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Wissen & Umwelt

"Turtle SOS" - Hilfe für Meeresschildkröten

Die Kapverdischen Inseln beherbergen wichtige Niststrände für Meeresschildkröten. Diese sind leider durch Jagd und Massentourismus bedroht. Auf der Insel Sal kümmern sich Freiwillige um die Meeresbewohner.

Auf einem dunklen, einsamen Strand - auf der weniger beliebten Südostseite der Insel Sal - tappt eine kleine Touristengruppe vorsichtig über die glitschigen Steine. Das einzige Licht ist ein kleiner roter Punkt von Shannons Taschenlampe. "Vergeßt bitte nicht, eure Blitzlichter auszumachen, wenn ihr Fotos macht", erinnert die junge Amerikanerin die aufgeregte Gruppe von Italienern, Briten und Deutschen. Sonst könnte man die kleinen Kreaturen blenden, die Shannon in einem Eimer mit Sand trägt. Diese winzigen Meereesschildkröten sind gerade vor drei Stunden geschlüpft. Jetzt sollen sie ins Meer entlassen werden.

Shannon ist eine der ehrenamtlichen Helfer bei der Organisation SOS Tartarugas, oder Turtle SOS. Das Ziel ist der Schutz der Meeresschildkröten der Gattung "unechte Karettschildröten". Es ist die einzige Art, die hier auf der Insel Sal noch vorkommt. Jedes Jahr um diese Zeit suchen die Meeresbewohner die sandigen Strände auf, um ihre Nester anzulegen.

Junge Meeresschildkröten (Foto: Turtle SOS Cabo Verde).

Bald werden die Jungtiere wegschwimmen

Shannon nimmt einen Winzling aus dem Eimer, hält ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. Die kleinen Flossen schlagen wie verrückt, in Vorfreude auf das Meer. Sie setzt ihren Schützling auf den Sand, einige Meter vom Wasser entfernt. Er läuft zielstrebig dahin und wird von der nächsten Welle in den großen Atlantik getragen.

Bis zum Aussterben gejagt

Meeresschildkröten schwimmen weite Strecken und sind durch Raubtiere, die Fischerei und die Meeresverschmutzung bedroht. Ihre Chance, geschlechtsreif zu werden und nach ca. 25 Jahren wieder an den Strand auf Sal zurückzukehren, liegen bei nur 1 zu 1.000, sagt Jacquie Cozens. Die Filmemacherin kam mit ihrem Partner, Tauchlehrer Neal Clayton, 2006 zum ersten Mal nach Sal.

"Ich bin auf Meerestiere spezialisiert und dachte an einen Film über die Schildkröten und ihr Nestverhalten hier auf der Insel", erklärt Cozens. Aber das, was die beiden Tierfreunde auf den Stränden entdeckten, rückte das Filmprojekt erstmal in weit Ferne:

"Wir stellten fest, dass illegale Jäger den Schildkrötenweibchen am Strand auflauerten. Sie haben sie brutal umgebracht", erinnert sich Clayton. "Überall lagen tote Meeresschildkröten. In dieser ersten Saison wurden mehr als 120 getötet."

Die Kapverden gehörten zu den wichtigsten Nistplätzen weltweit für diese Schildkrötenart, erklärt Cozens: "Als wir zum ersten Mal hier ankamen, sagte man uns aber, die Tiere würden auf Sal bis 2015 aussterben - eben weil sie für ihr Fleisch gejagt werden."

Nächtliche Strandpatrouille

Statt dessen ist die Zahl der Tiere, die nach Sal zurückkehren, sogar gestiegen. Das ist in großem Maße SOS Tartarugas zu verdanken. Das Projekt hat Cozens 2008 mit einigen Partnern vor Ort ins Leben gerufen.

“Meine Idee war einfach einige Freiwillige zusammen zu holen, die dann nachts am Strand lang laufen, um die Jäger abzuschrecken. Inzwischen arbeiten 25 Einheimische fest für uns. Dazu kommen ehrenamtliche Helfer von hier und aus anderen Ländern. Während der Nistzeit, von August bis November, patrouillieren wir. Unser Hauptanliegen ist, Jäger davon abzuhalten, Meresschildkröten zu töten."

