1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Veranstaltungen

TV-Training im "Club Ariana"

Seit Februar 2006 ist Eberhard Sucker mit Unterbrechungen für die DW-AKADEMIE in Afghanistan: als Leiter des EU-Projekts zur Reform des staatlichen afghanischen Rundfunks RTA. Im August 2007 war er in Masar-i-Sharif.

default

In einem Workshop der DW-AKADEMIE erarbeiten Afghanische Journalisten zwei Themen und realisieren diese in Bild und Ton

Gleich werden wir mit einem Kriegsherren, einem früheren Befehlshaber der Mudschaheddin zusammentreffen, einem Kämpfer gegen die sowjetischen Truppen und die Taliban. Gouverneur Mohammad Atta Noor lässt uns nicht lange im Vorzimmer warten. Groß, schlank, mit exakt gestutztem Bart, dunkler Anzug, goldene Rolex – so empfängt er uns in einem prächtig ausgestatteten Büro.

DW_Akademie_Afghanistan_4_Sucker_klein.jpg

Seit Februar 2006 ist Eberhard Sucker mit Unterbrechungen für die DW-AKADEMIE in Afghanistan

Es wird Tee gereicht. Bewaffnete junge Männer stehen an den Türen, Schreiber protokollieren unser Gespräch, Fotografen halten die Szene fest. General Noor, wie er sich immer noch gern nennen lässt, regiert seine Provinz erfolgreich, mit eiserner Faust. Und er hat Zeit für zwei Journalisten der Deutschen Welle, die nur einen Höflichkeitsbesuch machen.

Nicht alltägliche Vorbereitungen für ein Training von afghanischen TV-Journalisten, das die DW-AKADEMIE im August 2007 in Masar-i-Sharif veranstalten will: Eine Unterkunft müssen wir finden. Weder das Hochzeitshotel Kefayat, das erste Haus am Platze, noch das Barat Hotel, das sich mit fünf afghanischen Sternen schmückt, sagt uns zu. Zu laut, zu rosa-kitschig, das eine herunterkommen, unsicher das andere. Die Hoffnung, bei der Bundeswehr im Camp Marmal unterzukommen, einen gesicherten, klimatisierten Container zu beziehen, die Abende in der "Beach Bar" des Camps zu verbringen, rundum versorgt zu sein, geben wir auf.

UN-Gästehaus statt Camp Marmal

Da mag auch das Verteidigungsministerium raten, uns dem Schutz der Truppe zu unterstellen, der Empfang im Camp bringt uns unmissverständlich zu der Einsicht, draußen vor dem Camp eine Bleibe zu suchen. Es ist vielleicht auch besser, nicht jeden Tag als Zivilisten aus dem Lager zu gehen und abends dorthin zurückzukehren. Drinnen sind wir wohl nicht gern gesehen, draußen könnte man uns für Militärs in Zivil halten. Wir entscheiden uns für ein Gästehaus der UN. Dort wird auch das Seminar stattfinden. Soweit die Erkenntnisse unserer Recherchereise.

Afghanistan DW Akademie Sucker

Für Recherche und Dreharbeiten müssen die Afghanischen Journalisten in die Umgebung fahren

14 Tage später bin ich, zusammen mit meinen Kollegen Tom Rehermann und Martin Hilbert, wieder auf dem Weg nach Masar, um diesmal einen Monat zu bleiben. Nach Abwägung der Sicherheitslage und der Arbeitsbedingungen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der Workshop möglich ist. Schließlich können wir ja nicht nur hinter den stacheldrahtbewehrten Mauern des UN-Geländes arbeiten, sondern müssen auch mit unseren afghanischen Kollegen für die Recherche und die Dreharbeiten in die Umgebung fahren.

Mit 150 kg Ausrüstung auf dem Rollfeld

Der Weg ist das Ziel und führt direkt zu den Erstaunlichkeiten Afghanistans: Von Kabul nach Herat, wo wir unser Gepäck, fast 150 kg mit Ausrüstung, eigenhändig umladen in die Maschine nach Masar. Kein Mensch hindert uns daran, unsere Fracht auf dem Rollfeld umzustapeln, nein, unsere Mithilfe ist willkommen. Für uns die einzige Chance mit Gepäck anzukommen. Derweil wird die Maschine betankt und zwischendurch erledigen wir den Check-in für den Weiterflug. Zwei Papageien sind mit an Bord, ganz grün und gelb. Angst vorm Fliegen? Eine Ankunftshalle gibt es in Masar nicht, was das Flugzeug so an Bord mitführt, wird auf der Piste hinterlassen.

Das UNICA Guesthouse ist nicht nur einzigartig, sondern ganz heimelig. Es hat einen Garten, eine Sickergrube und einen Bunker, dessen Zugang mit Gerümpel verstellt ist. Wir nennen es unseren Club Ariana" und werden uns in den nächsten vier Wochen wohl fühlen. Masar ist im Sommer heiß, 40 Grad, staubig.

Der erste Kurs beginnt mit neun Teilnehmern, einer fehlt ab dem zweiten Tag, ein anderer muss am nächsten Tag erst dringend ins Krankenhaus und von dort direkt zu einer Hochzeit. Von nun an kommt er regelmäßig.

