1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Twittern auf Chinesisch

Sina Weibo ist die chinesische Version von Twitter. Über 200 Millionen Chinesen nutzen das soziale Netzwerk. Manchmal kommt es dort zu erstaunlich freien Diskussionen – bis die Zensur zuschlägt.

Das rote Sina-Logo auf gelbem Plakat, im Hintergrund chinesische User (AP Photo)

Ein wachsames Auge als Logo: Chinas Internet-Portal Sina Weibo

Es sind wohl über tausend Mitarbeiter, die in dem riesigen Großraumbüro im 19. Stock eines schicken Hochhauses im Pekinger Haidian Distrikt arbeiten. Sie alle hocken in winzigen Büroboxen, starren auf den Bildschirm und hauen in die Computertastaturen. Das unspektakuläre Büro ist der Hauptsitz der chinesischen Internetfirma Sina. Sina betreibt Chinas größte Microblogging-Website Sina Weibo. Microblogs - auf Chinesisch Weibo - sind 140 Zeichen lange Nachrichten, die jeder registrierte Nutzer im Internet veröffentlichen kann. Sina Weibo bietet außerdem die Möglichkeit, Fotos und Videos hochzuladen, Freundschaften im Netz zu schließen und andere Microblogs zu kommentieren. Sina Weibo – eine Mischung aus Twitter und Facebook.

Je mehr "Follower", desto wichtiger

 

Chen Tong sitzt auf der Couch in seinem Büro und raucht eine Zigarette nach der anderen. Der Chefredakteur von Sina Weibo sieht aus wie die chinesische, etwas füllige Version von John Lennon. "Wir befinden uns im Internetzeitalter, in dem Microblogging eine immer größere Bedeutung hat", erklärt Chen. "Jeder hat heutzutage die Möglichkeit, selbst ein Reporter zu sein, ein sogenannter Bürgerreporter."

Chinesisches Internet-Café (Foto:AP)

Mit etwa 250 Millionen Usern beherrscht Sina Weibo den chinesischen Markt für Microblogs

Sina Weibo existiert erst seit zwei Jahren und wächst mit atemberaubender Geschwindigkeit. Das Microblogging-Portal hat eigenen Angaben zufolge schon über 250 Millionen Nutzer. Sina beherrscht inzwischen rund 70 Prozent des chinesischen Marktes für Microblogs. In zwei Jahren will das Unternehmen die Nutzerzahl verdoppeln. Jeden Tag werden auf der Plattform über 80 Millionen Nachrichten veröffentlicht. Chinesische Filmstars und Politiker, sogar westliche Prominente wie der US-Schauspieler Tom Cruise oder IWF-Chefin Christine Lagarde haben ihre eigenen Weibo-Accounts. Je mehr so genannte "Followers" eine Person bei Sina Weibo hat, desto größer ist ihre Bedeutung in China.

 

Zensur: "Diese Nachricht ist falsch"

Bei den meisten Micro-Blogs oder "Weibos" geht es um Filmstars, Musik oder Sport, oftmals geht es aber auch um aktuelle Themen. Manchmal kommt es zu lebhaften Diskussionen – zuweilen durchaus regierungskritisch. Nach einem schweren Zugunglück mit 40 Toten im Juli dieses Jahres warfen Millionen Sina Weibo-Nutzer den Behörden Vertuschung vor. Die traditionellen Medien nahmen die Vorwürfe auf. Die Regierung hatte Mühe, die aufgeheizte Diskussion wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Screenshot der chinesischen Weibo-Seite(Foto: www.weibo.com)

Sina Weibo überwacht die Kommentare sorgfältig und übernimmt selbst die Zensur

In der Regel kommt es jedoch nicht so weit. Sind Kommentare bei Sina Weibo zu regierungskritisch, greift die Zensur ein. Allerdings übernimmt Sina das Zensieren selbst, erklärt Chefredakteur Chen Tong. Die Plattform sei zwar sehr frei, aber in China gebe es nun einmal Gesetze, und Sina müsse darauf achten, dass diese Gesetze eingehalten werden. "Den Großteil der kritischen Kommentare zur Regierung lassen wir so stehen, wie er ist", so Chen. "Sie können bei Sina Weibo sehr viele kritische Meinungen über die Regierung finden. Aber wenn darunter ein kleiner Anteil an radikalen Inhalten ist, dann handeln wir."   

Sina kämpft jedoch nicht nur gegen radikale Inhalte, sondern auch gegen Gerüchte. In der Praxis läuft das wie folgt: Hält Sina einen Kommentar für ein Gerücht, wird dieser mit einem Logo versehen, auf dem steht: "Diese Nachricht ist falsch". Dann wird der Nutzer, der die Nachricht veröffentlicht hat, aufgefordert, diese zu löschen. Sina entwickelt derzeit extra ein technisches System, um die Inhalte noch besser überwachen zu können.

In einigen Fällen sperrt Sina auch die Zugänge von regierungskritischen Nutzern. So wurde das Weibo-Nutzerkonto der China-Redaktion der Deutschen Welle mehrmals gesperrt. Inzwischen hat Sina die Sperre zwar aufgehoben, jedoch erscheinen seitdem alle Nachrichten mit einer Verzögerung von einigen Minuten. 

"Druckventil" für aufgestauten Volkszorn

Junge Chinesen rufen Protestparolen (Foto: AP)

Unmutsäußerungen im virtuellen Raum sind für die Regierung leichter zu kontrollieren als Straßenaktionen

Der chinesische Blogger und Internetexperte Michael Anti sagt, die Regierung sehe in Sina Weibo eine Art Druckventil für angestauten Volkszorn. "Sie geben der Bevölkerung eine Plattform, wo ein bisschen freie Meinungsäußerung möglich ist, wo die Menschen ihren Ärger ausdrücken können." Aber die Regierung sorge immer dafür, nicht die Kontrolle über Plattformen wie Sina zu verlieren, so Anti. "Sie wollen verhindern, dass der Ärger Aktionen nach sich zieht."

Die chinesische Regierung nutzt Sina Weibo auch zu ihrem eigenen Vorteil. Behörden und Parteikader treten über das Internetportal mit der Bevölkerung in Kontakt, machen Propaganda und informieren sich über die Stimmung in der Bevölkerung. Zudem dient Weibo als Mittel gegen Korruption der lokalen Parteikader. Zahlreiche Beamte auf den unteren Ebenen sind schon über Skandale, die auf Sina Weibo veröffentlicht wurden, zu Fall gebracht worden. Michael Anti ist überzeugt, dass die Microblogging-Seite bei Lokalregierungen sehr gefürchtet ist. "Wir sehen häufig lokale Skandale, die sich online verbreiten und aufgedeckt werden. Da hat Weibo wirklich Einfluss." Skandale der Zentralregierung gäbe es im Internet hingegen nicht. "Solche Sachen werden sofort gelöscht", so der Blogger.

Die Zensur könnte sich in nächster Zeit noch verschärfen. Im Oktober kündigte die Regierung an, soziale Netzwerke und Chatprogramme künftig strenger zu kontrollieren und den Inhalten der kommunistischen Partei anzupassen.

Autor: Christoph Ricking

Redaktion: Ana Lehmann