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Wissen & Umwelt

"Twitter war bisher sehr großzügig"

Twitter gelobt Besserung - das Netzwerk möchte stärker gegen gehässige, rassistische, sexistische Trolle vorgehen. Wie und ob das überhaupt möglich ist, erklärt der Kommunikationsexperte Benjamin Krämer im DW-Interview.

DW: Mit der norwegischen Trollpuppe aus dem Artikelbild haben unsere Internet-Trolle womöglich herzlich wenig gemeinsam. Wie aber können wir uns sie vorstellen?

Benjamin Krämer: Ganz klassisch sind Trolle spielerisch oder pathologisch provozierende Leute, die Aussagen machen, die sie selbst vielleicht gar nicht vertreten.

Das neuere Verständnis scheint sich aber jetzt hin zu solchen Leuten zu verschieben, die generell aggressiv oder bedrohlich sind, andere schmähen und herabwürdigen. Die Bedeutung scheint sich etwas ausgeweitet zu haben - auf jegliches antisoziale Verhalten im Internet.

…. also haben sich Trolle in den letzten Jahren gewandelt?

Ja, oder zumindest das Verständnis davon. Inzwischen ist es eher - so glaube ich - ein universelles Label für alle, über die man sich im Internet ärgert und die man irgendwie weg haben will. Die man nicht Ernst nehmen will, oder mit denen man nicht glaubt, vernünftig reden zu können. Früher war das ein ganz spezieller Typus von Leuten, die nicht persönlich angegriffen, aber provoziert haben. Indem sie einfach mal irgendetwas in die Runde geworfen haben, worauf die anderen dann reagieren sollten.

Video ansehen 04:03

Shitstorm-Monitoring (14.07.2014)

Über den Wandel des Troll-Begriffs habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Am Anfang war es - wie gesagt - diese spielerische Provokation - ein bisschen narzisstisch, vielleicht sogar diabolisch. Heute dagegen liegt das Hauptaugenmerk auf Cybermobbing, Sexismus, Rassismus, Drohungen, Schmähungen.

Und: Der Troll scheint andererseits auch ein bequemes Label dafür geworden zu sein, um andere Leute aus Diskursen im Internet auszuschließen. Wenn einem etwas nicht passt - und oft gibt der Äußerungsstil einem auch subjektiv das Recht dazu - wird quasi das Label "Troll" aufgedruckt und dann muss man sich nicht mehr näher damit auseinandersetzen. Nach dem Motto: "Wenn jemand schon so redet..."

Diese Vorgehensweise verdeckt manchmal, was wirklich dahinter steckt. Denn man tut so als sei das ein individuelles, psychologisches Problem - und eben kein gesellschaftliches. Aber es schwirren nun mal menschenfeindliche Ideologien da draußen herum, mit denen man sich auch auseinandersetzen muss.

Statt so eine Sache einfach als "Trolling" zu bezeichnen, muss man es auch einfach mal beim Namen nennen: nämlich Rassismus, Sexismus und so weiter. Der Troll ist da einfach die bequemere Variante, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen - eine Art Reaktion des etablierten Qualitätsjournalismus oder des Bildungsbürgertums auf Leute, die anders diskutieren - härter und mit keiner korrekten Rechtschreibung vielleicht.

Und dann wird gesagt "Das sind nur Trolle, lass die spielen" - so kann man sie einfach aus seinem gepflegten Diskurs raushalten. Pegida war in letzter Zeit ein Beispiel dafür. Das sind Leute, mit deren Ideologie man sich auseinandersetzen muss - auch wenn man sie nicht gutheißt. Man kann sie nicht einfach rauswerfen mit Verweis auf die schlechte Rechtschreibung oder den rauen Ton, oder weil alle einfach dumm seien, sondern muss inhaltlich gegenhalten und aufdecken, wie so eine Bewegung zustande kommt.

Ein Junge reibt sich vor seinem Laptop beim betrachten der Facebook Seite die Augen (Foto: dpa).

Trolle scheinen oft zu vergessen, dass sich verletzbare Persönlichkeiten hinter den Nutzernamen verbergen

Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit Trollen umgehen? Jeder ganz persönlich.

