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Umstrittener Visionär: Rudolf Steiner

Das Vitra Design Museum zeigt den Schöpfer der Antroposophie als Ideengeber von Architektur und Design. Steiner war alles andere als nur ein Theoretiker. Sein Einfluß und seine Ideen lassen sich heute überall aufspüren.

Das Goetheanum in Dornach (Foto: © Vitra Design Museum; Foto: Deidi von Schaewen)

Gestalt gewordene Idee aus Beton: das Goetheanum

In den letzten Monaten war viel über Rudolf Steiner zu lesen. Sein Geburtsjahr 1861 und damit die Erinnerung an den 150. Geburtstag war für Forscher und Anhänger ein willkommener Anlass, den Begründer der Anthroposophie neu zu analysieren. Sein ganzheitliches Menschenbild hat viele Nachahmer in aller Welt. Der Einfluss Steiners wird heute in zahlreichen Lebensbereichen sichtbar: in der Medizin, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der Pädagogik wie z.B. in den Waldorf-Kindergärten oder -Schulen und natürlich auch in Philosophie und Religion. Doch Steiner war und ist auch höchst umstritten: Seine Gedankengebäude haben aufgrund ihres vergeistigt wirkenden Ideenkonvoluts, des beständigen Esoterikverdachts und einer - aus heutiger Sicht - verquasten Sprache viele Menschen abgestoßen.

Ein großer Visionär

Rudolf Steiner (Foto: dpa)

Philosoph und Künstler: Rudolf Steiner

Weniger bekannt dürfte sein, dass Steiner auch ein großer Ideengeber für die Sparten Architektur, Kunst und Design, Theater und Tanz war. Und zum Teil hat der beständige Esoterikverdacht wohl auch einen freien und vorurteilslosen Blick auf Steiners künstlerisches Schaffen verhindert. Vor allem, weil dieses Schaffen nicht ohne den geistigen und theoretischen Hintergrund denkbar ist. Das Wolfsburger Kunstmuseum hat im vergangenen Jahr in einer Ausstellung auf die Verbindungen und den Einfluss Steiners auf die bildende Kunst hingewiesen. Ob Alexej Jawlensky oder Wassiliy Kandinsky, Joseph Beuys oder Olafur Eliasson, viele Künstler haben sich mit Steiners anthroposophischer Philosophie auseinandergesetzt und sie in ihr Werk einfließen lassen.

Design & Architektur

Die vom Vitra Design Museum konzipierte Schau "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags" beschäftigt sich nun sowohl mit architektonischen Denkanstößen und Visionen Steiners als auch mit seinem Einfluss auf Design und Bühnenbild. Steiners künstlerische Visionen haben nichts von ihrer Faszination verloren, das macht die Ausstellung deutlich. Das im südwestdeutschen Grenzort Weil am Rhein gelegene Museum ist der ideale Ort, um einen umfassenden Blick auf Steiners künstlerische Gestaltungskraft zu werfen. Architektur, Design, Bühnenwerk - all das wird in Entwürfen, Skizzen, Zeichnungen und Bildern, aber auch in seiner praktischen Ausführung ausgestellt. Nur für Steiners monumentalstes Werk muss der Besucher das Museum verlassen. 15 Kilometer entfernt, jenseits der Landesgrenze in der Schweiz gelegen, ist in Dornach das Goetheanum zu besichtigen.

Das erste Goetheanum (Foto: © Dokumentation am Goetheanum, Dornach; Foto: Otto Rietmann)

Das erste Goetheanum, noch aus Holz, vor dem verheerenden Brand 1922/23


Das Goetheanum ist die Gestalt gewordene Idee Rudolf Steiners. Es ist genauso Versammlungsort wie Theaterbühne, geistiges Zentrum und Wohnhaus. Ein erstes Gebäude, noch aus Holz errichtet, fiel in der Silvesternacht 1922/1923 einem Brandanschlag zum Opfer. Eine zweite Konstruktion wurde aus Beton gegossen. Sie thront mächtig wie eine Mischung aus mittelalterlicher Burg und kühnem Science-Fiction-Entwurf auf einem Hügel in einer fast lieblich wirkenden Schweizerischen Hügellandschaft. "Als ganz und gar ungewöhnliche Unikate in der Architekturgeschichte des vergangenen Jahrhunderts wirken beide Gebäude, das verlorene und das bestehende, auch heute noch, ebenso die kleinen Nachbargebäude aus Rudolf Steiners Hand", so beschreibt der renommierte Architekturkritiker Wolfgang Pehnt im Katalog zur Ausstellung in Weil am Rhein die beiden Bauten.

