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Alltagsdeutsch – Podcast

Um ein Haar

Damit ein Friseurbesuch nicht haarsträubend endet, ist es wichtig, dass das Haar haargenau geschnitten wird. Auch in der Redekunst kann es haarig zugehen, wer etwas haarklein erzählt, kann haarscharf daneben liegen...

Sprecherin:

Ich sage immer, wenn ich ein Paar schöne Schuhe anhabe und meine Haare gemacht sind, bin ich angezogen.

Mehdi Delaram:

"Wir legen halt sehr viel Wert auf die Perfektion der Frisuren trotz dieser lockeren Atmosphäre. Wichtig ist, dass die Fachlichkeit auf jeden Fall sehr weit oben steht, über dem Durchschnitts-Friseur, sag ich mal. Wir geben uns Mühe, wir inspirieren uns, wir geben selbst Seminare."

Autorin:

Mehdi Delaram, Friseur und Geschäftsführer eines trendigen Friseursalons im Bergischen Land. Haare, das sind für ihn nicht lediglich hauchdünne Hornfäden aus einem Gemisch von Keratin, Schwefel, Wasser und Fett, die täglich 0,2 bis 0,5 Millimeter wachsen.

Sprecher:

Zwischen 100.000 und 150.000 Haare hat ein Mensch auf dem Kopf. Lockige, glatte, strubbelige, strähnige, frisch gewaschene, glänzende, spröde oder fettige. Blonde, schwarze, braune oder blau gefärbte.

Autorin:

Haare bereiten dem engagierten Friseur Mehdi Delaram Freude und sie stellen ihm immer wieder neue kreative Aufgaben.

Mehdi Delaram:

"Leute, die zum Beispiel nicht zurecht kommen, die extreme Locken haben, Wirbel haben oder nicht wissen, was sie machen sollen. Kann man vielleicht die eine Seite richtig kurz machen, vielleicht mal ein Muster reinrasieren, oder vielleicht bisschen hier was arbeiten, einfach mal gucken. Immer Individuell. Das, was unmöglich ist für die Leute, ist immer eine Herausforderung für uns, finde ich. Meine Aufgabe ist vor allem auch, Fachfriseuren, die bereits zehn, fünfzehn Jahre im Beruf sind, Schneidetechniken beizubringen, Trends zu zeigen, die Lücken aufzufüllen."

Autorin:

Wie der Mensch seine Haare frisiert, das ist seit Jahrhunderten verschiedenen Moden unterworfen. Doch stets signalisierten Frisuren Status und Identität. Haare tragen zudem eine große Symbolkraft in sich. So gilt bei der Frau das Haar als Indikator für Verführung und Weiblichkeit.

Sprecher:

Beim Mann dagegen bedeutet volles Haar Macht und Führungsqualität. Und wenn er lediglich dünnes, schütteres Haar vorzuweisen hatte, half er früher mit einer Perücke nach. Unter Ludwig XIV wurde die so genannte Allongeperücke mit ihrer "Löwenmähne" zum Symbol für Macht und Würde.

Autorin:

Wie überhaupt Perücken zu allen Zeiten als modisches Accessoire beliebt waren. Sie dienten als Statussymbol und boten zudem Schutz vor Kälte. Im Rokoko Zeitalter trugen die Herren einen Zopf, noch heute als "Mozartzopf" bekannt. Doch die französische Revolution machte dieser Mode ein Ende. Die alten Zöpfe wurden abgeschnitten. Heute verwenden wir diese Redensart, wenn wir von einem Neuanfang sprechen: "Der alte Zopf muss ab!"

Sprecher:

Stimmt haargenau!

Autorin:

Das ist doch zum Haare-Raufen! Immer unterbrichst du mich!

Sprecherin:

Jetzt liegen sie sich schon wieder in den Haaren. Das kann ja heiter werden.

Sprecher:

Meine Güte! Ich zeige doch nur Interesse! Ist es nicht spannend, dass wir im Deutschen so viele Redensarten haben, die sich auf Haare beziehen? Häufig steht dabei die Feinheit des Haares im Vordergrund. Haargenau untersuchen, zum Beispiel, oder haarklein erzählen sagen wir, wenn wir etwas überaus genau tun. In der technischen Sprache heißen Risse, die man mit bloßem Auge nicht sieht, Haarrisse.

Sprecherin:

Und dann gibt es da noch die sehr bildhaften Redensarten, die daran erinnern, dass man sich in früheren Zeiten beim Kampf tatsächlich in den Haaren gelegen hat. Heute ist sich in den Haaren liegen eine Metapher für sich streiten, genau wie sich in die Haare geraten.

