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Welt

Tunesien: Mediale Schlammschlacht

Ein tunesischer Fernsehsender soll eine gezielte Schmutzkampagne gegen eine NGO organisiert haben. Die Veröffentlichung einer geheimen Tonaufnahme sorgt für Aufregung. Sarah Mersch berichtet aus Tunis.

Mediale Schlammschlacht

„Kollaborateure, Spione, Korrupte! Diebe, Betrüger, die das Land zerstören wollen, bei den Arschlöchern arbeiten… so in diesem Stil!". Mit diesen und ähnlichen Worten versuchten Redakteure des Privatsenders Nessma TV offenbar die Mitarbeiter eines tunesischen Vereins zur Korruptionsbekämpfung zu diffarmieren. Anfang der Woche fand die geleakte Audioaufnahme aus einer Redaktionssitzung, bei der der Plan für die Schmutzkampagne angeblich besprochen wurde, ihren Weg ins Internet. Seither sorgt sie für erregte Diskussionen über den Zustand der tunesischen Presselandschaft.

Tunesien Nabil Karoui (picture-alliance/dpa)

Nabil Karoui soll versucht haben, mit seiner Berichterstattung Gegner zu diffarmieren

Zu hören sind in dem knapp fünfminütigen Mitschnitt der damalige Direktor des Senders, Nabil Karoui, und seine Chefredakteurin. Karoui, ein einflussreicher Geschäftsmann und ehemaliges Führungsmitglied der Regierungspartei Nidaa Tounes, schlägt unter anderem vor, Familien und die Verlobten der Vorstandsmitglieder des Vereins iWatch gezielt ins Visier zu nehmen. iWatch ist die tunesische Sektion von Transparency International und zählt zu den Organisationen, die mit am lautesten zum Kampf gegen Korruption in dem Land aufrufen. 

Verbrecher statt Journalisten?

Tunesien Nessma TV (picture-alliance/abaca/Balkis Press)

Gezielte mediale Attacken? Der Sender Nessma TV in der Kritik

Zwischen beiden Seiten schwelt schon seit dem Sommer 2016 eine Auseinandersetzung. iWatch hatte Nabil Karoui und seinen Bruder damals in einem Bericht unlauterer Geschäftspraktiken beschuldigt. „Kurze Zeit danach begannen die Einschüchterungsversuche gegen uns. Insofern gehen wir davon aus, dass die Tonaufnahme ungefähr aus diesem Zeitraum stammt", sagte Mouheb Garoui, Generalsekretär von iWatch, zur DW. Immer wieder attackierte Nessma TV in seinen Sendungen die Organisation und weigerte sich gleichzeitig, iWatch Sendezeit für eine Gegendarstellung einzuräumen. 

Erst Ende März war der Nessma-Journalist Amine Mtiraoui von einem Gericht in Tunis wegen der Diffamierung von iWatch-Mitarbeitern zu einer Geldstrafe von 4000 Dinar (rund 1600 Euro) verurteilt worden. Einem tunesischen Radiosender gegenüber gab Mtiraoui an, das Tondokument sei ein Zusammenschnitt, leugnete jedoch nicht seine Echtheit. Es handele sich lediglich um eine spontane Reaktion auf den Bericht der NGO. Der DW gegenüber wollte Mtiraoui sich nicht weiter zu den Vorwürfen äußern. Auch die Verantwortlichen des Senders waren nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. In einer kurzen Pressemitteilung gab Nessma TV bekannt, die Echtheit der Tonaufnahme weder bestätigt noch dementiert zu haben. Wer hinter der Veröffentlichung der Aufnahme steckt, ist unbekannt.

Enge Verstrickungen von Medien, Politik und Wirtschaft

Mediale Schlammschlacht in Tunesien (DW/S. Mersch)

Mouheb Garoui von iWatch

Unterdessen häufen sich in Tunesien die Solidaritätsbekundungen von Medienschaffenden und zivilgesellschaftlichen Organisationen mit der angegriffenen NGO. Der Fall sei nur die Spitze eines Eisbergs, sagen sie. Schon in der Vergangenheit hätten Sender und Zeitungen Nichtregierungsorganisationen angegriffen und ihnen vorgeworfen, die Interessen des Auslands zu vertreten und sich in innertunesische Angelegenheiten einzumischen. Dass dabei auch gezielt Schmutzkampagnen lanciert werden sollen, kam mit diesem Fall zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit.

In Tunesien hat sich die Presselandschaft seit dem politischen Umbruch 2011 und dem Wegfall der Zensur deutlich liberalisiert. Allerdings gibt es vor allem im Bereich der audiovisuellen Medien nach wie vor enge Verstrickungen zwischen Wirtschaft, Politik und Medien, wie zum Beispiel die Organisation Reporter ohne Grenzen in ihrem Medienbesitzmonitor zu Tunesien aufzeigt.

Die tunesische Staatsanwaltschaft hat mittlerweile angekündigt, auf Grund der Tonaufnahme eine Untersuchung einzuleiten. Das Finanzgericht gab außerdem an, wegen der Korruptionsvorwürfe, die iWatch im vergangenen Sommer vorgebracht hatte, gegen Karouis Firma zu ermitteln.

 

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