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Fokus Osteuropa

Ukraine setzt auf turkmenische Erdgaslieferungen

Vor dem Hintergrund der geplanten Erdgasleitung von Russland nach Deutschland kündigt Kiew ein neues Abkommen mit Turkmenistan an, das erlauben soll, sich vom russischen Preisdiktat zu befreien. Experten sind skeptisch.

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Erdgas aus Turkmenistan soll ukrainische Energieversorgung sichern

Während des Besuchs des turkmenischen Präsidenten Saparmurat Nijasow in der Ukraine, der für Oktober dieses Jahres geplant ist, soll ein langfristiges Abkommen über turkmenische Erdgaslieferungen an die Ukraine unterzeichnet werden. Dem Chef der Gesellschaft Naftogas Ukrajiny, Oleksij Iwtschenko, zufolge wird der Entwurf des Abkommens derzeit von der turkmenischen Seite geprüft. Das Abkommen sehe die Lieferung von mindestens 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich vor. Wenn das Abkommen unterzeichnet werde, dann werde die Ukraine in den nächsten Jahrzehnten keine Probleme mit diesem Energieträger mehr haben und von Russland nicht mehr abhängig sein.

Zweifel an Plänen

Ukrainische Experten sind aber der Meinung, dass kaum Chancen bestehen, ein solches Abkommen zu unterzeichnen. Wolodymyr Saprykin, der beim Kiewer Rasumkow-Institut für Energiefragen zuständig ist, sagte in einem Gespräch mit der Deutschen Welle: „Es gibt viele Faktoren, die darauf hindeuten, dass dies fast unmöglich ist. Erstens hat Russland ein Abkommen für 25 Jahre über die Lieferung des gesamten überschüssigen turkmenischen Erdgases unterzeichnet. Wenn Turkmenistan Russland dieses Erdgas verkauft, dann wird für die Ukraine praktisch nichts mehr übrig bleiben. Man kann auch nicht von 50 oder 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich sprechen. Zweitens sehen wir, dass sich in den vergangenen zwei Jahren die Erdgas-Beziehungen zwischen beiden Ländern praktisch nicht weiterentwickelt haben.“

Strategische Vereinbarungen?

Das Parlamentsmitglied und Mitglied des Ausschusses für Brennstofffragen, Oleksa Hudyma, meint, ernsthafte Abmachungen gebe es zwischen der Ukraine und Turkmenistan zurzeit nicht. Der Experte sagte, es sei unwahrscheinlich, dass das von Naftogas Ukrajiny genannte Abkommen zustande kommen werde. Hudyma hält aber gewisse strategische Vereinbarungen zwischen Nijasow und dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko für möglich, beispielsweise, dass in Zukunft zusätzliches turkmenisches Erdgas gefördert werden soll. Trotzdem, so der Experte, würde diese Menge nicht ausreichen. Hudyma sagte: „Um diese Menge wird man noch kämpfen müssen. Es wird mühsam, das Abkommen zu erreichen, das unter Kutschma versäumt wurde, als man die Initiative Russland überließ. Das war eine schwere Niederlage für die Ukraine. Heute muss die Staatsmacht geduldig und beschwerlich den turkmenischen Markt neu erschließen.“

Ohne Russland geht es nicht

Deutsche Experten sind, was die Energieabhängigkeit der Ukraine von Russland betrifft, ebenfalls nicht gerade optimistisch. Nach Ansicht des Politologen Alexander Rahr, wird es Kiew nicht gelingen, die Abhängigkeit von Moskau zu überwinden, auch wenn die Ukraine mit Turkmenistan ein neues Abkommen schließen sollte. 100 Prozent des turkmenischen Erdgases werde nämlich über russisches Territorium transportiert.

Rahr sagte der Deutschen Welle: „Die Ukraine grenzt nicht an den Kaukasus. Die Ukraine grenzt nicht wie die Türkei an den Irak, an den Iran, von dort kann zum Beispiel ein Land wie die Türkei theoretisch Gas und Öl aus dem Nahen Osten und aus dem Mittleren Osten bekommen und es dann auf die westlichen Märkte liefern. In die Ukraine müssen zunächst diese Pipelines gebaut werden, aber auch sie können nur über russisches Territorium wieder in die Ukraine gelangen oder entlang des Bodens des Schwarzen Meeres. Wie wir wissen sind die Pipelines dort sehr teuer und technologisch sehr schwer durchführbar.“

Wettlauf um Pipelines

Nach Rahrs Meinung wäre die Ukraine ein willkommener Partner für die europäischen Staaten, aber den Wettlauf entscheide Russland für sich. Rahr sagte: „Ich glaube, dass es derzeit in Europa einen Wettlauf um die sichersten und kostengünstigeren Pipelines gibt und die hat Europa jetzt mit Russland errichtet und nicht mit Hilfe der Ukraine, mit einem Land wie Turkmenistan, das heute zu 100 Prozent seine Gaslieferungen über Russland tätigt.“

Russisches Monopol

Rahr meint, dass russische Monopol könnte gebrochen werden, wenn es gewisse geostrategische Faktoren nicht geben würde. Rahr unterstrich: „Es gibt Länder, die das russische Monopol aufbrechen könnten, nämlich Turkmenistan und der Iran. Aber ich denke nicht, dass hier die amerikanische Seite, die im Clinch mit Iran wegen des iranischen Atomprogramms liegt, bereit wäre, von der Isolation Irans, die wirklich von den USA im kaspischen Raum demonstrativ betrieben wird, von dieser Politik Abstand zu nehmen. Deshalb sehe ich sehr große Probleme für die Ukraine, an nichtrussisches Gas in großen Mengen heranzukommen und die Abhängigkeit von Russland im Nu abzustreifen, was aber nicht heißt, dass in zehn oder 15 Jahren die Ukraine das unter anderen, vielleicht günstigeren politischen Momenten schaffen kann.“

Tetjana Karpenko, Natalja Nedilko, Kiew

DW-RADIO/Ukrainisch, 7.9.2005, Fokus Ost-Südost

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