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Bildung

Turbo-Abi: Schneller ist nicht immer besser

Für deutsche Abiturienten ist Prüfungszeit. Ein Großteil hat 12 Schuljahre mit "G8" hinter sich, wie fast überall auf der Welt. In Deutschland allerdings wollen viele das "G9", das Abitur nach 13 Schuljahren, zurück.

Vor gut zehn Jahren wurde es eingeführt, und wohl genauso lange steht es in der Kritik:

Das achtjährige Gymnasium

mit dem Abitur nach insgesamt 12 Schuljahren - auch G8 oder "Turbo-Abi" genannt. Die Hochschulzugangsberechtigung nach der Jahrgangsstufe 12 überfordere die Schüler und führe zu einem Verlust an Lebensqualität und sozialen Kontakten, heißt es. Die Jugendlichen seien erhöhtem Stress und Leistungsdruck ausgesetzt, für Sportvereine oder andere außerschulische Aktivitäten bliebe kaum noch Zeit. "Bei uns in Gießen haben die Musikschulen irgendwann die Schulen angeschrieben und gebeten, doch wieder zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren. Viele Kinder hatten wegen ihrer Hausaufgaben einfach keine Zeit mehr für Chor oder Instrumentenunterricht", erzählt Andreas Bartels, der sich in Hessen in einer Elterninitiative dafür eingesetzt hat, dass Schüler in dem Bundesland wieder die Möglichkeit haben, ihr Abitur nach 13 Jahren abzulegen.

Kritik: G8 verstärkt soziale Auslese in der Bildung

Eine Banane, ein Apfel und ein Schokoriegel liegen vor Beginn der Abiturprüfung im Fach Deutsch neben dem Prüfungsroman 'Der Prozess' von Franz Kafka auf einem Tisch (Foto: dapd)

Der Lehrstoff würde nur noch durchgepaukt, kritisieren Gegner des achtjährigen Abiturs

Deutsche Schulabgänger sollten jünger werden, mit dieser Intention ging "G8" vor etwa zehn Jahren an den Start. Im internationalen Vergleich seien die Studien- und Berufsanfänger zu alt. Bis sie der Wirtschaft als Fachkräfte zur Verfügung stünden, dauere es zu lange. Die Kultusminister machten es sich einfach: Sie reduzierten die Zeit bis zum Abitur um ein Jahr, der Lehrstoff, der in der kürzeren Zeit bewältigt werden sollte, blieb jedoch unverändert. "Der Stoff wird einfach durchgepaukt", so Bartels, "ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen entwickelt sich da nicht." Außerdem bräuchten mehr Schüler Nachhilfe, und wer sich das nicht leisten könne, schaffe es nicht bis zum Abitur. "Die

soziale Auslese

wurde verstärkt", kritisiert Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Bundesländer wenden sich von G8 ab

In fast allen Bundesländern protestieren Eltern seit Jahren vehement gegen das achtjährige Gymnasium - und sie finden zunehmend Gehör: Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben an ausgewählten Modell-Gymnasien die Rückkehr zur 13. Klasse erlaubt, andere Bundesländer bieten Schulmodelle, bei denen sowohl zwölf als auch 13 Jahre möglich sind. Ende März nun kündigte Niedersachsen an, nach den Sommerferien 2015 als erstes Bundesland ganz zum Abitur nach 13 Schuljahren zurückzukehren. Wo Eltern und Schüler bereits die Wahl zwischen G8 und G9 haben, entscheiden sich 80 bis 90 Prozent für die neunjährige Form. Eine aktuelle Umfrage des Forsa-Instituts bestätigt, dass bundesweit 72 Prozent der Bevölkerung für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium plädieren.

