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Politik & Gesellschaft

Umstrittene Studie über junge Muslime

Eine Studie des Bundesinnenministeriums hat eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Demnach soll fast ein Viertel aller jungen ausländischen Muslime in Deutschland nicht an Integration interessiert sein.

Bevor die Studie am Donnerstag (01.03.2012) insgesamt veröffentlicht war, standen tagszuvor einige Zahlen bereits im Boulevard-Blatt "Bild": 24 Prozent der nichtdeutschen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren könnten als "streng religiös, mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz" bezeichnet werden, heißt es in der Untersuchung. Bei den Muslimen mit deutscher Staatsangehörigkeit liege der Anteil bei 15 Prozent.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU): "Von der Tendenz her war uns natürlich klar, dass es dort einen gewissen Prozentsatz gibt. Diese Zahlen, die 24 Prozent bei den nichtdeutschen Muslimen, fand ich doch überraschend hoch."

Radikalisierungstendenzen bei jungen Muslimen

Als Ursachen für die Radikalisierungstendenzen bei jungen Muslimen in Deutschland nennt die Studie mit dem Titel "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" vor allem das Ausmaß der "traditionellen Religiosität" in einigen Zuwandererfamilien, die prägende Wirkung "autoritärer Einstellungen" und die Wahrnehmung beziehungsweise das Erleben von "gruppenbezogener Diskriminierung" in Deutschland.

Jugendliche barfuß in einer Moschee

Muslimische Jugendliche in einer Moschee in Frankfurt am Main

Die Studie wurde von Wissenschaftlern dreier Universitäten sowie eines privaten Sozialforschungsinstituts erstellt. Mehr als 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime wurden dazu telefonisch befragt und 692 Fernsehbeiträge und Nachrichtensendungen analysiert. Bereits kurz nach Bekanntwerrden der ersten Zahlen sah sich Innenminister Friedrich zu einer Stellungnahme gezwungen. "Ich denke man kann als Fazit sagen aus dieser Studie: Es gibt die Muslime als Begriff nicht, sondern es ist eine vielschichtige Gruppierung, die sehr heterogen ist."

Kein Generalverdacht

Angesprochen auf den Generalverdacht, dem junge Muslime durch die einseitige Präsentation der Ergebnisse ausgesetzt würden, sagte Friedrich: "Es gibt natürlich unter jugendlichen Muslimen oft das Gefühl, sie würden unter Generalverdacht gestellt, auch was den Islamismus angeht." Dem müsse auch in der öffentlichen Darstellung entgegen gewirkt werden. Es sei ungerecht diesen Menschen gegenüber, einen solchen Generalverdacht zu hegen. "Ich glaube auch, dass er allgemein nicht existiert. Aber sie fühlen oder sie spüren subjektiv diesen Generalverdacht. Und ich denke, wir müssen dafür sorgen, dass das nicht mehr so ist."

Die Studie bestätige aber auch, so Friedrich, “dass wir in der Grundtendenz richtig gehandelt haben, die Integration weiter ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen."

Deutschland achte die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer, so der Innenminister, akzeptiere jedoch nicht nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten.

Muslime lehnen Terrorismus ab

Nicht Teilergebnisse der Studie sollten in den Vordergrund gestellt werden, sondern das Gesamtbild müsse im Auge behalten werden, sagt der Innenminister: "Die Muslime in Deutschland lehnen Terrorismus kategorisch ab. Und es gibt die Muslime als Kategorie eigentlich nicht, sondern es ist eine ganz vielschichtige Gruppierung."

Porträt Serkan Tören

Kritisiert den Innenminister: Serkan Tören (FDP)

Kritik an der Studie war von der mitregierenden FDP zu vernehmen. Deren integrationspolitischer Sprecher Serkan Tören monierte, dass das Innnenministerium Steuergelder verwendet, um eine Studie zu finanzieren, die Schlagzeilen produziert, aber keinerlei Erkenntnisse: "Letztendlich glaube ich, dass hier oftmals Religiosität gemessen wird, die gar nicht gemessen werden kann, sondern da wird meistens immer in solchen Studien und das ist auch in diesem Fall so, subjektiv abgefragt, wie man zur Religion steht. Und daraus nun bestimmte objektive Erkenntnisse abzuleiten wie 'Je mehr jemand an eine Religion glaubt, desto gewalttätiger ist er'". Derartige Schlussfolgerungen würden zu weit gehen.

Auch die Opposition kritisiert die Studie. So forderte die stellvertretende  SPD-Vorsitzende Aydan Özuguz "viel stärker zu schauen, warum sich junge Leute immer wieder verdrängt fühlten".

Auch an der wissenschaftlichen Herangehensweise wird Kritik geübt: Nur 700 Befragte seien viel zu wenig und die Fragestellung sei falsch, kritisiert Mehmet Kılıç, Sprecher für Migrationspolitik von Bündnis 90 / Die Grünen: "Wenn man denen provokativ die Frage stellt 'Wollen Sie sich integrieren oder nicht?' - weil diese Fragestellung immer mit einem Feldwebel-Ton bis heute erfolgt ist - dann sagen sie alle 'Nein ich will mich nicht integrieren.'"

Chancen- und Perspektivlosigkeit

Porträt Memet Kılıç

Memet Kılıç (Grüne): Zu wenig Befragte

Nicht Religion oder die Einwanderungsgeschichte seien die entscheidende Ursache für Jugendgewalt, sondern Chancen- und Perspektivlosigkeit, sagt Kılıç. Eine gute Bildung und Jugendarbeit seien die beste Prävention, so der Grünen-Politiker. Die Benachteiligung von Jugendlichen mit Einwanderungsgeschichte auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt müsse endlich beseitigt werden.
Die türkischstämmige Lehrerin Betül Durmaz sieht zwar noch manches Problem bei der Integration, ist aber überzeugt, dass es Lösungen dafür gibt: "Es dürften gar nicht diese Ghetto-Schulen entstehen, wo achtzig, neunzig oder teilweise hundert Prozent Kinder mit Migrationsanteil in einer Klasse sitzen. Bestimmte Stadtviertel müssten wirklich aufgewertet werden", sagt die junge Frau. Dass die Zahl integrationsfeindllicher junger Muslime in Deutschland wirklich so hoch ist, wie die Studie behauptet, hält sie für maßlos übertrieben.

Zum Islam bekennen sich in Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge schätzungsweise vier Millionen Menschen. Knapp die Hälfte von ihnen hat die deutsche Staatsbürgerschaft.

Autorin: Sabine Ripperger
Redaktion: Peter Stützle