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Politik

Umstrittene Geschichte: Palästina und die Nazis

Wie hat sich Palästina zum Nationalsozialismus in Deutschland verhalten? Der Historiker Renè Wildangel räumt in einer Studie mit dem falschen Geschichtsbild auf, das besagt, alle Palästinenser hätten Hitler unterstützt.

Bruno Ganz als Adolf Hitler in dem Film Der Untergang, Quelle: AP

Adolf Hitler bei einer Rede 1937 in Berlin

Hadj Amin Husseini

Umstrittene Figur der Geschichtsschreibung: Hajj Amin el Husseini

Wenn man in Deutschland über das Verhältnis der Palästinenser zum Nationalsozialismus spricht, dann gelangt man früher oder später meistens zu einer Person: den Großmufti von Jerusalem, Hajj Amin el Husseini. Er war Antisemit, glühender Anhänger der Nazis und kollaborierte mit dem Regime, zunächst in den 1930er-Jahren von Jerusalem aus, ab 1941 dann aus Deutschland.

Der Berliner Historiker René Wildangel hat eine Studie über Palästina und den Nationalsozialismus veröffentlicht. Der Titel lautet: "Zwischen Achse und Mandatsmacht". Darin fragt er auch nach der Rolle des berühmt-berüchtigten Muftis. "Er ist einfach nicht repräsentativ. Man muss sich eher mit den Dingen beschäftigen, die in Palästina selbst passiert sind, und nicht nur mit dieser einen Person, die nach Deutschland gekommen ist und dort mit den Nazis kollaboriert hat."

Ein schiefes Bild

Es ist vor allem die palästinensische Perspektive, die Wildangel in seiner Studie interessiert. Denn die, so wirft er seinen Historiker-Kollegen vor, wurde bisher sträflich vernachlässigt. Die meisten Untersuchungen stützten sich auf deutsche, britische und israelische Quellen und kamen zu dem Schluss, dass Hitler-Deutschland aus Palästina uneingeschränkte Zustimmung erfahren hat. Zudem sei die Bevölkerung generell antisemitisch eingestellt gewesen - "wie der Mufti, so das Volk". Das große Verdienst von Wildangels Studie liegt darin, diese Sichtweise zu hinterfragen. "Wenn man die ganze Zeit nur aus deutschen Geheimdienst- und SS-Berichten rekonstruiert", sagt Wildangel, "dann ergibt sich ein schiefes Bild".

Wildangel versucht, dieses schiefe Bild auf mehr als 400 Seiten gerade zu rücken. Er analysiert, wie Nazi-Deutschland in palästinensischen Zeitungen und Schriften der damaligen Zeit dargestellt wurde. So faszinierte die Person Adolf Hitler, die nationale Begeisterung und seine Wirkung auf die Massen die Bevölkerung durchaus. Auch manche NS-Parolen wurden in Palästina positiv aufgenommen. Meistens allerdings weniger aus einer antisemitischen Haltung heraus, wie oft unterstellt, sondern aus einer Opposition gegen die britische Kolonialmacht, getreu dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund".

Geschichte in der Gegenwart

Gleichzeitig wurde sehr differenziert über den Diktator und sein politisches Programm berichtet. Selbst in ein und derselben Zeitung diskutierten die Journalisten oft kontrovers über den Nationalsozialismus. Zumindest wer Zeitung las, war also durchaus darüber informiert, welche Ziele der NS-Staat verfolgte. Und auch darüber, dass der Rassismus vor Arabern nicht Halt machte. Palästina sei für Deutschland vor allem wegen der Auswanderung deutscher Juden interessant gewesen, und nicht, weil man das Land bei seinem Kampf gegen die britische Kolonialmacht unterstützen wollte.

Die Palästinenser kollektiv als Anhänger des Nazi-Regimes darzustellen, sei vor allem der politischen Entwicklung nach 1945 geschuldet, glaubt Wildangel: "Je stärker der Hass im Nahostkonflikt, desto stärker ist auch die Bereitschaft, solche verfälschten Geschichtsbilder zu transportieren. Die israelischen Autoren verweisen auf den Mufti, und die Araber weigern sich, sich mit dem Antisemitismus und Holocaust überhaupt auseinanderzusetzen."

Notwendige Debatte

Symbolbild Nahostkonflikt

Schweres Erbe für die israelische-palästinensischen Beziehungen

Historische Halbwahrheiten würden zu politisch fragwürdigen Argumenten der Gegenwart, beklagt Wildangel. "Ich glaube, dass der ganze Nahostkonflikt in großen Teilen Kampf um Legitimation ist; es gibt gegenseitige Schuldzuweisungen und einen Mangel, sich mit der Geschichte des anderen auseinanderzusetzen. Das wirkt konfliktverschärfend und verhindert, aus der Konfliktspirale herauszukommen."

Wildangels Studie ist ein Versuch, die einseitige Auseinandersetzung mit dem Thema zu durchbrechen. Eine breite öffentliche Diskussion kann sie naturgemäß nicht ersetzen. Aber vielleicht gelingt es ihm, mit seiner Studie zumindest eine breite Debatte anzustoßen.

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