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Fokus Osteuropa

Ukraine: Hoffnungen und Sorgen nach WTO-Beitritt

Die Ukraine ist der 152. WTO-Mitgliedsstaat. Neben stärkerem Wirtschaftswachstum erhofft man sich in Kiew eine bessere Zusammenarbeit mit der EU. Gleichzeitig stehen die ukrainischen Bauern vor großen Herausforderungen.

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Seit dem 16. Mai ist die Ukraine Mitglied der WTO

Als im Februar das Beitrittsprotokoll im ukrainischen Parlament ratifiziert wurde, rieben sich die Ukrainer verwundert die Augen. Alle Fraktionen, mit Ausnahme der Kommunisten, stimmten geschlossen für den Beitritt zur WTO. Für die zutiefst zerstrittenen ukrainischen Politiker, die sich seit mehreren Monaten im Parlament gegenseitig blockieren, ein bemerkenswerter Akt. Die umfangreichen Reformen, die Kiew vor dem WTO-Beitritt durchgeführt hat, würden der Wirtschaft des Landes gut tun, meint Veronika Mowtschan vom Institut für Wirtschaftsforschung und Politikberatung in Kiew: "Der Beitritt zur WTO wird nach unseren Einschätzungen mittelfristig sieben Prozent zusätzlichen Wohlstandszuwachs bringen. Das Bruttoinlandsprodukt wird um zusätzliche 2,5 Prozent ansteigen." Die ukrainische Wirtschaft werde sich unter den neuen Bedingungen effektiver entwickeln, auch die Exporte würden steigen, so die Expertin.

Drohen Spannungen mit Russland?

Veronika Mowtschan betont ferner die Bedeutung der WTO-Mitgliedschaft für die Handelsbeziehungen mit den beiden wichtigsten Partnern der Ukraine – der Europäischen Union und Russland. Mit Brüssel spricht die Ukraine bereits über eine weitreichende Freihandelszone. Und Moskau, das ebenfalls einen WTO-Beitritt anstrebt, ist in dieser Frage auch auf die Zustimmung Kiews angewiesen. Nach vielen Handelskriegen mit dem großen Nachbarn könnten sich hier neue Spannungen abzeichnen. "Ich weiß nicht, ob die ukrainische Regierung mit Russland über dessen Beitrittsbedingungen feilschen wird. Es gibt natürlich einige offene Fragen zwischen den beiden Ländern, auch in den Handelsbeziehungen", so Mowtschan. Ihrer Meinung nach ist aber die Ukraine am WTO-Beitritt Russlands interessiert, denn das würde die Beziehungen auf gemeinsame Rechtsgrundlagen bringen. Oft genug wurde in den vergangenen Jahren der Handel zwischen den beiden Ländern aus politischen Gründen behindert: Mal waren Bonbons plötzlich giftig, mal war der Käse nicht mehr in Ordnung.

Bauern auf WTO-Regeln unvorbereitet

Neben der Stahlindustrie sehen die Experten insbesondere im Agrarsektor die Stärken der Ukraine im internationalen Wettbewerb. Angesichts der weltweit gestiegenen Lebensmittelpreise sind die Blicke der Investoren auf die einstige Kornkammer der Sowjetunion gerichtet. Trotzdem schauen ausgerechnet die ukrainischen Bauern dem WTO-Beitritt mit Sorge entgegen. So auch der Präsident des ukrainischen Bauernverbandes, Jaroslaw Kardasch: "Die ukrainischen Bauern sind in ihrer Mehrheit noch nicht in der Lage, nach den WTO-Regeln zu arbeiten. Es gibt fast keine Labors, die die Produktion ukrainischer Agrarunternehmen nach internationalen Standards zertifizieren. Ohne eine solche Zertifizierung können diese Produkte nach den WTO-Regeln nicht exportiert werden."

Starke internationale Konkurrenz

Die ukrainischen Bauern stehen vor großen Herausforderungen. Die stärkere internationale Konkurrenz werden viele der mehr als 43.000 ukrainischen Agrarunternehmen, darunter zahlreiche Kleinbauern, nicht überleben. Ihre Technologien sind veraltet. Die Erträge der Ernten liegen trotz des guten Bodens nur bei etwa der Hälfte der westlichen Konkurrenten. Aber auch die erfolgreicheren Farmer werden um die europäischen Märkte erst noch kämpfen müssen. Da sind die EU-Produzenten in der Ukraine im Moment viel besser aufgehoben. Denn der Import europäischer Waren übersteigt die ukrainischen Exporte bereits heute deutlich. Ob es der Ukraine gelingt, nach dem WTO-Beitritt eine ausgeglichene Außenhandelsbilanz vorzulegen, ist offen.

Eugen Theise

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