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Fokus Osteuropa

Ukraine: Entschädigung endet, Unterstützung bleibt

Die ukrainische Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" wird bis Ende Januar die Entschädigungen von Nazi-Opfern beenden. Sie wird sich dann mit Projekten in den Bereichen Medizin, Soziales und Bildung befassen.

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Erfasste Daten eines Zwangsarbeiters

Seit sechs Jahren besteht die ukrainische Stiftung "Verständigung und Aussöhnung", eine Partnerorganisation der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". In der Ukraine wurden in diesem Zeitraum Jahren Nazi-Opfern und deren Rechtsnachfolgern Entschädigungen in Höhe von insgesamt mehr als 866 Millionen Euro ausgezahlt. Aber bei weitem nicht alle, die auf eine Entschädigung gehofft hatten, konnten eine erhalten, weil sie keinen Anspruch auf eine Entschädigung hatten. Das sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle der Leiter der ukrainischen Stiftung, Ihor Luschnikow. Hinzukommt, dass die deutsche Bundesregierung die Zahlungen in zwei Etappen vornahm, und manch einer erlebte seine Entschädigung nicht mehr. Luschnikow betonte, das größte Problem des deutschen Entschädigungs-Gesetzes sei folgendes: "2100 Personen starben und sie hatten nur den ersten Teil erhalten, die Auszahlung des zweiten Teils erlebten sie nicht mehr, und sie hatten auch keine Rechtsnachfolger, die für sie das Geld hätten entgegennehmen können. Deren Anzahl ist gering, aber dahinter stehen Menschenschicksale."

Vielversprechende Initiativen

Die Entschädigung von Nazi-Opfern ist nun praktisch beendet, aber die Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" stellt ihre Arbeit nicht ein. Dieses Jahr will sie die medizinischen und sozialen Projekte fortzuführen, die im vergangenen Jahr von der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" initiiert wurden. Dafür habe die deutsche Seite etwa 1,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, berichtete Ihor Luschnikow: "Es ist vor allem das Orthopädie-Projekt - bis heute wurden 75 Operationen durchgeführt. Es gibt auch das Augenheilkunde-Projekt - bis heute wurden 302 Personen untersucht. Derzeit arbeiten wir an Vorschlägen für die Stiftung in Deutschland, und wir werden empfehlen, Geld für ein Prothesen-Projekt, für Rollstühle und Blutzucker-Messgeräte auszugeben."

Darüber hinaus möchte die Stiftung Jugendarbeit leisten. So veranstaltet sie gemeinsam mit dem ukrainischen Bildungsministerium einen Wettbewerb von Schülerreferaten zum Thema Nazi-Opfer. Bisherige Wettbewerbe hätten gezeigt, dass sich die Jugend für dieses Thema sehr interessiere, sagte der Deutschen Welle Natalja Opilat von der Stiftung "Verständigung und Aussöhnung": "Der Wettbewerb war interessant, weil die Jugend von Menschen erfährt, die kein leichtes Leben hatten. Viele wertvolle Fotos und Zeugenberichte haben wir Museen oder Archiven übergeben."

Ferner arbeitet die ukrainische Stiftung in mehreren deutsch-ukrainischen Jugendprogrammen zur Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus mit, so auch am gemeinsamen Bildungsprojekt "Münster-Iwankiw im Zweiten Weltkrieg". Ihor Luschnikow kündigte eine Fotoausstellung im Rahmen dieses Projektes an: "Wir werden Schüler aus Münster und die Angehörigen eines Deutschen einladen, der sich während des Krieges in Iwankiw mit der Lebensmittelversorgung der deutschen Armee befasste. Zudem wird es 2007ein Projekt mit der Stadt Osnabrück geben, wo es ein Straflager gab, und dort wird nun eine Gedenkstätte errichtet. Daran arbeiten deutsche Schüler gemeinsam mit Schülern aus Simferopol."

Hoffnung auf künftige Hilfe

Obwohl die Entschädigung der Nazi-Opfer fast abgeschlossen ist, steht das Telefon der Stiftung nicht still. Hunderte von Menschen kommen – einige bitten um Hilfe, manche beschweren sich, andere wollen sich bedanken. Unter ihnen ist auch Mykola Welko, der im Alter von zwei Jahren von den Nazis nach Deutschland verschleppt wurde. Geld von der deutschen Bundesregierung habe er in vollem Umfang erhalten, das "bittere" Geld, wie er sagte. Aber die Entschädigung habe seiner Familie geholfen: "Das, was mir zustand, habe ich bekommen, ohne Verzögerung, weil meine Papiere noch vor Beginn der Auszahlung bereit lagen. Das Geld hat uns sehr geholfen." So hofft auch Ihor Luschnikow von der ukrainischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung", dass seine Stiftung auch künftig ehemaligen Nazi-Opfern helfen wird und zu einem Kulturzentrum der ukrainisch-deutschen Beziehungen wird.

Lilija Rscheutska
DW-RADAIO/Ukrainisch, 14.1.2007, Fokus Ost-Südost