Bildungsforscher: Rückkehr zu G9 ist keine Lösung

Ein Mädchen schreibt eine Klausur (Foto: Fotolia/Moritz Wussow)

G8-Absolventen sind zwar jünger, unterscheiden sich aber sonst kaum von den G9-Abiturienten - so argumentieren die Befürworter des Turbo-Abis

"Das G8 für alle ist überholt", brachte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle kürzlich im Münchner Merkur die Stimmung auf den Punkt. Und fügte hinzu: "Das G9 für alle aber auch." Denn eine flächendeckende Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in der Form, wie es lange in Westdeutschland üblich war, lehnen Schulforscher ebenfalls ab. Immerhin erfüllt G8 seinen Zweck:

Die Absolventen sind jünger

und - so zeigen aktuelle Studien der Universität Duisburg-Essen - unterscheiden sich kaum von den Schülern, die auf dem Gymnasium neun Jahre bis zum Abitur Zeit haben. Weder bei den Noten noch bei der gesundheitlichen und zeitlichen Belastung konnten die Forscher nennenswerte Unterschiede feststellen. Auch die Durchfallquote bei Prüfungen ist nicht höher. Auffällig war jedoch der stärkere Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien in G8-Jahrgängen. Anders als viele deutsche Eltern sehen Eltern ausländischer Herkunft ein "Turbo-Abitur" als Aufstiegschance für ihre Kinder.

Im Ausland sind zwölf Schuljahre bis zum Abitur üblich

"Was wir hier treiben, ruft international Amüsement oder Kopfschütteln hervor", so Bildungsforscher Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund. In nahezu allen Ländern der Welt könnten Schüler die Hochschulreife nach zwölf Schuljahren erlangen. Beschwerden über zu wenig Freizeit oder zu wenig Zeit für außerschulische Aktivitäten gebe es trotzdem kaum. Auch für Deutschland lässt Bos diese Einwände nicht gelten: "In Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg etwa können Schüler auf eine Gesamtschule gehen oder auf ein berufliches Gymnasium. Dort kann man sein Abitur ohne Probleme nach 13 Jahren machen - und trotzdem fünfmal die Woche Basketball trainieren oder ein Instrument lernen." Auch in anderen Bundesländern gebe es alternative Möglichkeiten, um ein Jahr länger für das Abitur Zeit zu haben.

Für die Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands könnte es problematisch sein, das Gymnasium wieder generell zu verlängern. "Wir hatten im letzten Jahr erstmals

mehr offene Ausbildungsstellen als Bewerber

, die Arbeitnehmer müssen für immer mehr alte Menschen aufkommen. Wir müssen nach wie vor daran interessiert sein, dass die jungen Leute früh in den Arbeitsmarkt eintreten." Zudem, so Bos, koste ein zusätzliches Schuljahr prozentual schlicht mehr Geld, das wiederum die Steuerzahler aufbringen müssten. "Man muss wieder andere Schulbücher haben, man muss die Curricula wieder abändern, man muss Unterrichtspläne und Dienstpläne umstellen. Sinnvoll ist das nicht."

Mehr Flexibilität gefordert

Schüler schreiben in Byern ihre Abiturprüfung (Foto: dpa)

Ein möglicher Kompromiss: Eltern und Schüler sollen selbst zwischen G8 und G9 wählen können

Dennoch: Viele Eltern möchten ihr Kind auf ein Gymnasium schicken, auch wenn sie nur eine eingeschränkte Empfehlung für diese Schulform haben. Mit mehr Zeit könnten sie besser mit dem Lernstoff klar kommen. Auch an Gymnasien sollten Eltern und Schüler daher selbst entscheiden können, ob sie acht oder neun Schuljahre bis zum Abitur für angemessen halten, wünscht sich Andreas Bartels von der Hessischen Elterninitiative. Gymnasien sollten für beide Fälle Angebote bereithalten. Motivierte und leistungsstarke Schüler etwa könnten die Möglichkeit bekommen, eine Klasse zu überspringen.

Auch Gewerkschafterin Ilka Hoffmann hält es für sinnvoller, dass sich an eine Sekundarstufe bis Klasse 10 "eine flexible Oberstufe anschließt, die in zwei bis vier Jahren durchlaufen werden kann". Wichtiger als die Diskussion über G8 oder G9 sei es, die Oberstufe inhaltlich zu reformieren. "Wir fordern ein Gymnasium, in dem Schüler in der Oberstufe freier nach ihren Interessen und Neigungen wählen können", so Hoffmann, "und in dem Wert auf soziales Lernen, Arbeitsweltorientierung und Persönlichkeitsentwicklung gelegt wird."

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