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Alltagsdeutsch – Podcast

„Umgedrehter Unterricht“

Vorlesungen in einem überfüllten Hörsaal? Kaum vorbereitet in ein Seminar gehen? Das gilt nicht für diejenigen, die mit dem Prinzip des „umgedrehten Unterrichts“ lernen – wie zum Beispiel die Studenten in Marburg.

Sprecher:
Scheinwerfer, Stative und Kameras – das Arbeitszimmer von Jürgen Handke erinnert eher an ein Fernsehstudio als an das Arbeitszimmer eines Hochschuldozenten. Jürgen Handke ist Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Philipps-Universität Marburg. Hier in seinem Arbeitszimmer hält er vor einer Multimediatafel, dem sogenannten Interaktiven Whiteboard, seine Vorlesungen. Sein einziger Zuschauer ist die Videokamera. Die Studenten hingegen sitzen zuhause und sehen sich die Vorlesung später online über das Internet an. Diese Form der Vorlesung heißt „inverted classroom“ oder auch „flipped classroom“. Übersetzt heißt das so viel wie „umgedrehter Unterricht“. Die Idee kommt ursprünglich aus Nordamerika. Professor Handke sagt, was er daran so interessant findet:

Jürgen Handke:
„Der normale Weg ist ja, Sie sitzen in einem Unterrichtsraum, der Dozent steht vorne und erzählt etwas. So, und wir sagen, diese Inhaltsvermittlung, die kann in der heutigen Zeit – und im 21. Jahrhundert sollte das so sein – über das Internet erfolgen. Denn da steckt das Wissen der Menschheit, und das hat den Vorteil, dass jeder Lernende nach seinem eigenen Tempo dort die Inhalte beliebig oft, zu jedem Zeitpunkt, von jedem Ort der Welt sich aneignen kann.“

Sprecher:
Laut Professor Handke sollte für das Lehren im 21. Jahrhundert das Internet genutzt werden. Denn der Vorteil ist seiner Meinung nach, dass der Lehrinhalt weltweit vermittelt werden kann, da die Nutzung des Internets unabhängig von Zeit und Ort ist. Egal, wo sich ein Student, eine Studentin aufhält, kann er oder sie sich jederzeit an jedem Ort die Vorlesung anhören und anschauen. Das gibt ihm oder ihr zudem die Möglichkeit, das Lerntempo selbst zu bestimmen und sich den Lernstoff einzuprägen, anzueignen – so wie Ritva zum Beispiel. Sie besucht im Internet ein virtuelles Seminar von Professor Handke zum Unterschied der Dialekte im Englischen. Ritva erklärt, welche Möglichkeiten sie nach dem sogenannten Einloggen hat:

Ritva:
„Ein Link, den ich verfolgen kann, der heißt ‚dialect surveys' – das ist dann so was wie Umfragen zu Dialekten. Und dann kann ich mich jetzt hier noch mal weiterklicken und mir genauere Regionen angucken, wo es verschiedene Dialekte gibt – Großbritannien und halt andere Staaten. Da drunter sieht man aber auch 'n Fenster, da steht: ‚Start the E-Lecture'. Das bedeutet einfach nur, hier habe ich gerade die Möglichkeit, auf ein YouTube-Video zuzugreifen, wo der Herr Handke eine kleine Kurzvorlesung hält.“

Sprecher:
Auf der Internetseite kann sie die angebotenen Links mit der Computermaus auswählen, sie anklicken und sich nach und nach durch die verschiedenen Angebote weiterklicken. Zu finden sind etwa Videos, Landkarten, PDF-Dateien und Übungsaufgaben. Wenn Ritva die elektronische Vorlesung, die E-Lecture, von Professor Handke anschauen will, öffnet sie das Video auf der Videoplattform YouTube. Anders als Vorlesungen in den Hochschulen, die normalerweise eineinhalb Stunden dauern, ist die E-Lecture zeitlich kürzer. Was gefällt Ritva an dieser Form des Lernens?