Sprecher:

Wer beim Zweikampf unterlegen war, hatte mit Sicherheit Haare gelassen. Auch wenn uns heutzutage niemand mehr Haare ausreißt: Haare lassen ist immer noch ein Synonym für zu Schaden kommen.

Sprecherin:

Dagegen rauft man sich die Haare, wenn man verzweifelt ist. Eine Geste, die eigentlich den Klageweibern bei Trauerzeremonien vorbehalten ist.

Autorin:

Trauer, das ist das Stichwort. Es ist wirklich ein Trauerspiel, dass man hier nicht einfach ungestört seine Ausführungen zu Ende bringen kann. Wo war ich stehen geblieben? Frisuren, um ein Haar hätte ich’s vergessen.

Sprecher (flüstert):

Um ein Haar - beinahe, fast.

Autorin:

Häufig gab die Haarlänge Aufschluss über die soziale Stellung, aber auch über die Einstellung seines Trägers. Im Mittelalter zum Beispiel trugen adlige Männer und Frauen das Haar lang. Dem einfachen Volk stand ein kurzer Pagenschnitt besser an, langes Haar hätte nur bei der Arbeit in Haus und Hof gestört. In der Renaissance demonstrierten Männer mit einem kurzen Lockenkopf, dass sie dem damaligen Ideal des ewigen Jünglings entsprachen. Die Tonsur der Mönche dagegen drückte ihre Demut gegenüber Gott aus.

Sprecher:

Dürfte ich mal etwas anmerken?

Sprecherin:

Ach, jetzt fragt er vorsichtshalber, ehe sie wieder kein gutes Haar an ihm lässt und ihn zur Schnecke macht, will sagen, tadelt. Ganz schön clever!

Sprecher:

Wie eng das Haupthaar mit Würde und Identität verbunden ist, kann man auch an folgender Tatsache erkennen: Haare scheren war seit jeher ein Mittel der Demütigung. Sklaven, Gefangenen oder auch Frauen, denen man Ehebruch vorwarf, hat man zum Zeichen der Unterwerfung die Haare geschoren.

Autorin:

In den zwanziger Jahren dagegen trugen die Frauen das Haar freiwillig kurz. Der Bubikopf - kurze, glatt gekämmte Haare - galt damals als Zeichen der Emanzipation. Was für eine Befreiung! Im Mittelalter verbargen gottesgläubige, verheiratete Frauen ihr Haar noch unter einer Haube und folgten den Ratschlägen des Apostel Paulus, nicht mit offen getragenem Haar ihre Reize auszuspielen. Daher rührt der Ausdruck unter die Haube kommen für heiraten. Aber natürlich denken wir bei dem Wort Haube heutzutage vor allem an den Friseur. Haare färben, Dauerwelle legen lassen, dafür haben wir Frauen uns schon so oft mit Lockenwicklern unter die Haube gesetzt.

Mehdi Delaram:

"Der neueste Trend ist immer individuell auf jeden Typ abgestimmt. Man kann nicht jede Frisur auf jeden Typen setzen und muss auch erst mal von der Haarstärke, Haarfülle, Masse, Menge, wie auch immer, entscheiden, was man überhaupt machen kann oder nicht. Ob es machbar ist oder nicht."

Miriam Storhas:

"Farbe auf jeden Fall. Was bringt das, der schönste Haarschnitt ohne Haarfarbe?"

Sprecher:

Darüber lass ich mir keine grauen Haare wachsen, das kümmert mich doch nicht.

Autorin:

Musik und Haarmode, will sagen Haarlänge, Farbe und Styling hängen eng zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten Jugendliche mit ihrer Frisur die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe. Ob es die Elvis-Tolle war, die so genannten Pilzköpfe der Beatles, die langen Haare der Hippies oder der Irokesenschnitt der Punks: Frisur bedeutete Gegenkultur. Die Skinheads tragen mit ihrer Glatze auch demonstrativ ihre politisch rechte Gesinnung zur Schau. Vor allem die Punker brachten jedoch Farbe ins Haar. Über Grellgrün, Knallrot bis Hellblau, alles, was auffiel oder, besser noch, schockte, war in.

Sprecherin:

Die Farbe des kommenden Sommers: Rot. Meine Damen, wenigstens ein Hauch von Henna ist jetzt ein MUSS!

Sprecher:

Warum macht eine Blondine ihren Pudding schon im Supermarkt auf? Weil auf dem Deckel steht: Bitte hier öffnen.

Sprecherin:

Oh, jetzt wird es haarig, den Blondinenwitz hätte er sich verkneifen sollen! Bei frauenfeindlichen Äußerungen versteht sie nämlich keinen Spaß, in solchen Fällen hat sie Haare auf den Zähnen.

