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Europa

Umstrittene Reality-Show um Spenderniere

Die Proteste sind massiv. Trotzdem will der niederländische Fernsehsender BNN eine Reality-Show über eine todkranke potenzielle Spenderin ausstrahlen, die aus drei Bewerbern den Gewinner ihrer Niere auswählt.

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Umstrittene Show

Drei Schwerkranke im öffentlichen Rennen um eine dringend benötigte Organspende: Trotz Protestwelle hält der (öffentlich-rechtliche) niederländische Fernsehsender BNN an der Reality-Show fest. Die für Freitag (1.6.2007) geplante "Grote Donor Show" solle ein Schlaglicht auf die prekäre Organspende-Situation in den Niederlanden werfen, so der Sender. Kritiker nennen die geplante Sendung dagegen unethisch und geschmacklos.

Die von Endemol ("Big Brother") produzierte Show will einem von drei Kandidaten die Hoffnung auf eine neue Niere erfüllen. Zur Verfügung gestellt werden soll sie von einer nur als "Lisa" bezeichneten 37 Jahre alten Frau, die unter einem inoperablen Hirntumor leidet. Lisas Niere solle noch vor ihrem Tod transplantiert werden, erklärte BNN-Sprecherin Marieke Saly. Nur so sei nach niederländischen Gesetzen sichergestellt, dass das Organ dem von ihr ausgewählten Spender zugute komme. Garantiert werden könne der Eingriff allerdings nicht. Die zweite Niere könne nach Lisas Tod an einen Patienten auf der Warteliste für Organspenden gehen.

"Die Realität ist noch schockierender"

Während der Sendung soll die 37-Jährige Interviews mit den drei Bewerbern, ihren Familien und Freunden hören. Die Zuschauer können anschließend über SMS abstimmen, wen sie für den geeignetsten Empfänger des Spenderorgans halten. Solche SMS in TV-Shows kosten in der Regel rund einen Euro, einen genauen Preis nannte Saly nicht. Allerdings werde allein Lisa darüber entscheiden, "wer der Glückliche ist", betonte die Sprecherin des Senders, der jährlich 325 Fernsehstunden produziert und vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt ist.

BNN-Gründer Bart de Graaff

BNN-Gründer Bart de Graaff verstarb 2002 nach vergeblichem Warten auf eine Spenderniere

"Wir wissen, dass dieses Programm super kontrovers ist und dass es einige Leute als geschmacklos ansehen werden, aber wir glauben, dass die Realität noch schockierender und geschmackloser ist: Auf ein Organ zu warten ist wie im Lotto zu spielen", erklärte der BNN-Vorsitzende Laurens Drillich. Seinen Angaben zufolge warten Patienten in den Niederlanden im Schnitt mehr als vier Jahre auf ein Spenderorgan. Jedes Jahr sterben 200 von ihnen, weil sie die rettende Transplantation nicht rechtzeitig erhalten. Auch BNN-Gründer Bart de Graaff erlitt dieses Schicksal.

"Unpassend und unethisch"

Viele Abgeordnete appellierten an die niederländische Regierung, die Ausstrahlung der Reality-Show zu unterbinden. Bildungsminister Ronald Plasterk erklärte jedoch während einer Parlamentsdebatte am Dienstag, ein Verbot sei nicht möglich: Seinen Informationen zufolge sei die Sendung zwar "unpassend und unethisch, vor allem wegen des wettbewerblichen Elements". Allerdings verbiete die Verfassung Eingriffe in den Inhalt von Programmen. "Das wäre Zensur", sagte Plasterk.

Paul Beerkens vom niederländischen Nieren-Institut erklärte, es sei zwar "phantastisch", dass BNN auf das Problem der fehlenden Spenderorgane hinweise. "Aber die Art, wie sie das machen, ist definitiv nicht unsere Wahl", sagte Beerkens der niederländischen Nachrichtenagentur ANP.

EU kündigt Aktionsplan an

Auch die EU-Kommission kritisierte die geplante Sendung. Er sei "schockiert über diese Idee" und werde sich die Sendung nicht anschauen, sagte der EU-Gesundheitskommissar Marko Kyprianou am Mittwoch in Brüssel. "Es handelt sich um ein sensibles Thema, Aufmerksamkeit dafür sollte man auf andere Weise wecken."

Der zyprische EU-Kommissar kündigte am Mittwoch einen Aktionsplan an, um mehr Menschen zu einer Organspende zu bewegen. Zudem könnten in Krankenhäusern Transplantationskoordinatoren eingesetzt werden, um die Vermittlung von Organen zu verbessern. Laut einer von der EU-Kommission veröffentlichten Umfrage sind zwar 56 Prozent der Europäer bereit, nach ihrem Tod ihre Organe für die Heilung Schwerstkranker zur Verfügung zu stellen.

Nur zwölf Prozent besitzen aber tatsächlich einen Organspenderausweis. Auch er selbst habe keinen, räumte Gesundheitskommissar Kyprianou ein: "Dabei wäre ich bereit zu spenden. Das illustriert das Problem." Nach Kommissionsangaben sterben in Europa täglich zehn Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Aktuell stünden rund 40.000 Europäer auf der Warteliste.