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Afrika

Umar: "Dialog ist der einzige Weg, der bleibt"

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat im Norden Nigerias vermutlich erneut über 60 Mädchen und Frauen entführt. Dennoch sei "Dialog der einzige Weg, der noch bleibt", meint der ehemalige Militär Dangiwa Umar.

Schülerinnen aus Chibok, denen die Flucht vor Boko Haram gelang (Foto: AFP/Getty)

Archivbild: Schülerinnen aus Chibok, denen die Flucht vor Boko Haram gelang

DW: Herr Umar, im Nordosten Nigerias im Bundesstaat Borno haben Terroristen erneut

Bewohner mehrerer Dörfer verschleppt

. In Borno herrscht der Ausnahmezustand, das Militär ist vor Ort. Wie kann eine Entführung unter diesen Sicherheitsbedingungen überhaupt stattfinden?

Abubakar Dangiwa Umar: Um ehrlich zu sein, das ist sehr schockierend und überraschend, dass so etwas passieren kann, trotz des Ausnahmezustandes und obwohl das Militär um die Entführungen weiß, die täglich stattfinden. Sicher: Das ist das Versagen des Geheimdienstes. Bis heute wissen wir nicht genau, woher Boko Haram Unterstützung erhält und die modernen Waffen und Panzer.

Dann gibt es das Problem, auf das der Gouverneur von Borno-State hingewiesen hat: Das Militär ist nur sehr mangelhaft ausgerüstet. Es ist offensichtlich, dass Boko Haram hinsichtlich seiner Waffen besser ausgestattet ist als das nigerianische Militär. Also, selbst wenn sie Geheimdienstinformationen haben über Absichten von Boko Haram ist es immer noch sehr schwierig, ohne adäquate Logistik entsprechend zu reagieren.

Wie ist Ihre Einschätzung hinsichtlich der Behauptung, Kräfte aus dem Militär würden Verbindungen pflegen zu Boko Haram?

Dabei handelt es sich noch immer um Gerüchte. Ich glaube nicht, dass es eine Zusammenarbeit gibt zwischen Militärkräften und Boko Haram. Das Militär ist machtlos aus Mangel an ordentlichen Waffen, aber auch wegen mangelnder Motivation. Nun, mit der Ankündigung ausländischer Unterstützung, wird sich diese Situation hinsichtlich der Logistik bald verbessern.

Nach Medienberichten sollen die Frauen und Kinder bereits vergangene Woche entführt worden seien. Warum hat es so lange gedauert, bis die Information an die Öffentlichkeit gelangte?

Nigerianische Sicherheitskräfte (Foto: REUTERS/Afolabi Sotunde /Files)

Das Militär scheint machtlos

Das ist wirklich sehr befremdlich, dass - obwohl das Militär in Alarmbereitschaft ist - sie trotzdem nichts machen können. Ich kann verstehen, dass das für die Welt sehr merkwürdig erscheinen muss. Ich habe das Verteidigungsministerium aufgefordert, genau darzulegen, was passiert ist. Denn wenn die Öffentlichkeit erst das Vertrauen in das Militär verloren hat, ist es sehr schwierig, noch auf Unterstützung zu hoffen.

Lokale Medien haben von einem Luftangriff berichtet, bei dem mehr als 70 mutmaßliche Boko Haram-Kämpfer getötet worden seien. Könnte die Entführung eine Reaktion auf den Angriff sein?

Das ist schwer einzuschätzen, denn bisher haben wir keine gesicherten Informationen über die Tötungen. Was wir wissen ist, dass es Milizen gibt, die gegen Boko Haram kämpfen. Die meisten dieser Opfer sind Ergebnis der Auseinandersetzungen ziviler Milizen. Ich habe keine Informationen über die Zahl der Opfer auf Seiten von Boko Haram.

Analysten vermuten, dass die jüngste Entführung ein Versuch der islamistischen Gruppe sein könnte, wieder Aufmerksamkeit auf ihre Forderung nach Freilassung von Boko-Haram-Kämpfern zu lenken. Nigeria hat sich bisher geweigert, auf diese Forderung einzugehen. Halten Sie Gespräche darüber angesichts dieser neuen Entwicklungen nun für möglich?

Ich denke, die nigerianische Regierung hat direkt oder indirekt mit den Kämpfern gesprochen. Falls es hier noch zu keiner Einigung gekommen ist, liegt das an den absurden Forderungen von Boko Haram. Zum Beispiel wollen sie, dass Menschen freigelassen werden, die bereits wegen Mordes an unschuldigen Zivilisten verurteilt worden sind. Für die Regierung ist es schwierig, solche Bedingungen zu akzeptieren.

Aber die Regierung kann sich auch nicht entscheiden: Einerseits ist sie bereit, mit den Aufständischen zu sprechen. Auf der anderen Seite sind ausländische und inländische Medien sowie die öffentliche Meinung gegen jeglichen Dialog mit den Aufständischen. Aber das halte ich für falsch. Denn wenn die Argumente vernünftig sind, kann das ein Weg sein, die unschuldigen, entführten Mädchen zu retten. Dialog ist nicht verkehrt.

Die USA haben ja auch kürzlich mit Al-Kaida oder den Taliban in Afghanistan gesprochen. Ich glaube deshalb, dass es eine Form des Dialogs geben sollte. Denn mittels Gewalt ist es sehr schwierig, die entführten Mädchen zu befreien. Weder die ausländischen Kräfte noch das nigerianische Militär haben da eine Antwort. Meiner Meinung nach ist jetzt Dialog der einzige Weg, der noch bleibt.

Die Regierung verhandelt bereits mit Boko Haram?

Wenn die Verhandlungen festgefahren sind, muss es sein, weil Boko Haram Forderungen stellt, welche die Regierung nicht erfüllen kann. Zum Beispiel die Freilassung von Menschen zu akzeptieren, die bereits verurteilt wurden wegen Massenmordes. Nigeria ist angewiesen auf ausländische Hilfe. Zum einen, um strategische Hinweise über Boko Haram zu erhalten, zum anderen aber auch, um die Nation wieder zu vereinen. Denn es gibt gegenseitige Beschuldigungen von Unterstützern der Bundesregierung und einzelnen Lokalregierungen.

Unterstützer der Bundesregierung beschuldigen Politiker im Norden, sie wären Marionetten von Boko Haram. Kontrahenten der Regierung sprechen von deren Unfähigkeit und werfen dem Militär vor, Boko Haram zu unterstützen. Daher halte ich es für sehr wichtig, dass die Nation zusammensteht in diesem sehr gefährlichen Krieg gegen Boko Haram. Der einzige Weg, der Boko Haram siegen lässt, ist eine gespaltene Nation. Und es ist Aufgabe der Bundesregierung, die Öffentlichkeit zu vereinen im Kampf gegen Boko Haram.

Oberst Abubakar Dangiwa Umar war von 1985 bis 1988 Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Kaduna. 1993 verließ er die Armee. Später gründete er die Partei "Bewegung für Einheit und Fortschritt".

Das Interview führte Stefanie Duckstein.

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