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Europa

Ukraines prominenteste Gefangene in Russland

Zu Hause in der Ukraine wird sie als Heldin bejubelt und ins Parlament gewählt. In Russland droht ihr langjährige Haft. Das Schicksal der Soldatin Nadija Sawtschenko wird von beiden Ländern instrumentalisiert.

Kurze dunkelbraune Haare, ernster Blick durch die Gitter. Auf dem weißen T-Shirt prangt ein Dreizack, der Staatswappen der Ukraine. So erscheint Nadija Sawtschenko zuletzt vor russischen Richtern in Moskau. Es scheint, als wäre nicht die junge Frau, sondern die Ukraine als Staat auf der Anklagebank. "Ich habe euer verlogenes Russland, eure verlogenen Gerichte und eure verlogenen Medien satt", sagt sie in Richtung Fernsehkameras, als sie von einem Dutzend Polizisten wie eine Schwerkriminelle abgeführt wird. Sie sagt es auf Ukrainisch, mit einer Stimme voller Verachtung und Wut.

Heimlich über die Grenze gebracht?

Sawtschenko ist derzeit der prominenteste von rund einem Dutzend ukrainischer Häftlinge, die nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums "aus politischen Gründen" in Russland festgehalten werden. Auch die renommierte russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" stuft Sawtschenko als "politischen Häftling" ein und fordert ihre Freilassung.

Nadeschda Sawchenko vor Gericht 07.11.2014 Moskau (Foto: REUTERS/Andrew Ivanov )

Nadija Sawtschenko im Gerichtssaal

Die russische Justiz wirft der 31-jährigen Berufssoldatin Beihilfe zum Mord während des

Konflikts in der Ostukraine

vor. Sawtschenko, eine ausgebildete Militärpilotin, kämpfte im Sommer im Freiwilligenbataillon "Aidar" gegen prorussische Separatisten. Russische Ermittler werfen ihr vor, Mitte Juni der ukrainischen Armee den Aufenthalt von

zwei russischen Reportern

mitgeteilt zu haben. Beide starben bei einem Beschuss in der Nähe der Stadt Luhansk. Sawtschenko sei danach illegal als Flüchtling nach Russland eingereist, behaupten Moskauer Ermittler. Der Ukrainerin droht eine langjährige Haft. Sawtschenko bestreitet jegliche Schuld. Sie sei von prorussischen Separatisten gefangen genommen und heimlich über die Grenze in die südrussische Stadt Woronesch gebracht worden. Dort tauchte sie in einem Untersuchungsgefängnis wieder auf.

Beschwerde gegen psychiatrische Untersuchung

Trotz des Protests ihrer Anwälte wurde Sawtschenko nach Moskau gebracht und im Oktober einer psychiatrischen Untersuchung in einer Klinik unterzogen. Sawtschenkos Anwälte reichten gegen diese Untersuchung Beschwerde ein. Ein Gericht in Moskau soll nun entscheiden, ob der Klage stattgegeben wird. Von dem Ergebnis der Untersuchung hängt ab, ob der ukrainischen Soldatin der Prozess gemacht wird.

Ringerahmtes Bild Nadeschda Sawchenko in Uniform (Foto: Lilia Rzheutskaya/DW)

In der Ukraine ist Nadija Sawtschenko eine Heldin

In der Ukraine wird Sawtschenko seit Monaten als Heldin und Märtyrerin gefeiert. In Anlehnung an den US-Spielfilm "Akte Jane" wird sie in Medien als eine tapfere Soldatin und Kämpferin dargestellt. Sie ist eine der wenigen Frauen in der ukrainischen Luftwaffe. "Eigentlich wollte sie Kriegsreporterin werden", erzählte ihre Mutter, Maria Sawtschenko, in einem Gespräch mit der DW. Doch dafür habe das Geld nicht gereicht und ihre Tochter sei dann Berufssoldatin geworden. Als einzige Frau, die einen Kampfhubschraubers vom Typ Mi-24, steuern kann, war Sawtschenko unter anderem im Irak-Einsatz 2004 und 2005 beteiligt. Damals hatte sich die Ukraine an die Seite der von den USA angeführten Koalition gestellt.

Ukrainische Politiker fordern Russland auf, Sawtschenko freizulassen. Präsident Petro Poroschenko habe nach eigenen Angaben bei Gesprächen mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin das Schicksal von Sawtschenko mehrmals angesprochen. Doch Kiews Forderungen stoßen in Russland auf taube Ohren. Ähnlich wie der Brief der Mutter, den sie an den russischen Präsidenten Putin geschrieben hatte und der DW vorliegt. "Ich bitte Sie sehr, meine liebe Tochter freizulassen", heißt es im Schreiben der 77-jährigen Mutter aus Kiew.

Möglicher Schauprozess in Moskau

Maria Savchenko Mutter der ukrainischen Pilotin Nadeschda Savchenko mit dem Brief an Putin (Lilia Rzheutskaya/DW)

Ihre Mutter hat einen Brief an Putin geschrieben

Neue Hoffnung auf Freilassung bekam Sawtschenko nach der vorgezogenen

Parlamentswahl in der Ukraine

Ende Oktober. Die Vaterlandspartei der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko setzte Sawtschenko an die Spitze ihrer Wahlliste, sie wurde ins Parlament gewählt. Kritiker werfen jedoch Timoschenko vor, Sawtschenkos Popularität benutzt zu haben, um ihr Image aufzubessern.

Fest steht, dass Sawtschenko als Parlamentsabgeordnete Immunität vor strafrechtlicher Verfolgung genießt. Russland lässt sich davon nicht beeindrucken. "Die Ukraine wird Sawtschenko nicht zurückbekommen", zitierte die Nachrichtenagentur Interfax eine Quelle in der russischen Justiz. Beobachter gehen davon aus, dass Moskau Sawtschenko in einem Schauprozess hart bestrafen möchte. Ähnlich wie im Fall der politischen Punk-Band "Pussy Riot" im Jahr 2012. Einer der russischen Anwälte von Sawtschenko, Mark Feigin, verteidigte auch "Pussy Riot".

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