1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Tunesiens süßer Exportschlager

Die meisten Datteln, die man in Deutschland im Regal findet, stammen aus Tunesien. Sie gehören zu den besten weltweit. Sarah Mersch war bei der Ernte in der tunesischen Wüste.

Noch bevor man sich versieht klettert ein Arbeiter barfuß die Dattelpalme hoch. Nur mit einer Art Steiggürtel ist er notdürftig gesichert. Auf fünf Meter Höhe schneidet er mit einer Sichel die Zweige ab und lässt die Früchte an einem Seil zum Boden herab. Nach wenigen Minuten ist die nächste Palme dran.

So geht das den ganzen Vormittag auf der Dattelplantage von Mansour Jebb in Barghouthia, einem Dorf am Rande der tunesischen Wüste. Mehrere Wochen brauchen die Arbeiter, um die rund 70 Hektar der dortigen Agrarkooperative abzuernten. Die Datteln werden von Hand vorsortiert, gekühlt und in den Rest des Landes und ins Ausland transportiert.

Neben dem Olivenöl sind die Datteln das wichtigste Agrarerzeugnis Tunesiens. Denn obwohl die süßen Früchte nur  sechs Prozent der landwirtschaftlichen Produktion ausmachen, sind sie für knapp 20 Prozent der Exporteinnahmen des Mittelmeerstaates verantwortlich. Andere Staaten in der Region exportieren viel größere Mengen, doch nur die tunesischen "Finger des Lichts", die goldgelb schimmern und fast transparentes Fruchtfleisch haben, erzielen auf dem Weltmarkt hohe Preise.

Tunesien Datteln (DW/S. Mersch)

Nach der Ernte werden die Datteln vorsortiert

Das Leben dreht sich nur um die Dattel

Bei 465 Millionen Dinar, rund 190 Millionen Euro, lag der Erlös in der vergangenen Saison. So süß und mineralstoffreich seien die kleinen Früchte, dass man in der Wüste wochenlang nur mit Datteln und Wasser überleben könnte, erzählen die tunesischen Dattelbauern.

Im Süden des Landes, am Nordrand der Sahara, dreht sich der Lebensrhythmus traditionell um die Palmen. Nur sie können den extremen klimatischen Bedingungen dauerhaft standhalten. Seit die Touristen aus Angst vor Sicherheitsproblemen wegbleiben, sind die Datteln oft die einzige Einnahmequelle der Bevölkerung.

"Wenn die Ernte gut war, dann tragen alle ein Lächeln auf den Lippen", erzählt Kleinbauer Ali. Auf dem Dattelmarkt der Provinzstadt Douz hofft er morgens um sechs auf einen Großhändler, der ihm die Ernte seiner sechzig Palmen abnimmt. "Wenn die Ernte schlecht war, dann wird nicht geheiratet und nicht gebaut. Die Dattelpalmen sind das Rückgrat der ganzen Region." Zwischen einem und zwei Dinar, 40 bis 80 Eurocent, erhält er pro Kilo.

50.000 bis 60.000 Familien des Elf-Millionen-Einwohnerstaates Tunesien leben von der Dattelpalme, schätzt Nabila Kadri, Agronomin und Forscherin am staatlichen Dattelzentrum. Denn der Dattelanbau ist sehr arbeitsintensiv: von der Bestäubung bis zur Ernte muss alles von Hand erledigt werden. Immer wieder kommt es dabei zu tödlichen Unfällen, wenn Arbeiter von den Bäumen stürzen, denn je älter die Palmen, desto rutschiger sind auch die Stämme.

Tunesien Datteln (DW/S. Mersch)

Am beliebtesten ist die Sorte Deglet Nour ("Finger des Lichtes)

Bioprodukte für Europa

Für den europäischen Markt stellen inzwischen immer mehr Betriebe auf biologischen Anbau um. Die Kooperative von Barghouthia bewirtschaftet schon seit zehn Jahren knapp die Hälfte der Fläche in biologischer Landwirtschaft. "Für uns rentiert sich das, denn wir haben einen Vertrag mit einem Exporteur. Die meisten Datteln gehen nach Deutschland und in die Schweiz", erzählt Mansour Jebb. In seinem Heimatland sind Bioprodukte noch eine Ausnahme, auch wenn sich in den reicheren Regionen im Norden des Landes inzwischen erste Biomärkte gründen.

Doch die Rekorderlöse können nicht darüber hinwegtäuschen, dass den tunesischen Dattelbauern schwierige Zeiten bevorstehen. Monokultur und Klimawandel sind die zwei großen Probleme, so Nabila Kadri. Weniger als 100 Millimeter Niederschlag verzeichnet die Region im Durchschnitt pro Jahr, gleichzeitig werden die Sommer immer länger und heißer. Temperaturen von 45° C im Schatten sind dabei keine Seltenheit. "Vor fünfzehn Jahren wurde im Dezember geerntet, jetzt beginnt die Ernte schon Ende Oktober", berichtet Kadri. Durch die hohen Temperaturen werden die Datteln zu früh reif. "Das wirkt sich negativ auf die Qualität aus, die Datteln werden dunkler und trockener."

Tunesien Datteln (DW/S. Mersch)

Auf dem Dattelmarkt von Douz verhandeln Kleinbauern und Großhändler über die Preise

Der Monokultur trotzen

Da sich die meisten Bauern außerdem auf den Export konzentrieren, bauen viele nur noch die ertragreiche Deglet Nour-Sorte an. "Eigentlich gibt es in Tunesien rund 200 verschiedene Dattelsorten, aber viele sind vom Aussterben bedroht", so Kadri. In Nouaiel, nur wenige Kilometer von Barghouthia entfernt, wehrt sich Kilani Ben Abdallah vehement gegen diese Monokultur. Mit einigen anderen Bauern bewirtschaftet er 15 Hektar.

Auf seinem Stück Land baut er nicht nur Deglet Nour an, sondern auch andere Dattel-Sorten. Das Fruchtfleisch wird zu Sirup, Zucker oder Marmelade verarbeitet. Aus den gemahlenen Kernen stellt man in der Region traditionell eine Art Kaffee-Ersatz her. Ben Abdallah betreibt noch die traditionelle Etagenwirtschaft: ganz oben die Dattelpalmen, darunter stehen Obstbäume wie zum Beispiel Feigen, Aprikosen und Granatäpfel, und am Boden wachsen Gemüse und Kräuter. "Wir bauen alles an, was in einer Oase wachsen kann. Ohne Etagen kann man nicht von einer richtigen Oase sprechen." Im Gegensatz zu den Dattelplantagen, wo nur Palmen stehen, wird so das feuchte Mikroklima bewahrt.