Sprecher:

Diese Redewendungen spielen übrigens auf die Kraft an, die das Haar symbolisiert. Ein haariger Kerl ist eben ein ganzer Mann.

Sprecherin:

Und eine Frau, die Haare auf den Zähnen hat, zeigt männliche Eigenschaften, sie ist energisch und lässt sich nichts gefallen. Das kann haarig, sprich, gefährlich werden.

Autorin:

Haarfarbe und Symbolik. Im Mittelalter deutete man rotes Haar als Zeichen des Bösen. Hexen, Sirenen oder Wassernixen mit roten Haaren schrieb man magische Kräfte zu. Heute gilt eine rothaarige Frau als sinnlich, aufregend und abenteuerlustig. Besonders beliebt ist jedoch nach wie vor die Haarfarbe blond. Wobei die Natur äußerst wenig Menschen mit dem hell-goldenen Farbton ausgestattet hat, die meisten Blondinen sind unecht und ihr Haar blondiert. Reinheit, Unschuld, Jugend, gepaart mit Sex- Appeal, was wird nicht alles auf die Blondine projiziert! Die wohl Bekannteste war Marylin Monroe. Süß, sexy, verführerisch und ein bisschen dumm, so hat Mann sie eingeschätzt. Wie wir wissen, war sie äußerst zielstrebig, intelligent und eine begabte Schauspielerin. Leider ergeht es mancher blonden Frau so, sie wird häufig intellektuell unterschätzt. Die Gattung der Blondinenwitze stellt sie jedenfalls als dämliches Sexobjekt dar. Ich möchte hier nicht über die geistige Kapazität der meist männlichen Blondinenwitzerzähler urteilen...

Sprecher:

...diese Humorlosigkeit! Das ist doch haarsträubend.

Sprecherin:

Entsetzlich. Da stehen einem die Haare zu Berge. Ich wusste gar nicht, dass er so ein Chauvi ist.

Mehdi Delaram:

"Bewusst ist es anders. Aus dem Grund, wir sind an einem Zeitpunkt angekommen, wo man sagen kann, entweder möchte man dieses typisch Klassische machen, was die meisten Menschen als Friseur verstehen: eindrehen, Dauerwelle. Oder dass wir einfach hergehen für die jungen Leute, für die junggebliebenen Trendsetter, für alles, was ein bisschen mehr Pep aus sich herausholen möchte, sagen: Ja, da kann man mal ein bisschen ausgefallenere Frisuren machen. Nicht immer diese typischen Frisuren, was jeder Friseur mittlerweile macht."

Autorin:

Wenn Mehdi Delaram die Schere in der Luft herumwirbelt, zack, zack treffsicher Strähne für Strähne kürzt, kann einem schon beim Zusehen schwindlig werden. Der Laden hat wenig mit den althergebrachten Salons namens "Gisela" oder "Monika" gemein. "Visible Change" heißt das Geschäft von Mehdi Delaram und seiner Schwester Miriam Storhas. "Unisex" oder "Haaralarm" nennen sich andere Salons ähnlicher Art, die einem neuen Konzept in Deutschland folgen.

Miriam Storhas:

"Uns ist wichtig, dass die Leute, wenn sie zu uns kommen, dass es einfach ein ganz anderes Erlebnis ist. Also nicht, dass man reinkommt mit typisch langweiligen Warteecken. Einfach so eine kleine Minibar haben wir hier, lockere Atmosphäre ist bei uns hier angesagt. Wir haben zum Beispiel von 10 bis 14 Uhr haben wir leisere Musik. Und dann ab 14 Uhr geht die Musik etwas lauter, bisschen partyähnliche Stimmung. Wir haben auch schon oft gehabt, dass die Leute Farbe auf dem Kopf gehabt hatten und fangen an zu tanzen. Also einfach viel lockerer, einfach ganz anders sein. Einmal im Monat haben wir hier einen DJ im Laden, es gibt Motto-Getränke, Cocktail und Glühwein, Wein, Sekt. Also alles Mögliche, das ist das, was wir gerne machen wollen. Dass die Leute einfach Spaß haben. Einfach ein anderes Erlebnis, nicht wie typischer Friseurladen."

Autorin:

Es tut sich eine Schere auf in der Friseurbranche. Zwar hat die Zahl der Friseurbetriebe gegenüber dem Vorjahr zugenommen, doch der Umsatz hat sich verringert. Männer lassen im Durchschnitt sieben Mal jährlich ihre Haare schneiden, Frauen dagegen nur 5,5 Mal. Wer heutzutage ein Friseurgeschäft eröffnet, muss sich etwas einfallen lassen, um Kunden zu gewinnen. So wie Mehdi Delaram und Miriam Storhas ihren Salon zur Kommunikations- und Partyzone ausweiten, gestalten auch in anderen deutschen Städten junge Friseure ihre Geschäfte nach dem Konzept der Spaßkultur.

