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Amerika

Twain und die "schreckliche deutsche Sprache"

Flusslotse, Schriftsetzer, Soldat und Reporter - Mark Twain hatte viele Karrieren. Für seine berühmtesten Geschichten als Schriftsteller fand er Inspiration in Deutschland. Nur mit der Sprache stand er auf Kriegsfuß.

Mark Twain, eigtlich Samuel Langhorne Clemens, Foto: ap

Mark Twain, eigtlich Samuel Langhorne Clemens

Jahrhunderte lang galt der Halley'sche Komet als Unglücksbote. Als er 1835 wieder am Firmament erschien, wurde im Örtchen Florida in Missouri ein Knabe geboren und auf den Namen Samuel Langhorne Clemens getauft. Doch der aufgeweckte Junge war kein Unglück, er entwickelte sich zu einem scharfsinnigen Denker und zu einem der gewitztesten Schreiber der Literaturgeschichte. Jahrzehnte später war weltberühmt unter dem Namen "Mark Twain" und sagte: "Ich kam auf die Welt mit dem Halley'schen Kometen. Er kommt im nächsten Jahr wieder und es wäre die größte Enttäuschung meines Lebens, nicht mit ihm zu gehen. Der Allmächtige hat ohne Zweifel gesagt: Hier sind diese beiden komischen Käuze. Sie sind zusammen gekommen, sie müssen zusammen gehen." Sein Wunsch wurde ihm am 21. April 1910 erfüllt.

Hörbuch Tom Sawyer & Huckleberry Finn von Mark, Quelle: dlf

Bis heute einer der Klassiker der Literatur

Seine Zitate sind heute rund um den Globus bekannt und zeugen von seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe und seinem Sinn für Witz, Spott und Ironie: Twain ist als Humorist bekannt, doch als er vor 100 Jahren in Connecticut starb, war er verbittert und vereinsamt, seine kranke Frau Olivia Langdon war sechs Jahre zuvor verstorben. Ihr Erbe hatte er mit einer Fehlinvestition in eine Setzmaschine verbraucht. Von seinen vier Kindern überlebte ihn einzig Tochter Clara. Sein luxuriöses Domizil hatte er längst zugunsten eines unsteten Lebens als Vortragsreisender aufgeben müssen, um seine Schulden zu begleichen.

"Der Mensch wurde zum Ende der Wochenarbeit geschaffen, als Gott erschöpft war."

Dabei hatte Mark Twain von einem Leben in Wohlstand und mit Renommee geträumt. Aufgewachsen in der Kleinstadt Hannibal am Ufer des Mississippi musste er nach dem frühen Tod des Vaters die Schule abbrechen. Später versuchte er sich als Goldsucher im Westen der USA, als Schiffslotse, als Schriftsetzer und auch als Journalist. Billige Klatschgeschichten schrieb der Mittzwanziger damals, die ihm mehr als einmal Ärger einbrachten. Also schrieb er gleich völlig erfundene Geschichten. Als Pseudonym nahm er aus der Lotsensprache den Begriff für zwei Faden Wassertiefe: "Mark Twain".

Szene aus dem Theaterstück 'Tom Sawyer und Huckleberry Finn', Foto: ap

Szene aus dem Theaterstück 'Tom Sawyer und Huckleberry Finn'

Die Abenteuer seiner Kindheit wurden damals zur Grundlage seiner Geschichten, wie er sie in "Tom Sawyer" erzählte: die erste Liebe wie zwischen Tom und Becky, Schatzgräbereien in verwunschenen Häusern und Höhlen, Angst vor undurchsichtigen Zeitgenossen wie dem mörderischen Halbblut Joe, den Tom vor Gericht zur Strecke bringt. Fast alle seine Texte haben später autobiographische Elemente: Auch sein "Bummel durch Europa" (Originaltitel: "A Tramp Abroad", 1878) mit einem köstlichen Essay über "Die schreckliche deutsche Sprache" sind Frucht einer Touren durch Europa.

"Klassiker - ein Buch, das die Leute loben, aber nicht lesen."

