bezeichnet die persönlichen Datenspuren, die Jeder im Internet hinterlässt, als "das Erdöl von heute". Mit Daten lassen sich Algorithmen ermitteln, Wertschöpfungsketten konstruieren und Computersysteme speisen. 

Die Zukunft beschreiben, Ängste davor entkräften

Lächelnd beschreibt der 55-Jährige ein Zukunftsszenario, das dem einen oder anderen Zuhörer durchaus Unbehagen bereitet. Mögliche Ängste entkräftet er: "Die digitalen Innovationen werden nicht von Aliens gemacht, sondern von Menschen, die Geld verdienen oder die Welt besser machen wollen."

Ein Schwerpunkt an diesem Tag ist die Zukunftsmobilität. Während Politiker noch über Fahrverbote und Alternativen zu Dieselautos diskutieren, sieht Heynkes eine andere, klimafreundliche Zukunft längst direkt vor Augen. "2021 beginnt das Zeitalter des autonomen Fahrens", prophezeit er.

Heute werde das Auto im Schnitt eine Stunde pro Tag bewegt, rechnet er vor, 23 Stunden ruhe es. Das koste Geld und verbrauche enorme Parkflächen. "Künftig werden sich selbstfahrende E-Mobile durchsetzen. Man bestellt ein Fahrzeug über´s Smartphone und wird ans Ziel gebracht. Einen eigenen PKW braucht dann kein Mensch mehr!"

Mit historischen Fotos untermauert er seine Thesen. Eines zeigt ein Auto auf der 5th Avenue in New York, umgeben von Pferdedroschken: "Die Autos werden von der Schwarm-Mobilität robotoergesteuerter Fahrzeuge ersetzt werden." Und er zitiert Daimler-Chef Dieter Zetsche: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich auf den Straßen mehr verändern als in den 100 Jahren zuvor."

Von David zu Goliath und andere Rollen

Seine Eltern habe er als Jugendlicher zur Verzweiflung gebracht, gesteht Heynkes. Meist sei er Außenseiter gewesen, als 16-Jähriger nur 1,50 Meter groß, und er dachte: "Ich fühle mich wie von einem anderen Stern." Er sei ein Querulant gewesen, habe in jener Zeit immerhin großes Glück gehabt, als Jungdarsteller im Wuppertaler Schauspielhaus entdeckt worden zu sein. "Meine Umwelt und meine erwachsenen Kollegen haben mir das Gefühl vermittelt, Teil eines größeren zu sein. Auf der Bühne erfuhr ich erstmals Wertschätzung, so wie ich sie mir gewünscht habe."

 Jörg Heynkes (privat)

Von einem anderen Stern? Jörg Heynkes über seine Jugend: "Ich war ein Querulant!"

Mit 17 sei er schließlich in die Höhe geschossen, auf 1 Meter 83. Für Kinderrollen kam er mit einem Schlag nicht mehr in Frage. Also steigerte er sich ins Fotografieren hinein, zählte bald RWE, Bayer, Thyssen, Mannesmann zu seinen Auftraggebern: "Und als ich gut war, wurde mir der Job zu langweilig."

Nach diesem Schema entwickelte sich Heynkes weiter: Er schlüpfte in die Rolle des Projektentwicklers, produzierte audiovisuelle Medien, schrieb Drehbücher, kaufte erfolgreich Immobilien, führt eine Energieberatungsfirma und leitet aktuell vier Unternehmen rund um die 'VillaMedia' in Wuppertal, produziert dort im eigenen Blockheizkraftwerk (BHKW) und mit Sonnenkraft Strom - ausgezeichnet mit dem Deutschen Solarpreis 2016. "Ich will Teil der Lösung sein, nicht nur des Problems", so Heynkes´ schlichtes Argument. 

Zukunftsmacher- eine von vielen Tätigkeiten des Jörg Heynkes

Auf dem Gelände betreibt er eine große Eventlocation, gewachsen aus der früheren betriebseigenen Kantine: "Die Mitarbeiter müssen Mittags doch etwas zu essen bekommen", lautete sein Argument vor 20 Jahren. Er fand allerdings damals keinen Betreiber. Sein Bankberater riet ihm: "Mach es selbst. Dann klappt das."

Ein anderes Mal wurde er gebeten "mal eben einen Vortrag über technologische Innovationen zu halten". Inzwischen ist er als Speaker gefragt, hält 80 bis 100 Vorträge pro Jahr. Als unabhängiger Kandidat bei den Landtagswahlen 2017 in Nordrhein-Westfalen (NRW) holte er aus dem Stand 15 Prozent. 

Mit seinem Nachbarschaftsverein plant er eine Stadtfarm. Das Gelände haben die Mitglieder bereits gekauft. Dort sollen Lebensmittel produziert werden. "Wir werden gesunde Lebensmittel haben, keine Transportwege, produzieren kein klimaschädliches CO2, aber soviel Energie, die wir nicht benötigen, sondern das Quartier damit versorgen können. Und wir schaffen Arbeitsplätze."

