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Politik

Umsteigen auf die Rikscha

Mumbai an der Spree - in Berlin fallen die S-Bahnen aus. Kunden steigen auf U-Bahnen und Busse um - oder auf die Fahrrad-Rikschas im Tiergarten. Mit Einsparungen wurde die Berliner S-Bahn gegen die Wand gefahren.

Grafik Fernschreiber

Zugegeben, wir Berliner sind verwöhnt. Denn in unserer schönen Stadt gibt es einen geradezu mustergültigen öffentlichen Nahverkehr. Wir können aus einen breiten Angebot wählen: S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und Bus, jedes Verkehrsmittel steht uns zur Verfügung. Alles lässt sich kombinieren, fast überall können Fahrräder mitgenommen werden und fast jedes Ziel in der Stadt und der näheren Umgebung ist erreichbar. Darüber hinaus macht es Spaß, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. In den S-Bahnen werden wir über kleine Bildschirme mit den Nachrichten versorgt, in den U-Bahnen unterhalten uns mehr oder minder begabte Musikanten, die Trambahn vermittelt ein gemütliches nostalgisches Gefühl und wenn man im Doppeldecker-Bus an den Highlights Berlins vorbeifährt, fühlt man sich sowieso wie ein König.

Die Touristen wundern sich

Doch seit Anfang der Woche ist Schluss mit dem Vergnügen. Denn die S-Bahn fährt nicht mehr. Nur noch wenige Strecken werden bedient, die Ringbahn funktioniert derzeit noch, aber die Hauptstrecke von West nach Ost, die unter anderem die zentralen Bahnhöfe Zoo, Friedrichstraße und Ostbahnhof versorgte, wurde vorübergehend stillgelegt. Die Fahrgäste müssen auf die anderen Verkehrsmittel umsteigen, auf die Regionalbahn, die U-Bahn, das Taxi oder das Fahrrad. 400.000 Kunden hat die S-Bahn so innerhalb von zwei Tagen verloren, das ist so viel wie eine mittlere deutsche Stadt Einwohner hat.

Touristen aus der ganzen Welt reiben sich verwundert die Augen, während sie hilflos auf den Bahnsteigen umherirren. Stand im Reiseführer nicht, dass man in Berlin sicher und bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einem Ende der Stadt zum anderen gelangen kann? Hatte man ihnen nicht versprochen, dass Berlin die interessanteste Hauptstadt Europas ist, dass hier neben kultureller Vielfalt auch deutsche Genauigkeit, Effizienz und Pünktlichkeit herrschen? Und nun das. Chaos und Verwirrung auf den Bahnhöfen, überfüllte Züge und genervte Pendler.

S-Bahn unter Kostendruck

Und warum das alles? Weil die S-Bahn-Züge in die Werkstatt mussten. Anfang Mai war ein Rad gebrochen und ein Zug entgleist - glücklicherweise ohne größere Schäden anzurichten. Das waren die ersten Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Schlechtes Material oder mangelnde Wartung? Darüber streiten sich die Fachleute.

Eines aber scheint klar zu sein: die S-Bahn, die dem Deutsche Bahn-Konzern gehört, stand unter erheblichem Kostendruck. Schließlich wollte der inzwischen zurückgetretene Bahnchef Hartmut Mehdorn an die Börse - mit Unterstützung der Bundesregierung. Und so musste die S-Bahn Kosten senken und Gewinne einfahren. Die Wartungsintervalle wurden daher verlängert, Arbeitsplätze in den Werkstätten abgebaut und die Zahl der Wagen reduziert.

Ursache: Privatisierung

Nun ist das eingetreten, was Privatisierungskritiker immer befürchtet haben und was man in anderen Ländern bereits zur Genüge beobachten konnte: Service und Zuverlässigkeit werden immer schlechter, Kunden und Mitarbeiter müssen ausbaden, was Manager und Politiker zu verantworten haben.

Und die Fahrrad-Rikschas im Berliner Tiergarten, mit denen man sich umweltschonend durch die Hauptstadt chauffieren lassen kann, scheinen plötzlich nicht mehr nur eine charmante Touristenattraktion zu sein, sondern vielmehr ein Menetekel, das auf künftige Entwicklungen hinweist.

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Dirk Eckert