In Deutschland hatte es ihm vor allem Heidelberg angetan, fast drei Monate wohnte er in einem Hotel hoch über der Stadt mit Blick über den Neckar und seine Mündung in die Rheinebene. Jeden Tag ging er von hier aus zu einer noch höher gelegenen Stelle, um dort zu schreiben: Vom Müßiggang der Studenten, über Zeitungen ohne Informationen, über den schlechten Rheinwein bis zu schreienden Opernsängern am Mannheimer Nationaltheater – er hat sich über so ziemlich alles lustig gemacht; auch über die deutsche Sprache mit ihren Regeln und Ausnahmen und Ausnahmen von den Regeln. Für ihn war es grotesk, dass es "die Frau" heißt, aber "das Mädchen". Und auch an den deutschen Schachtelsätzen verzweifelte er schier: "Drei von unseren Lehrern waren darüber gestorben", schrieb er und plädierte schließlich für eine Reform der deutschen Sprache: "Denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu erlernen." Trotz der "schrecklichen deutschen Sprache" hat sich der Gast aus der neuen Welt in Deutschland offenbar sehr wohlgefühlt.

"Recherchiere erst einmal die Fakten, dann kannst Du sie verdrehen."

Denn zuweilen schreibe Twain "liebevoll bis schwärmerisch" über Heidelberg, so Christa Huberta Kemmer, die dort Stadtführungen "Auf den Spuren von Mark Twain" anbietet. Bis heute ist die Stadt das beliebteste Ziel für Amerikaner in Deutschland und deren anhaltende Begeisterung für die alte Universitätsstadt wurzelt nicht zuletzt in Twains detaillierten Beschreibungen: "Gleich in der ersten Nacht hörte er Plätschern und dachte: 'Es regnet'. Aber es war der Neckar", erzählt die Expertin, "und die berühmte Stelle von der herabgefallenen Milchstraße: Twain schaut herunter, sieht die Eisenbahnlichter und schreibt: "als ob die Milchstraße herabgefallen sei".


Heidelberg, Foto: dw

Heidelberg hatte es Mark Twain besonders angetan, hier entstanden auch Teile seines 'Bummels durch Europa'.


Doch auch hier konnte er sich das Schummeln nicht verkneifen: Die berühmte Floßfahrt von Heilbronn den Neckar abwärts beispielsweise entspringe seiner Fantasie, so Christa Huberta Kemmer: "Die beschriebenen Orte kannte er aus Wanderungen oder allenfalls aus kleinen Schiffsausflügen". Zudem habe er behauptet, er habe seine Zeichnungen vom Heidelberger Schloss ausgestellt und alle hätten geglaubt, sie seien von Turner. Kein Wort davon ist wahr!", erzählt die Stadtführerin heute. "Er wollte Zeichenunterricht nehmen, wie es damals in den USA schick war, weil man nach Europa ging, um sich kulturell weiterzubilden. Aber das ist nirgends bewiesen!"


"Der Bericht über meinen Tod war eine Übertreibung."

Sein Spott zielte weit über die Deutschen hinaus und machte sich auch über die eigenen Landsleute lustig. Bei aller Respektlosigkeit war Twain immer ein interessierter und genauer Beobachter, der Deutschland auch sehr wohlwollend beschreiben konnte: Über das hohe Niveau der damaligen Schulbildung beispielsweise oder das ungezwungene Spiel nackter Kinder am Fluss. Er übersetzte zahlreiche Sagen und schließlich sogar den Struwwelpeter ins Englische. Und auch wenn er davon überzeugt war, dass ein begabter Mensch dreißig Jahre brauche, um Deutsch zu lernen und diese Sprache deshalb unbedingt reformiert werden sollte - ganz so abschreckend kann sie für ihn dann doch nicht gewesen sein, denn auf den Grabstein seiner Frau ließ er auf Deutsch eingravieren: "Gott sei dir gnädig, oh meine Wonne!"

Autorin: Martina Senghas/ Ina Rottscheidt
Redaktion: Oliver Pieper

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