Die Periode des finanziellen und kulturellen Niedergangs seiner Heimatstadt Wuppertal, die von Korruption begleitet war, habe ihn geprägt, obwohl er persönlich nicht betroffen war. "Diese Phase hat meinen Blick geschärft, Zusammenhänge zu begreifen und Auswirkungen zu erkennen." Und nun steht er gerade im Rampenlicht, um über künstliche Intelligenz (KI) zu referieren.

"Künstliche Intelligenz bestimmt die massivste aller Revolutionen" 

Die aktuelle Transformation sei die weitreichendste, weil sie gleichzeitig auf allen Kontinenten und in einem atemberaubendem Tempo stattfinde, erklärt der Referent. "Wie schaffen wir es, 7,3 Milliarden und mehr Menschen mit Nahrung, Energie und Mobilität zu versorgen, ohne den Planeten zu ruinieren und der Menschheit das Überleben zu sichern?", fragt Heynkes, um sofort die Antwort nachzulegen: durch KI - künstliche Intelligenz.

Künstliche Intelligenz könne viele Aufgaben schneller lösen als der Mensch: "Diese Personal-Digital-Assistant-Systeme werden jede Minute besser. Die lernen, wie wir denken und fühlen. Das geht rasend schnell. Und das Schlimme ist: Es gibt keine Grenze, kein Ende."

Villa Media - Innovationszentrum in Wuppertal mit Evenlocation (privat)

VillaMedia in Wuppertal - klimaneutrales Innovationszentrum mit Eventlocation

Nach der Atombombe und dem Klimawandel sei die KI die dritte große Bedrohung der Menschheit, warnt Heynkes. In der KI stecke aber auch eine Riesenchance. Aus diesem Grund hat er eine Firma gegründet, die sich auf die Programmierung von humanoiden Robotern spezialisiert hat.Pepper sei darauf programmiert, Menschen niemals zu schaden, erklärt er.

Roboter dürften niemals außer Kontrolle geraten und maschinengesteuerte Fahrzeuge keine Unfälle verursachen. "Wenn das System ausgereift ist, werden wir deutlich weniger Verkehrstote zu beklagen haben und die Versicherungspolicen für PKW dürften deutlich sinken", glaubt Heynkes. Und er glaubt auch, dass Roboter die Menschen im Alltag begleiten werden, im Haushalt, in der Altenpflege, bei der Kinderbetreuung oder als Lehrer von Sprachen. 

Vorausdenken, für die Gesellschaft und die Umwelt handeln

"Ich will mitgestalten dürfen, will selbst verändern, nicht verändert werden", beschreibt der Wuppertaler seine Motive. Ob er mitunter nicht das Gefühl habe, seine Mitmenschen mit seiner Energie und Innovationskraft zu überfordern, wird er gefragt. Das erste Mal, im Gespräch, dass er innehält: "Ja. Das kann schon sein", antwortet er nach kurzer Überlegung.

Er sei alles andere als beliebt, weil er den Leuten auf die Nerven gehe, gibt er ungefragt zu. "Weil ich der Gesellschaft den Spiegel vorhalte, muss ich zeigen, wie es besser geht", begründet er sein Handeln. Er habe sich inzwischen das Privileg erschaffen, maximal 50 Prozent seiner Zeit mit Geldverdienen zu verbringen, die andere Hälfte setze er für ehrenamtliches Engagement ein. "Das ist großartig", schwärmt er. Es klingt jugendhaft, authentisch, nicht arrogant. "Für Geld zu arbeiten liegt ohnehin nicht in der Natur des Menschen." 

Der Wuppertaler Jörg Heynkes, Umweltaktivist und Unternehmer (Mike Henning)

Jörg Heynkes steht vor einer Smartflower Solaranlage. Sie dreht sich mit dem Verlauf der Sonne

Lust auf Leistung - steht auf seiner Homepage als Motto geschrieben. Und in seinem Lebenslauf  ist zu lesen: "Welche Aktivitäten und Berufungen noch folgen werden, ist noch nicht absehbar." Man glaubt es Jörg Heynkes auf´s Wort.

Fragen, die ihn aktuell umtreiben: "Wie schaffen wir es, die Verteilung der enormen Wertschöpfung, die von Algorithmen und Robotern erlangt werden, so zu verteilen, dass nicht nur große Unternehmen, sondern alle etwas davon haben? Und: Welche Werte entwickeln wir, wenn wir weniger arbeiten?" Als Frage formuliert der Umweltaktivist die mögliche Antwort: "Vielleicht bekommen wir dann eine Gesellschaftsform, von der Marx und Engels träumten?" 

Friedrich Engels war unter anderem Unternehmer, Philosoph, Journalist und machte sich vor allem als kommunistischer Revolutionär einen Namen. Er war wohl auch für seine Zeit Visionär, aber Recht hatte er mit seinen Prophezeiungen nicht immer. Engels stammte jedenfalls - wie Heynkes - aus Wuppertal.

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