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Fokus Osteuropa

Ukraine: Hoffen auf Investoren für die Fußball-EM

Auf mehr als 20 Milliarden Euro schätzen Experten den Finanzbedarf der Ukraine für die Austragung der Fußball-EM 2012. 90 Prozent der Summe werden privates Kapital sein. In Kiew setzt man auf ausländische Investoren.

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Noch kein Jubel in Kiew

Im Zusammenhang mit der Europameisterschaft rechnet die Regierung mit mehr als 20 Milliarden Euro Investitionen. So viel braucht das Land mindestens, um die EM wirklich austragen zu können. Die bevorstehenden Aufgaben sind gewaltig. Vor allem muss die schwache Infrastruktur ausgebaut werden: Straßen und Eisenbahn, Flughäfen und Hotels – beinahe nichts entspricht den internationalen Standards.

Das Unmögliche möglich machen

Nur fünf Jahre haben die Verantwortlichen in der Ukraine Zeit, um dies zu ändern. Doch bisher stocken die Vorbereitungen. Die Politiker haben keine Zeit – nach monatelangem Ringen zwischen dem Präsidenten und der Regierungskoalition stehen schon am 30. September vorgezogene Parlamentswahlen an. Für Iwan Fedorenko, beim ukrainischen Fußballverband zuständig für die EURO-2012, kein Grund zur Sorge: "Ja, der Start unserer Vorbereitungen mag in der Tat etwas schwierig sein. Aber alle Parteien im ukrainischen Parlament haben einen Garantiebrief an die UEFA unterzeichnet. Alle Politiker sind sich über die Bedeutung der Europameisterschaft für unser Land völlig im Klaren. In nur fünf Jahren werden wir das Unmögliche machen müssen. Dann werden wir Vertreter der Europäischen Union zum Endspiel nach Kiew einladen und ihnen sagen: Schaut her, wir sind ein europäisches Land, wir sind bereit, der Europäischen Gemeinschaft beizutreten."

Ein ehrgeiziges Ziel. Noch ist das Land in vielen Bereichen weit von europäischen Standards entfernt. Im Unterschied zum Mitveranstalter Polen kann die Ukraine beim Aufbau nicht mit EU-Geldern rechnen. 90 Prozent der benötigten 20 Milliarden werden laut Berechnungen der Regierung privates Kapital sein, überwiegend aus dem Ausland.

Image-Probleme

Für ausländische Investoren ist die Vergabe des EM-Turniers an die Ukraine ein Signal des Vertrauens, sagt Ricardo Giucci von der Deutschen Beratergruppe bei der Regierung in Kiew. Ein Problem, so der Experte, stelle vor allem das Image des Landes dar. Giucci meint: "Bisher war vielen Politikern das Image in der Welt nicht so wichtig. Jetzt, im Zusammenhang mit der EM, wird den Leuten, glaube ich, bewusst, dass man sich viel mehr um das Image kümmern muss. Das wird natürlich dazu beitragen, dass man auch langfristig mehr Investoren findet und insgesamt mehr Interesse an dem Land hat".

Ausländische Investitionen erwartet Ricardo Giucci vor allem in der Hotellerie. Bisher haben undurchsichtige Spielregeln den Zutritt zu diesem Markt verhindert. Mangels Wettbewerb sind die Unterkünfte in den ukrainischen Städten drastisch überteuert, kritisiert Giucci. Ein Einzelzimmer in einem Mittelklasse-Hotel kostet oft mehr als 300 Euro. Jetzt sind die Städte aber auf internationale Hotelketten angewiesen: "Die Städte brauchen ja moderne Hotels. Im Hinblick auf die EM ist die Möglichkeit, diese Art Hindernisse auf dem Markt weiterzuführen, sehr beschränkt. Wenn es so weitergeht, wird die Kritik aus dem Ausland sehr stark sein. Ich glaube, das kann sich die Ukraine nicht leisten. Korruption ist in der Ukraine ein großes Problem, wie in vielen anderen Ländern. Aber es wird schwieriger sein, damit weiterzumachen."

EM-Austragung als Lernprozess?

Lemberg - einer der vier ukrainischen Austragungsorte – leidet schon heute unter Hotelmangel. Die westukrainische Kulturmetropole zieht besonders seit der Aufhebung der Visapflicht 2005, immer mehr Touristen aus der EU an. Für Ostap Protsyk, der in der Stadtverwaltung für internationale Angelegenheiten zuständig ist, eine große Herausforderung. Er sagt: "Momentan haben wir etwa 6.000 Hotelbetten. Um dem steigenden Interesse der Gäste gerecht zu werden, brauchen wir die drei- bis vierfache Anzahl. Das betrifft nicht nur die Europameisterschaft, sondern unsere normalen Bedürfnisse als Stadt mit großem touristischen Potenzial."

Letztes Jahr verzeichnete die Stadt 15 Prozent Zuwachs in der Branche. Experten erklären die Zurückhaltung in erster Linie mit mangelnder Transparenz. Jetzt wird sich alles ändern, versichert Ostap Protsyk. Und das muss es auch.

Trotz schwieriger Aufgaben herrscht in der Stadtverwaltung von Lemberg, wie auch unter den Verantwortlichen in Kiew, Optimismus. Dieser ist nur berechtigt, wenn auch die Bereitschaft zu entschiedenen Reformen in Wirtschaft und Verwaltung da ist, betont Berater Ricardo Giucci: "Meine These ist, dass durch die EM ein Lernprozess eintritt. Wenn man weiterhin so viele Hemmnisse für Investitionen hat, dann werden die Investitionen auch nicht kommen. Die werden aber dringend gebraucht. Es ist zu erwarten, dass vieles gelernt wird und vieles sich zum besseren wenden wird."

Eugen Theise
DW-RADIO/Ukrainisch, 4.7. 2007, Fokus Ost-Südost