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Gesundheit

Umstrittene Studie zu Sommerwetter und Gelenkschmerzen

Bei warmem Wetter googeln mehr Menschen Schlagwörter wie Gelenk- oder Hüftschmerzen als an Tagen mit geringeren Temperaturen. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie aus den USA.

Über einen Zeitraum von vier Jahren hat ein Team um den Orthopäden Scott Telfer von der University of Washington in Seattle Wetterdaten ausgewertet und diese dann in eine Beziehung zu Google-Anfragen gebracht. Die Ergebnisse haben die Forscher am 9. August 2017 in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht. Es kam zum Beispiel heraus, dass mit steigenden Temperaturen immer mehr Menschen nach dem Thema Gelenkschmerzen suchen. Wird es aber zu warm, geht diese Zahl wieder zurück. 

Doch was bedeutet das? Etwa, dass gemäßigt warme Außentemperaturen Gliederschmerzen begünstigen? Keineswegs, sagt Prof. Marcus Schiltenwolf von der Uniklinik Heidelberg. Er übt harsche Kritik an der Methode, mit der die Studie durchgeführt wurde. Alles in allem sei sie sehr fragwürdig.

"In Abhängigkeit vom Wetter wurden Clicks ausgewertet. Diese Clicks sagen, dass unter bestimmten Wetterverhältnissen das Interesse an Gelenkschmerzen mehr oder weniger groß ist. Mehr sagt die Studie nicht." Es zeige Korrelationen, die in keinerlei kausalem Verhältnis zueinander stünden.  

Zweifelhafte Ergebnisse?

Zunächst verlief die Zahl der Anfragen im Internet parallel zum Temperaturanstieg. Bei Temperaturen über 20 Grad verringerte sich die Zahl. Die meisten Nutzer wollten laut Studie etwas zu Kniebeschwerden wissen, wenn das Thermometer auf etwa 23 Grad stand. Hüftbeschwerden tauchten bei etwa 28 Grad in den Suchmaschinen auf.

Universitätsklinikum Heidelberg, Marcus Schiltenwolf (privat)

Marcus Schiltenwolf von der Uniklinik Heidelberg sieht die Studie kritisch

Einen Zusammenhang könne man hier nicht herstellen. "Da könnte man genauso gut fragen, wie oft bestimmte Kochrezepte in Abhängigkeit vom Wetter angeklickt wurden", so Schiltenwolf.

Wichtige Daten fehlen

Eine solche Studie müsse auch körperliche Aktivitäten berücksichtigen. "Wir wissen überhaupt nichts über die demographischen und verhaltensbezogenen Daten der Nutzer, die ausgewertet wurden. Sie sind völlig anonym und können überhaupt nicht bewertet werden."

Es gebe sehr viele unbekannte Größen in der Studie, so dass man von dem Ergebnis nichts ableiten könne, so der Orthopäde. "So wie die Studie durchgeführt wurde, so geht das nicht", sagt Schiltenwolf.

Ist das Wetter wirklich schuld?

An schönen Tagen halten sich die Menschen häufiger im Freien auf, sind aktiver. Auch Ungeübte schwingen sich aufs Rad, gehen Schwimmen oder Laufen. Für sie ist die Gefahr, sich zu verletzen dann größer, und sie leiden auch häufiger unter anderen Beschwerden wie etwa Muskelkater.

Wer das ganze Jahr über kaum oder gar keinen Sport treibt und sich dann wegen des guten Wetters mehr bewegt, spürt manchmal die Folgen: Das Knie tut weh oder die Hüfte oder Körperteile schmerzen, von denen der Sportmuffel vielleicht nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gibt.

Gibt es Wetterfühligkeit ?

Welchen Einfluss hat aber nun das Wetter, haben Temperaturen unmittelbar auf unseren Körper, unabhängig von verschiedenen Aktivitäten? Untersuchungen zufolge halten sich mehr als die Hälfte aller Deutschen für wetterfühlig. Das betrifft dann aber nicht einen bestimmten Temperaturbereich, sondern eher den Wetterwechsel.

Bei Menschen ab einem Alter von 60 Jahren beklagen sich fast 70 Prozent darüber, dass sie verstärkt Beschwerden in den Knochen spüren. Auch Kopfschmerzen treten dann häufiger auf. Bei Jüngeren spielt das Wetter kaum eine Rolle. Sie treiben im Durchschnitt häufiger und regelmäßiger Sport und ihre Gelenke leiden noch nicht unter natürlichem Verschleiß.

Fahrradfahren - Paar (picture alliance/blickwinkel/S. Ziese)

Treiben unsportliche Menschen Sport, haben sie danach oft erst einmal Beschwerden

Das Alter fordert eben seinen Tribut. Sport ist da die beste Medizin. Die Studie aber vermittele den Eindruck als müsse man bei Bewegung in gutem Wetter eher Bedenken haben, kritisiert Schiltenwolf.

Das nächste Projekt

Der Leiter der Studie, der Orthopäde Scott Telfer von der University of Washington, räumt gegenüber der DPA ein: "Wir haben keinen direkten Mechanismus gefunden, der Umgebungstemperatur und Schmerz verbindet.

Wir glauben eher, dass Leute an schönen Tagen aktiver sind und mehr dazu neigen, sich zu überanstrengen und zu verletzten und dann online nach Informationen dazu suchen. Die Forscher wollen das nun weiter untersuchen.

Arbeiten die Wissenschaftler dabei mit der gleichen Methode wie bei der vorliegenden Untersuchung, ist ihnen Kritik gewiss. Schiltenwolf hat eine ganz klare Meinung zu der internet-basierten Studie aus Seattle: "Diese internet-basierte Studie ist Schwachsinn. Sie geht nicht über andere, rein zufällige Korrelationen hinaus, wie etwa dem Erscheinen der Störche im Frühjahr und einer etwas gesteigerten Geburtenrate."