Beeindruckendes Gesamtkunstwerk

Der Besucher des Design-Museums der Möbel-Firma Vitra wird in der Ausstellung mit einem Gesamtkunstwerk konfrontiert, das seinesgleichen sucht. Man muss nicht Anhänger der Anthroposophie sein, um von dem ungeheuer vielfältigen und umfangreichen Schaffen des im heutigen Kroatien gelegenen Kraljevec beeindruckt zu sein. Vermutlich wird sogar derjenige mehr Freude an den Ausstellungsstücken haben, dem der Name Rudolf Steiner noch nie begegnet ist.

Blick in die Ausstellung Rudolf Steiner-Die Alchemie des Alltags in Weil am Rhein (Foto: © Vitra Design Museum 2011; Foto: Thomas Dix)

Kühne Visionen des Möbel-Designs: Blick in die Ausstellung "Alchemie des Alltags"


Steiner als Wegbereiter der Moderne - das ist eine Sichtweise, die man sich nach der Ausstellung aneignen kann. Auch wenn dem Besucher die Mysterienspiele Steiners, für die er das Goetheanum mit seiner großen Bühne auch bauen ließ, heute antiquiert erscheinen: die Gesamtkonzeption aus Architektur und Bühnenspiel, aus Dekor und geistiger Unterfütterung, das Zusammenspiel der verschiedenen Sparten und Disziplinen, das sich damals auch auf Richard Wagners Konzept des Gesamtkunstwerks berief, ist nicht weit entfernt von heutigen Entwürfen moderner Künstler.

Visionäre Bauten

Und die architektonischen Entwürfe und Bauten Steiners, die mit ihren geschwungenen, fließenden Linien und wulstigen Ausprägungen in ihrer Entstehungszeit den Ideen des Bauhaus widersprachen, lassen sich in den dekonstruktivistischen Konstruktionen von Architekturstars wie Zaha Hadid, Santiago Calatravas oder Herzog & de Meuron nachspüren. Dass Steiner einen großen Einfluss auf die moderne Kunst hatte, darauf hat 1983 schon der Kunstkurator Harald Szeemann in seiner Ausstellung "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" hingewiesen. Die Wolfsburger Ausstellung im vergangenen Jahr hat das noch einmal eindrucksvoll bestätigt und weitergeführt.

Ausstellungsstücke in der Ausstellung Rudolf Steiner-Die Alchemie des Alltags (Foto: © Kunstsammlung Goetheanum, Dornach; Foto: Andreas Sütterlin)

Runde Formen - schlichtes Design

Und schließlich zeigen auch die vielen anderen Exponate, die in Weil am Rhein ausgestellt sind, egal ob es sich um Stühle oder Leuchten, Schränke oder Tische handelt, dass auch der Abstand zwischen dem Kosmos Steiners am Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Designern unserer Tage oft gar nicht weit ist. Freilich sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass dies heute - wie es die Kuratoren schreiben - oft ohne den geistigen Überbau Rudolf Steiners geschieht. Nicht die geisteswissenschaftlich unterfütterte Theorie sei da entscheidend als vielmehr die Frage nach dem passenden Computerprogramm.

Zu der Ausstellung im Vitra Design Museum in Wheil am Rhein (die Ausstellung ist noch bis zum 1.5.2012 geöffnet) ist ein umfangreicher, reich bebildeter Katalog erschienen: "Rudolf Steiner. Die Alchemie des Alltags".

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Gudrun Stegen

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