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Netzkultur

Twitter holt den November 1938 ins Jetzt

Fünf junge Historiker haben den Twitteraccount @9Nov38 freigeschaltet. Und damit ein Geschichtsprojekt ins Netz gestellt, das unter die Haut geht. Die Tage vor und nach der Pogromnacht des 9. November. In Echtzeit.

Der erste Tweet ist vom 28. Oktober, 22 Uhr 29. Dieser Tag vor genau 75 Jahren markiert mit der Ausweisung von 15.000 polnischen Juden den eigentlichen Beginn der Novemberpogrome – denn ab diesem Tag werden die Juden in Deutschland nicht mehr "nur" schikaniert: Sie werden enteignet und vertrieben.

In jeweils 140 Zeichen beschreiben die folgenden Tweets, was nach diesem Tag geschieht. Wie 2000 polnische Juden, die bis dahin in Deutschland gelebt haben. brutal in Lastwagen gepfercht und an die polnische Grenze deportiert werden, Männer, Frauen und Kinder. Wie verzweifelte Menschen ihre Flucht aus Deutschland planen. Wie andere gewarnt werden:


Die Zitate und Einträge basieren auf Briefen, Tagebüchern und historischen Fakten. Die fünf teilweise noch studierenden HistorikerInnen wollen mit diesem Projekt zeigen, wie man Geschichte und Geschichtsforschung lebendiger machen kann. "Wissenschaftliche Arbeiten finden ja sonst nicht so ein breites Publikum", erklärt Charlotte Jahnz von der Uni Bonn, die an dem Projekt teilnimmt. "So können wir mal zeigen, wie man Geschichte sonst noch vermitteln kann."

In der Tat erreicht das Medium Twitter ganz andere Menschen als Bücher oder Dokumentationen im Fernsehen. Und auch viel mehr Menschen: Denn diese "virtuellen Stolpersteine" verbreiten sich schnell. Innerhalb von 24 Stunden hat sich die Zahl der Follower fast verdreifacht.

Eine Idee wird übernommen

Die Idee, Geschichte auf Twitter nachzuerzählen, ist nicht ganz neu. Verschiedene Ereignisse aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts und auch davor wurden bereits in Twitterkanälen aufbereitet. Auf www.twhistory.org findet man Beispiele aus der US-amerikanischen Geschichte. Der englische Verlag "The History Press" twitterte unter anderem den Untergang der Titanic 1912.

Ein weiteres großes Projekt eines US-amerikanischen Geschichtswissenschaftlers ist der Twitterkanal @RealTimeWWII. Der läuft seit dem 31. August 2011 und startete damit genau 72 Jahre nachdem Hitler die Invasion Polens angeordnet hatte. Auch hier werden die Ereignisse nahezu uhrzeitgenau getwittert. Der Betreiber des Kanals ist der ehemalige Oxford-Student Alwyn Collinson. Er glaubt, dass Twitter die perfekte Plattform für eine neue Art der Geschichtsvermittlung ist. "Ich wunderte mich, dass es noch keiner vorher gemacht hat", sagte er im Tech-Blog "The Next Web".

So war es nur eine Frage der Zeit, dass immer mehr solcher Projekte im Netz aufpoppten. Der erste deutsche Kanal dieser Art schickte die User 2012 auf eine Zeitreise ins Jahr 1989. Verantwortlich war der Mitteldeutsche Rundfunk. Auf @9Nov89live wurden die Ereignisse rund um den Mauerfall getwittert. Allerdings haben die Redakteure die Charaktere und die Tweets erfunden. Damit ist zwar eine spannende Story entstanden, doch die Authentizität fehlte.

Titel: Twitterkanal @9Nov38 Beschreibung: Fünf junge Historiker erzählen in einem Twitterkanal die Geschichte der Novemberpogrome von 1938 Achtung: Nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über diese Website verwenden!

Makaber: In Zeitungen werden Koffer für Auswanderer angeboten.

Das wollten die fünf Geschichtswissenschaftler mit dem 9. November 1938 anders machen. "Für dieses Projekt fanden wir das Fiktive nicht so passend", erklärt Charlotte Jahnz. Sie wollen lieber echte Geschichten erzählen, aus Quellen, die sie in ihrer jeweiligen Universität gefunden haben. Die jungen Historiker haben sich durch Bibliotheken und Archive in Bonn, Jena, Mainz, Freiburg und Heidelberg gegraben.

So sind die Tweets aus @9Nov38 immer kleine Momentaufnahmen. Aus Kassel, wo schon am 7. November randaliert wird:

Oder aus Paris, wo der 17-jährige Herschel Grynszpan das Attentat auf den deutschen Botschafter plant, das für die Nazis den willkommenen Anlass für die Ausschreitungen liefert:

@9Nov38 ist ein selbstfinanziertes Projekt, das die jungen Historiker neben ihrem Studium betreiben. Ihnen ist es besonders wichtig, dass hier nicht nur die Pogrome des 9. November geschildert werden, sondern dass auch die Vorgeschichte und die Tage danach einen Platz bekommen. Alles wird uhrzeitgenau gepostet, nur eben 75 Jahre später.

Professoren etwas irritiert

Die Reaktionen auf das Projekt sind zu großen Teil sehr positiv. Das zeigen auch die Kommentare, die auf der projekteigenen Webseite www.9nov38.de zu lesen sind. Hier stellt sich das Team vor, es gibt ein Blog, in dem im Anschluss an das Projekt eine Datenbank mit den Fußnoten zu den jeweiligen Tweets installiert wird. Schon jetzt sind hier einige der Quellen eingestellt, auf die sich die Tweets stützen, etwa eine Postkarte, auf der Berta Grynszpan ihrem Bruder Herschel, dem späteren Attentäter von Paris, von ihrem Elend in der Flüchtlingsbaracke erzählt.

Ältere Historikerkollegen, sagt Charlotte Jahnz, stünden der Sache etwas skeptisch gegenüber, auch bei den Professoren sorge das Projekt bis auf eine Ausnahme eher für Irritationen. "Aber auf Twitter gibt es einige Historiker, die begeistert sind."

"Wir wollen mit den Tweets immer wieder in den Alltag einbrechen", sagt Projektleiter Moritz Hoffmann. Das klappt. Wer dem Account @9Nov38 folgt, findet auf seiner Timeline zwischen dem üblichen "Gezwitscher" Tweets wie diesen, in dem eine Presseanweisung des Reichspropagandaministeriums zitiert wird.