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Afrika

Umstrittene Bürgerwehr gegen Islamisten

Während in Abuja Vertreter der Islamistengruppe Boko Haram einem Waffenstillstand zustimmen, werden im Nordosten des Landes immer häufiger Jugendliche zu Opfern des Terrors. Jetzt wehren sie sich.

In Nigerias Konflikt zwischen Staat und Islamisten bemühen sich beide Seiten offiziell um Entspannung. Am 07.07.2013 verkündeten Sprecher der Amnestie-Kommission des nigerianischen Präsidenten und Vertreter der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in der Hauptstadt Abuja einen Waffenstillstand.

Zwei Monate nach der Verhängung des Ausnahmezustands und dem Beginn einer Militäroffensive solle das Abkommen die Suche nach einer dauerhaften Lösung des Konflikts erleichtern, betonten beide Seiten. Doch bisher sieht es in der Hochburg der Terroristen im Nordosten Nigerias nicht nach Entspannung aus.

Erst in der Nacht zu Samstag (06.07.2013) - kurz vor dem Waffenstillstand also - hatten Bewaffnete nahe Potiskum im Bundesstaat Yobe erneut eine Schule angegriffen und mindestens 29 Internatsschüler ermordet. Der Angriff trägt die Handschrift der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. Allerdings distanzierte sich ein hochrangiger Sprecher der Gruppe in Abuja von der Tat: "Wir haben damit nichts zu tun", sagte Mohammad Marwan, als er sich zu Gesprächen über den Waffenstillstand in der nigerianischen Hauptstadt aufhielt.

Die französische Nachrichtenagentur AFP zitierte dagegen einen Nachbarn der Schule mit der Vermutung, es habe sich bei dem Angriff um Rache für eine Militäraktion gegen Boko-Haram-Kämpfer wenige Tage zuvor gehandelt. Auch in der Vergangenheit hatten die Terroristen immer wieder Schulen angegriffen, die sie für Vorposten der von ihnen abgelehnten "westlichen Lebensweise" halten.

Bürgerwehren gegen Boko Haram

Da durch die Angriffe auf Schulen und Universitäten immer öfter Jugendliche zu Opfern des Terrors wurden, haben in Maiduguri, der Hauptstadt des benachbarten Bundesstaats Borno, nun junge Männer Bürgerwehren gebildet. Sie wollen nicht länger tatenlos zusehen, wie die Islamisten ihre Stadt terrorisieren. "Civilian JTF" nennen sie sich. "Civilian" bedeutet zivil und die Abkürzung "JTF" ist eine Anlehnung an die sogenannte "Joint Task Force" - also die gemeinsame Einsatztruppe von nigerianischer Polizei und Armee im Bundesstaat Borno.

Grafik: Die vom Terror geplagte Stadt Maiduguri im Nordosten Nigerias (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Die vom Terror geplagte Stadt Maiduguri im Nordosten Nigerias

Seit Anfang Juni kämpfen die jungen Bürger-Soldaten gegen den Terrorismus in der Hauptstadt des krisengeschüttelten Bundesstaats. Bereits im Mai hatte die nigerianische Armee Mitglieder der islamistischen Sekte aus Maiduguri vertrieben. Nun macht "Civilian JTF" Jagd auf Boko Haram, um ihre Rückkehr zu verhindern. Medien- und Augenzeugenberichten zufolge sollen 500 Jugendliche aus 15 Vierteln Maiduguris als Informanten für Armee und Polizei im Einsatz sein. Die Jugendlichen behaupten außerdem, sie hätten bereits eine Reihe von Aufständischen verhaftet.

Bereits Ende Juni haben den Quellen zufolge nigerianische Sicherheitskräfte einige ihrer Kontrollpunkte an die Bürgerwehr übergeben. Deren Mitglieder kämen an strategisch wichtigen Plätzen zum Einsatz, so ihr Anführer Abubakar Mallum. Dabei trügen sie Stöcke und Macheten bei sich. Trotz der offensichtlichen Gefahr ihrer Mission hätten sie sich entschieden "die Schreckensherrschaft" zu beenden, weil sie schon lange unter ihr gelitten hätten.

Skepsis gegenüber junger Bürgerwehr

Nigerianische Soldaten in Baga, Bundesstaat Borno (Foto: AFP)

Soldaten patrouillieren im Bundesstaat Borno

Übt die Jugendwehr jetzt Selbstjustiz, abseits der Kontrolle des nigerianischen Sicherheitsapparats? Darüber mache sich die Bevölkerung in Maiduguri zunehmend Sorgen, sagt der politische Analyst Sadiq Umar Abubakar im DW-Gespräch. "Sie gehen nicht in die Schule und sie haben keinen Beruf. Außerdem tragen sie Schlagstöcke, Macheten, eine Menge anderer Waffen und errichten Straßensperren." Die Jugendlichen würden als eine potenzielle Bedrohung für den wackeligen Frieden gesehen, so Abubakar. Noch einige Wochen zuvor hatte Boko Haram die Stadt angegriffen, als Vergeltung für die Verhaftung ihrer Mitglieder durch die Bürgerwehr. Außerdem, so befürchtet der Analyst, könnten die Mitglieder der "Civilian JTF" eines Tages selbst eine Rebellion auslösen.

Der nigerianische Sicherheitsexperte Bawa Abdullahi Wase sieht die Zusammenarbeit zwischen der "Civilian JTF" und den Sicherheitskräften der nigerianischen Regierung mit viel Skepsis. Im Bundesstaat Anambra hätte es im Kampf gegen die dort weit verbreitete Kriminalität eine ähnliche Zusammenarbeit gegeben. "Einige Jugendliche hatten sich mit der berüchtigten Bakassi-Brigade zusammengetan und gingen auf Menschenjagd. Und irgendwann griffen diese Jugendlichen sogar die Regierung an", so Wase. Er befürchtet, dass die Mitglieder der "Civilian JTF" sich eines Tages auch gegen die Regierung wenden könnten.

Minister begrüßt Zusammenarbeit mit "Civilian JTF"

Zerstörung nach einem Anschlag in Maiduguri im Februar 2012 (Foto: epa)

Zerstörung nach einem Anschlag in Maiduguri (Nordost-Nigeria) im Februar 2012

Der Sprecher des nigerianischen Verteidigungsministeriums, Brigadegeneral Chris Olukolade, sieht die Kooperation mit der Bürgerwehr hingegen positiv. Der Einsatz der Jugendlichen sei willkommen, solange er dazu führe, Aufstände von Extremisten zu beenden. Das sieht der politische Analyst Sadiq Umar Abubakar anders. "Die einzige Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und dem Sicherheitspersonal sollte im Austausch von relevanten Informationen liegen. Informationen, die dazu führen, Terrorakte auffliegen zu lassen."

Die Islamisten haben angekündigt, jeden zu erschießen, der Informationen über ihre Aktivitäten an die Sicherheitskräfte weitergibt. Und in einer E-Mail vom 18. Juni 2013 schreibt Boko Haram-Sprecher Abu Zinnira, dass die Gruppe nun auch Jagd auf Mitglieder der "Civilian JTF" machen werde. Die Jugend-Bürgerwehr will trotzdem weitermachen.

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