Bei den klassischen Trollen kann man entweder mitspielen, wenn's einem Spaß macht, oder sie quasi ins Leere laufen lassen. Da gibt es ja den klassischen Spruch "Don't feed the Troll". Wenn es natürlich strafrechtlich relevant ist, sollte man sich mit den entsprechenden Plattformbetreibern oder Ermittlungsbehörden in Verbindung setzen.

Und im Bereich dazwischen würde ich sagen, sollte man das durchaus dokumentiert lassen, wenn das mit Blick auf die Betroffenen vertretbar ist - also nicht dafür sorgen, dass es schnell aus dem Netz verschwindet. Damit die Leute auch sehen, was passiert und mit anderen Anwesenden darüber reden und einordnen lassen können und klarstellen, dass das so nicht funktioniert. Man muss den Trollen bewusst machen, was sie da eigentlich von sich geben.

Twitter hat jetzt zugegeben, dass sie bisher viel zu lasch mit solchen Trollen umgegangen seien. Das soll sich in Zukunft ändern. Nun kann man Beiträge melden, User blockieren,… was könnte man noch tun?

So wie ich das mitbekommen habe, hat sich die Kritik unter anderem daran entzündet, dass der Meldemechanismus zu kompliziert und die Maschinerie dahinter zu träge ist. Das könnte natürlich vereinfacht werden.

Generell wäre es auch wünschenswert, wenn die Community auf so einer Plattform daran beteiligt würde, sich selbst Regeln zu geben, oder zu diskutieren, nach welchen Kriterien eigentlich entschieden wird.

Was halten Sie von einer Art Twitter-Polizei, die die Tweets scannt und bei Bedarf eingreift?

Ich glaube das ist außerhalb des menschenmöglichen, dass alles gelesen wird. Da gibt es meines Erachtens nur zwei Alternativen. Entweder das technische Scannen, und dass eine Warnlampe angeht, wenn etwas verdächtig ist. Oder Meldemechanismen, dass jemand, der sich bedroht oder angegriffen fühlt, das selbst melden kann.

Wenn ich mich nun angegriffen fühle und daraufhin etwas melde - wie geht es dann weiter?

In der Regel haben die entsprechenden Plattformbetreiber Leute, die sich das ansehen und gemäß ihrer Nutzungsbedingungen entscheiden, ob das duldbar ist oder nicht. Das ist allerdings zum Teil etwas intransparent. Oft bekommt man nur die Meldung zurück, das "verstößt gegen unsere Bedingungen ".

Finden Sie, Twitter macht seine Sache ganz gut, oder gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Mir erscheint Twitter schon als relativ großzügig. Wenige Verstöße wurden da bisher genauer verfolgt. Es gibt zum Beispiel zahlreiche Angriffe, die von

Anita Sarkeesian

dokumentiert wurden (Anm. d. Red.: eine kanadisch-amerikanische feministische Videobloggerin, die oft Opfer von Hassnachrichten wird). Da waren sie sehr liberal in der Vergangenheit, so mein Eindruck.

Facebook hingegen hat sich etwas stärker hervorgetan, indem sie ihre Richtlinien durchgesetzt haben, die aber auch wieder umstritten sind. Da ist man sehr streng, was Nacktheit oder Sexualität angeht, aber umgekehrt wieder recht lasch, was Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Sexismus angeht. Das ist immer ein schwieriges Thema bei internationalen Plattformen.

Denn was nach deutschen Standards vielleicht wünschenswert wäre, sieht man in den USA oder anderorts ganz anders. Deswegen ist es auch schwierig, auf eine Art firmeneigene Polizei zu setzen, denn da muss auch kulturspezifisch ausgehandelt werden, was geht und was nicht.

Dr. Benjamin Krämer

ist Kommunikationsexperte an der Ludwig-Maximilians-Universität München am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Zusammen mit seiner Kollegin Nina Springer forscht er über "Ärger im Internet". Das Ziel: Ein Gesamtbild über die konfliktären und kooperativen Strukturen im Netz.

Das Interview führte Hannah Fuchs.

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