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Politik

Turkmenbaschis Kapriolen

Turkmenistan ist seit dem Zerfall des Sowjetreiches unabhängig und souverän. Doch das reiche Land leidet unter der Ein-Parteien-Diktatur und den Kapriolen seines Präsidenten Nijasow. Miodrag Soric kommentiert.

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Nein, wir wollen nicht über ihn lachen: über den turkmenischen Präsidenten Saparmurat Nijasow, der den klangvollen Titel "Turkmenbaschi", also "Führer aller Turkmenen" führt. Nein, wir wollen auch nicht den Kopf schütteln über den gelernten Elektrotechniker, der unlängst die fünf Millionen Einwohner Turkmenistans erleuchtete mit dem Lyrikband: "Möge mein Volk gedeihen" und dem empfindsamen Gedicht "Mama". Nach langem Flehen seiner Untertanen, nach kollektiven Bittgesängen und stehenden Ovationen von applaudierenden Volksvertretern ließ sich der frühere KP-Chef der Sowjetrepublik Turkmenistans kürzlich überreden, lebenslang als Staatsoberhaupt zur Verfügung zu stehen.

Die Welt wird sich daran gewöhnen müssen: Turkmenbaschi ist kein Präsident wie jeder andere. Er gibt sich nicht damit zufrieden, das Land zu regieren und nur die Rahmenbedingungen für eine funktionierende Wirtschaft zu schaffen. Der 62-Jährige will mehr. So benannte er vor kurzem die Wochentage um: Der Montag wurde zum "Haupttag", der Dienstag zum "Jungen Tag", der Mittwoch zum "Glücklichen Tag". Trübsal kann so gar nicht aufkommen!

Um den Ruhm des Landesvaters zu mehren, gewährte Nijasow dem Monat Januar seinen Namen: "Turkmenbaschi". Fast noch glücklicher darf sich der April schätzen: Dieser Monat trägt jetzt den Namen von Nijasows Mutter, die übrigens post mortem den Titel "Heldin Turkmenistans" erhielt. An die neuen Bezeichnungen der Wochentage und Monate haben sich alle Turkmenen zu halten.

Nur böse Zungen behaupten, dass inzwischen so manche Verabredung ins Wasser gefallen ist. Denn nicht nur Monate und Straßen, nicht nur Flughäfen und Bahnhöfe, Städte und Moscheen tragen den Namen "Turkmenbaschi", sondern auch Schulen oder Universitäten. Was also, wenn man sich an Turkmenbaschi um Turkmenbaschi bei Turkmenbaschi verabredet?

Wer das Talent der Turkmenen sich zu orientieren und zu organisieren voll erfassen will, muss den jüngsten Geistesblitz des Präsidenten berücksichtigen: Ab dem kommenden Dezember – wohlgemerkt unserer Zeitrechnung – haben in Turkmenistan die Wochen statt sieben ganze zehn Tage und der Monat zählt statt 30 gute 45 Tage. Das Jahr hat also acht Monate. Diese Umstellung bedeutet einen riesigen Schub für die Volkswirtschaft des Landes: Denn auch wenn die Woche nun zehn Tage zählt - es bleibt bei nur einem arbeitsfreien Wochentag. Mit einem Federstrich entlastet das "Genie von Aschgabat" (sprich: Aschchabat) auch die Pensionskassen des Landes: Alt ist erst, wer das 85. Lebensjahr erreicht hat.

Turkmenbaschi ist ein Ehrenplatz im Buch der Präsidenten mit dem höchsten Unterhaltungswert sicher. Besuchen ausländische Regierungschefs die Hauptstadt, was nicht oft vorkommt, verteilt er zusammen mit dem Gast auf den Straßen Tausende von Dollarnoten an zufällig vorbeigehende Passanten. Ach, wie gerne schart sich das Volk um ihn! Der Herrscher kann aber auch böse werden. So war er kürzlich mit dem Fernsehprogramm unzufrieden, das in der Regel rund um die Uhr Lobeshymnen auf ihn anstimmt. Die Folge: Dem Chef des Fernsehsenders "Miras" wurde einen Monat lang das Gehalt gestrichen.

Die Kritik jener westeuropäischen Regierungschefs, die in schönder Regelmäßigkeit die Verletzung der Menschenrechte, die Verfolgung von Oppositionellen oder fehlende Pressefreiheit in Turkmenistan beklagen, berührt Präsident Nijasow nicht. Zugegeben: Manchmal macht er im Umgang mit der westlichen Presse eine unglückliche Figur. Dafür ist er gewieft beim Geldverdienen: Turkmenistan verfügt über riesige Erdgasvorkommen. Der Export sorgt für volle Staatskassen. Einst belieferte der genialste aller Turkmenen die Taliban im benachbarten Afghanistan mit Strom. Jetzt soll er außerdem beim Drogenhandel abkassieren.

Oppositionelle, soweit sie nicht in irgendwelchen Gefängnissen sitzen, haben schon längst das Land verlassen. Dem turkmenischen Volk dämmert es: Die "Nijasow-Ära", die – so die Medien Turkmenistans – im Universum offiziell 1991 begonnen hat, wird sich noch eine Weile hinziehen. Zum Schaden des Landes und seiner Bürger. Das ist ein Skandal. Ebenso skandalös ist es aber, dass das Schicksal Turkmenistans in der freien Welt eigentlich niemanden interessiert!

  • Datum 12.10.2002
  • Autorin/Autor Miodrag Soric
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2jmT
  • Datum 12.10.2002
  • Autorin/Autor Miodrag Soric
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