Sprecher:

Gesonderte Ladenschlusszeiten für die Haarkünstler erlauben es, dass man sich in so manchem Salon bis 23.00 Uhr die Haare stylen lassen kann. Zwar mag ein 50-er Jahrgang sich uralt in solch jugendlicher Atmosphäre fühlen, doch wollen die jungen Friseure durchaus jede Altersschicht ansprechen. Die günstigen Preise lassen das Konzept denn auch bei Jung und Alt aufgehen, und schließlich ist ja auch niemand gezwungen, mit blauer Farbe auf dem Kopf durchs Geschäft zu tanzen.

Autorin:

Für die älteren Semester steht gerne zu bestimmten Zeiten auch Mozart auf dem Programm. Vor allem aber soll der Friseurbesuch wieder erschwinglich werden.

Miriam Storhas:

"Überall wird es teurer. Gerade Anfang des Jahres wird es überall teurer. Da haben wir gesagt, nein, das wollen wir nicht machen, wir wollen realistisch sein. Für ein bisschen Schneiden wollen wir nicht, was weiß ich wieviel Euros abzocken. Wir wollen realistisch sein und wir wollen, dass die Kunden auch daran Spaß haben. Dass sie gerne zum Friseur gehen und nicht, das sie dann sagen, "oh, ich will schon gerne wieder zum Friseur, und es ist wieder so teuer.“ Das wollen wir nicht."

Autorin:

Und für diejenigen, denen sowohl der Trendfriseur als auch der klassische Friseur im Hochpreisbereich finanziell nicht genehm sind, haben sich die so genannten Cut-and-Go Läden etabliert. Da kommen rund 150 Kunden pro Tag auf ihre Kosten und erhalten, was der Name verspricht: Schneiden und wieder gehen. Vor allem Studenten wählen diese Variante des Friseurbesuchs.

Sprecher:

Na ja, da ist ja wohl ein grauer Panther deplaziert, oder?

Sprecherin:

Ein grauer Panther, in Anspielung auf die grauen Haare, ist ein Rentner. Dass mit dem Alter Biss und Tatkraft nicht automatisch verloren gehen, beweist die politische Partei "Die grauen Panther". Sie vertritt engagiert und vehement die Interessen von Senioren.

Autorin:

Bleibt noch anzumerken, dass ein Kölner Starcoiffeur "reifen Damen" dazu rät, ihre grauen Haare stolz zu Haupte zu tragen. Bei Bedarf bessert er den individuellen Grauton auf, fügt einen leichten Goldton oder ein paar Strähnchen hinzu. Doch Grau, und damit hoffentlich auch die Weisheit des Alters, ist durchaus salonfähig.

Sprecherin:

Das hätte ich nicht gedacht. Früher hätte ich in jeder Diskussion behauptet, Grau macht eine Frau unattraktiv, in dem Punkt hätte ich kein Haarbreit nachgegeben.

Sprecher:

Attraktivität ist doch keine Frage des Aussehens, ich sage immer: Ausstrahlung ist alles! Nicht zu vergessen die inneren Werte!

Autorin:

Ich halt’s nicht aus. Jetzt gibt er uns den Softie, der auf innere Werte steht. Tut so, als könne er keinem ein Härchen krümmen.

Sprecherin:

Er hat halt eine komplexe Persönlichkeit. Jetzt konstruierst du wirklich ein Problem, wo keines ist. Du findest aber auch immer ein Haar in der Suppe.

Sprecher (ironisch):

Aber meine Damen, bitte, jetzt geraten Sie sich bloß nicht in die Haare!

Fragen zum Text

Wenn an jemandem kein gutes Haar gelassen wird, dann…

1. werden ihm/ ihr die Haare geschnitten.

2. wird er/ sie getadelt.

3. wird er/ sie gelobt.

Wenn jemandem nachsagt, dass er/ sie Haare auf den Zähnen hat, dann…

1. ist er/ sie sehr ungepflegt.

2. ist er/ sie eine Konkurrentin.

3. lässt er/ sie sich nichts gefallen.

Junge Friseure gestalten ihre Geschäfte nach dem Konzept der…

1. Schlafkultur

2. Esskultur

3. Spaßkultur

Arbeitsauftrag

Strähnchen, Tönung, Musterrasur – es gibt unzählige Möglichkeiten, die Frisur zu ändern. Probieren Sie immer etwas neues aus, wenn Sie zum Friseur gehen? Oder lassen Sie sich immer denselben Haarschnitt schneiden? Schreiben Sie auf, welche Vor- und Nachteile ein neuer Haarschnitt für Sie hat.

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