Straßenkinder statt Mohnanbau

Die Gruppe hat Lust, etwas zu lernen, es macht Spaß mit jungen, motivierten Kollegen zu arbeiten. Unser Ziel ist es, im Laufe des Seminars zwei Fernsehbeiträge zu recherchieren und zu realisieren. Die Themenvorschläge sind engagiert, ambitioniert aber nicht immer realistisch. Ein Beitrag über Alternativen zum Mohnanbau scheitert daran, dass Gouverneur Atta es geschafft hat, seine Provinz fast freizuhalten von der Haupteinnahmequelle in Afghanistan. Die letzten verbliebenen Mohnfelder in der Provinz wollen wir lieber nicht aufspüren. Für das Gebiet, in dem wir dafür drehen müssten, liegt eine Sicherheitswarnung der Botschaft vor. Auch unsere afghanischen Übersetzer und Fahrer warnen, sie sind vorsichtig, denn in Begleitung von Ausländern könnten sie genauso gefährdet sein wie wir.

Die Themen, die wir schließlich umsetzen: Eine Reportage über Straßenkinder und Hilfsangebote für sie, und ein Bericht über den Schutz von historischen Bauwerken, teilweise noch aus buddhistischer Zeit vor über 2000 Jahren stammend.

Dass beim Fernsehen zum Bild der Ton gehört, dass es zum guten Ton gehört, dass Fernsehen Teamwork, der Reporter also mit seinem Kameramann und dem Cutter redet, dass Fernsehen die Sinne ansprechen muss – auch davon bekommen die Kursteilnehmer jetzt eine klarere Vorstellung.

Uns geht es gut in unserer geschlossenen UN-Anstalt. Wir beobachten die anderen Kollegen beim ritualisierten abendlichen Hofgang. Wie viele Variationen gibt es, auf neuen Wegen durch den Garten zu laufen? UN-Mitarbeiter unterliegen strengen Sicherheitsvorschriften. Dürfen in der Stadt keine Entfernung über 150 Meter ohne Fahrzeug zurücklegen. Einer hat bei einem Ausflug an die nahe Grenze geschmuggelten usbekischen Wodka organisiert. Hinter den hohen Mauern ist Alkoholgenuss erlaubt.

Uns erreicht die Nachricht, dass in Kabul eine ferngezündete Mine drei deutsche Polizisten getötet hat. Angeblich ein gezielter Anschlag auf Deutsche.

Drei Frauen im zweiten Kurs

Afghanische Journalisten im Training

Weibliche Journalisten in Afghanistan sind immer noch sehr selten

Im zweiten Kurs sind drei Frauen, sehr selbstbewusst im Auftreten. Als Journalistin in Afghanistan zu arbeiten ist ungewöhnlich und selten. In den letzten Monaten sind drei Frauen ermordet worden, weil sie als Journalistinnen tätig waren.

Wir sind noch am Anfang des Seminars, sprechen über den Weg von der Erzählidee über die Recherche bis zum fertigen Beitrag. Die Gruppe will am Ende der nächsten zwei Wochen eine Reportage über Missstände im Gesundheitswesen und die Gefahren durch Wunderheiler realisieren. Und es gibt noch ein zweites Thema: die Ansiedlung von Turkmenen nahe der Stadt.

Die Welt draußen ist eine Männerwelt. Dorthin geht unsere Putzfrau – die sich so offen und frei, unverschleiert auf dem Gelände bewegt – nur wenn sie unter der Burka unsichtbar geworden ist. Wie fast alle Frauen in Masar. Bei den Dreharbeiten erleben wir es immer wieder, wie sich Frauen von der Kamera abwenden.

Gelegentlich sind wir auch in der Stadt, es gibt dort eine prächtige Blaue Moschee, eines der wichtigsten Heiligtümer der schiitischen Muslime.

Wir erfahren, dass es eine neuerliche Entführung in Kabul gegeben hat. Wenn jetzt mein Leben in Afghanistan, nicht mehr so sein kann wie zuvor, ich mich nicht mehr unbefangen auf der Straße bewegen könnte, weil überall Gefahr zu vermuten ist, dann weiß ich nicht, wie lange ich in dem Land noch arbeiten will. In Kabul gilt für die UN eine Ausgangssperre, die Botschaft rät zu höchster Wachsamkeit. Glücklicherweise endet die Entführung einen Tag später mit der Befreiung der deutschen Geisel.

Mit gemischten Gefühlen zurück

Wieder werde ich das Land mit gemischten Gefühlen verlassen. Einerseits sind da die Menschen, die mir fast immer liebenswert, hilfsbereit und offen begegnen und mit denen ich gemeinsam arbeiten will. Auf der anderen Seite die zunehmend unsichere Lage im Land. In zweieinhalb Stunden werde ich in Dubai sein, Zwischenstopp.

Das ist jedes Mal die Rückkehr in die moderne Welt, in der ich lebe. Oder der Abschied von ihr, auf dem Weg zurück nach Kabul, in das archaische Land, in dem ich inzwischen auch zu Hause bin. Wo ich dann staunend – manchmal auch verwundert – euromaxx auf DW-TV anschaue. Das war mal meine Welt als Redakteur des schönen Luxus und des Wohllebens.

Eberhard Sucker

PS: Ab Mitte Oktober ist der Autor wieder vor Ort - dieses Mal, um ein Training für Hörfunkjournalisten durchzuführen.

Die Redaktion empfiehlt

default

Martina Bertram

T +49.228.429-2055 martina.bertram@dw.com