Die Jäger töten die Tiere nicht, um sie selbst zu essen, betont Cozens. Auf der Insel werde hauptsächlich Fisch gegessen, der auch für jeden leistbar sei. Das Fleisch der Tiere werde für 3 Euro pro Kilo auf fremden Märkten verkauft.

Bedrohung durch “all-inclusive”

Aber die Jagd ist nicht die einzige Bedrohung für die Meereesschildkröten auf Sal. Die Insel ist ein beliebtes Urlaubsziel für Touristen aus Europa, die dem kalten Winterwetter entkommen wollen. Auf den einst idyllischen einsamen Stränden wächst die Anzahl von grossen Hotelanlagen. Wenn eine Meeresschildkröte den Weg zurück zu ihrem Geburtsort in den Kapverden findet, um dort ihre Eier abzulegen, findet sie Strände mit Sonnenliegen, Sonnenschirmen und - besonders gefährlich - ganz vielen Lichtern.

"Wenn die kleinen Schildkröten schlüpfen, orientieren sie sich an diesem Kunstlicht statt am Mondschein auf dem Meer", erklärt Clayton. So laufen die Schlüpflinge in die falsche Richtung und sterben.

Die Hotels an der Westküste der Insel Sal bedrohen auch einen Strand, der früher zu den wichtigsten Nistplätzen für Meeresschildkröten gehörte. Clayton und Cozens erkannten, dass ihre nächtlichen Patrouillen nicht ausreichten, um das Überleben der Tierart auf der Insel zu sichern. Die Helfer notieren jetzt die Standorte der Nester. Wenn diese sich an einer Stelle befinden, die zu nah am Wasser, an den Touristen-Stränden oder den Hotellichtern liegt, wird SOS Turtle tätig.

"Unsere Leute graben das Nest aus. Sie bemessen die Eikammer, damit sie das Nest nachher an einer sicheren Stelle wieder herstellen und die Eier zurücklegen können." Dafür hat die Organisation ein eigenes Stück Strand abgeriegelt.

Im Schildkröten-Kindergarten

Im Schatten einer großen, eingemauerten Hotelanlage befindet sich "the hatchery", eine Art Geburtsstation oder Kindergarten für Meeresschildkröten. Touristen werden aus ihren All-Inclusive-Anlagen gelockt, um live zuzusehen, wie die Schildkrötenbabies schlüpfen. Dabei sollen die Urlauber etwas über die Lebensweise der Schildkröten lernen. Die Nester sind nummeriert und viele sind mit Namen markiert. Man kann ein Nest "sponsern". Das Geld kommt dem Projekt zugute.

T-Shirts, Becher, Mützen - Schildkrötensouvenirs laufen hier gut. Das alles sichert das Überleben der Organisation, die sich zu 80% durch Spenden finanziert. Clayton erzählt den Besuchern, dass man an diesem Abend eine kleine Exkursion anbietet, um einige Schlüpflinge an einem einsamen und vor allem dunklen Strand auszusetzen. Es bildet sich eine lange Schlange.

Seit den Anfängen des Projekts ist die Anzahl der Nester von höchsten 500 pro Jahr auf mehr als 1,300 in dieser Saison gestiegen.

Die Tiere kommen in einer Saison bis zu fünf Mal zurück. Jedes Mal legen sie bis zu 100 Eier.

"Das klappt natürlich nur, wenn sie nicht am Strand getötet werden", sagt Clayton. "Und das versuchen wir sicher zu stellen. Einige haben wir markiert. So konnten wir feststellen, dass sie mehrmals zurückkamen."

Im letzten Jahr wurden 18.000 Schildkrötenbabies ins Meer entlassen, sagt Cozens. Ohne Hilfe von ihren menschlichen Freunden, hätten sie es nicht geschafft. Wieviele davon in 25 Jahren hier an den Strand kommen werden, um eigene Nester anzulegen? Das kann man unmöglich vorhersagen. Aber dank der Hilfe von SOS Turtle gibt es für sie zumindest eine gewisse Chance.

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