Ritva:
„Das Gute ist, dass man anders als in der Vorlesung hier auf ‚Stop' drücken kann. Wenn mal was zu schnell ging, kann man auch mal zurückspulen, das heißt, man kann sich hier wirklich sehr detailliert das anhören und seine Notizen vervollständigen.“

Sprecher:
Für Ritva bedeutet die Teilnahme am „umgedrehten Unterricht“, dass sie die Informationen genau aufschreiben kann. Denn bei einer normalen Vorlesung ist der Dozent schon weiter im Thema, ohne dass man schnell genug mitschreiben konnte. Wie früher bei einem Tonband kann sie das Video – bildlich gesehen – zurückspulen. Sie kann mit der Maus wieder an die Stelle klicken, an der sie etwas nicht verstanden hat. In der zweiten Phase des „umgedrehten Unterrichts“ geht es nun darum, das im Präsenzunterricht an der Universität zu üben, was man vorab in der Theorie schon gelernt hat. Deshalb heißt es auch „umgedrehter Unterricht“. Die umgekehrte Reihenfolge der Wissensvermittlung hat für Professor Handke mindestens zwei Vorteile:

Jürgen Handke:
„Für die Lehrer ist der entscheidende Vorteil, dass man sich mehr um die einzelnen Studierenden kümmern kann. Und dass man eben Dinge machen kann, für die sonst einfach keine Zeit bliebe.“

Sprecher:
Zeit bleibt zum Beispiel für praktische Übungen wie die folgende. Eine Kursteilnehmerin testet die sogenannte indirekte Methode. Dabei übernehmen Studenten gegenseitig die Rolle des Lehrenden. Der Dozent bleibt – anders als bei der direkten Methode – im Hintergrund und unterstützt nur, wenn er gefragt wird. So stellt eine Kursteilnehmerin einer anderen gezielte Fragen, die der Kurs vorher in der Sitzung gemeinsam erarbeitet hat. Die befragte Studentin stammt ursprünglich aus Wisconsin und studiert nun in Marburg. Bei bestimmten Wörtern kommt ihr Akzent deutlich zum Vorschein.

Petra:
„What do you do in a ballroom? – In a ballroom you usually dance. – Okay. What is ‚Yesterday' of the Beatles? – It's a song. – What is the opposite of good? – Bad.“

Sprecher:
Ritva nimmt aus dem „umgedrehten Unterricht“ einiges mit. So kann sie sich durch die multimediale Vorbereitung am Computer und die anschließende praktische Übung nun
besser merken, wie Dialektforschung funktioniert. Es bleibt, wie sie umgangssprachlich sagt, hängen und in einer Prüfung hat sie das Gelernte präsent, sie kann es abrufen.

Ritva:
„Wenn man's aktiv mal gemacht hat, bleibt einem einfach auch hängen, was zum Beispiel die indirekte Methode ist. Also, das müsste ich sonst einfach auswendig lernen, aber wenn man's einmal selber gemacht hat, hat man natürlich einfach auch Erfahrung gesammelt, die man dann auch in der Prüfung abrufen kann so 'n bisschen. Da kann man dann besser beschreiben, wie funktioniert das jetzt. Und das hilft dann schon.“





Fragen zum Text

Welche Ansicht von Professor Handke stimmt?
1. Die Studierenden kommen vorbereitet in ihr Präsenzseminar.
2. Es bleibt im Präsenzunterricht kaum Zeit, mit einzelnen Studenten Themen zu vertiefen.
3. Nur die direkte Lehrmethode ist erfolgreich.

Welche Aussage stimmt nicht mit dem Text überein?
1. Beim Zurückspulen eines Videos im Internet kann man Bandsalat produzieren.
2. Nur wer Internet hat, kann eine E-Lecture besuchen.
3. Bei der indirekten Methode unterstützen sich die Studierenden untereinander.

Nicht richtig ist folgender Satz: Eine normale Seminarstunde …
1. dauert 90 Minuten.
2. beträgt anderthalb Stunden.
3. ist in 75 Minuten abgeschlossen.


Arbeitsauftrag
2012 fand in Deutschland die erste „Inverted Classroom Conference“ statt. Professor Jürgen Handke äußert sich in folgendem Video: http://bit.ly/JgNPDk (Minute 7'08 bis 8'52) zu der Frage, was er von dieser Konferenz „gelernt“ hat. Gib die drei Antworten in deinen eigenen Worten wieder.

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