Tunesien: Jugendliche finden ihre Stimme durch das Radio | Nahost/Nordafrika | DW | 09.01.2018
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Nahost/Nordafrika

Tunesien: Jugendliche finden ihre Stimme durch das Radio

Jugendliche in Tunesien machen Radio und erzählen Geschichten, an die sich kommerzielle und staatliche Sender nicht heranwagen. Ein Besuch bei mutigen jungen Medienmacherinnen und -machern.

Tunesien DW Akademie Jugendradios (DW/K. El Kaoutit)

Bei den Jugendradios in Tunesien ist Teamarbeit gefragt

„Ich werde nie vergessen, wie die fünfzehnjährige Moderatorin den Bürgermeister befragt hat. Sie hat ihn ganz direkt gefragt: ‚Wo ist das Geld? Es gab 4 Millionen, aber der Architekt hat gesagt, es kamen nur 2 Millionen bei ihm an. Wo ist das restliche Geld?‘ Sie hatte überhaupt keine Scheu.“ Khalid El Kaoutit ist nachhaltig beeindruckt vom Mut der jungen Moderatorin.

Makthar ist eine Kleinstadt im nordtunesischen Bergland. Seit Jahren beklagen sich die Anwohner über eine ungesicherte Straße im Ort. Der Bau geht nicht voran. Es sollen Millionen Dinar wegen Korruption versickert sein, doch kaum jemand traut sich, Verantwortliche mit dem Thema zu konfrontieren. Anders die Macherinnen und Macher des örtlichen Jugendradios: Sie haben das Problem einfach zum Thema ihrer Sendung gemacht. In seiner Jugend in Marokko habe er solche Freiheiten nicht genossen, sagt Khalid El Kaoutit: „Die Jugendlichen hier stellen ganz selbstverständlich unbequeme Fragen.“

Der Geist der Revolution: Keine Angst vor kritischen Fragen

El Kaoutit ist Coach: Er unterstützt tunesische Jugendliche dabei, eigene Formate für das Radio zu entwickeln. Er sagt bewusst Coach und nicht Trainer, denn: „Training heißt für mich: Ich mache einen Workshop mit einem Ziel – zum Beispiel bringe ich bei, wie man eine Reportage macht. Aber als Coach schaue ich noch mehr auf die Bedürfnisse und wie ich die Begebenheiten vor Ort ordnen kann.“

Coachings finden in sechs Jugendradios statt, verteilt über das ganze Land. Diese Radios sind Teil der staatlichen Jugendhäuser. 24 solche Webradios gibt es schon, 2018 will das Ministerium weitere 24 aufbauen.

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Jugendradio in Tunesien

Das MIL-Projekt (Media and Information Literacy) in Kooperation mit dem tunesischen Jugendministeriums hat zum Ziel, die Medienkompetenz der Jugendlichen zu stärken. Sie sollen lernen, Medien kritisch zu nutzen und auch selbst aktiv zu werden – über schnelle Facebook-Posts hinaus.

Tunesien ist das Land, in dem der arabische Frühling seinen Ursprung hatte und bei dem die Demokratisierung am weitesten geht. Den Jugendlichen Mitsprache zu garantieren ist Programm – eine Besonderheit in vergessenen Gebieten wie Makthar, wo sonst Perspektiven oft völlig fehlen. 

Im Oktober 2017 fand das erste Coaching statt: Zusammen mit dem tunesischen Techniker Mohamed Hosni Bel Lakhel reiste Khalid El Kaoutit durch das ganze Land, von einer benachteiligen ländlichen Gegend in die andere. „Manchmal fuhr ich über das Land und dachte: ‚Gott, hat diese Menschen geschaffen – und sie dann hier vergessen‘. Es ist deprimierend zu sehen, wie wenig Infrastruktur für die Menschen da ist. Es gibt keine Arbeit, nichts zu tun. Es sind Gegenden der Trostlosigkeit. Da sind diese Jugendradios wie kleine Oasen. Hier pulsiert das Leben. Hier arbeiten Jugendliche und junge Erwachsene konstruktiv und gestalten ihre Heimatregion.“

Kreatives Chaos auf Sendung

Als Coach macht er den Jugendlichen so wenige Vorgaben für ihre Radiosendungen wie möglich. Zwei gab es dann aber doch: In jeder Sendung musste mindestens eine Stimme zu Wort kommen, die nicht zum Redaktionsteam gehört, zum Beispiel in Form von Straßenumfragen. Außerdem sollten die Jugendlichen vor jeder Sendung eine Frage auf Facebook posten und die Reaktionen darauf in der Sendung vorlesen. Einen Monat nach seiner ersten Reise kehrte El Kaoutit im November 2017 nach Tunesien zurück, um die jungen Medienmacherinnen und -macher erneut zu treffen.

Tunesien DW Akademie Jugendradios (DW/K. El Kaoutit)

Jung und unbefangen sind die Radiomacher und Radiomacherinnen in Metline, Tunesien

Viel hat sich seit seinem ersten Besuch geändert: „Am Anfang war das ein kreatives Chaos und alles passierte live, einmal mit 13 Leuten im Studio. Wenn einem etwas eingefallen ist, hat er einfach ins Mikrofon gesprochen, ohne zu wissen, ob das überhaupt an ist“, sagt El Kaoutit. Das sei inzwischen anders: Hinter das Mischpult dürfen jetzt nur noch Techniker, und im Studio sind maximal so viele Personen wie es Mikros gibt.

Außerdem arbeiten die Jugendlichen nach einem groben Sendeplan und wissen, wer wann was macht. „Diese Regeln sollen ihnen das Produzieren erleichtern, aber auch dem Publikum das Zuhören vereinfachen“, sagt El Kaoutit. Als Coach steht er zwischen zwei Stühlen: Er will die Spontanität und die Begeisterung der Jugendlichen nicht verlieren, auf der anderen Seite muss er ihnen helfen, sendefähige Radioqualität zu erzeugen. „Die Jugendlichen sollen durch die Regeln nicht zu sehr gehemmt werden“, sagt El Kaoutit.

Denn eigentlich waren es vor allem die Motivation und die Unbefangenheit der Jugendlichen, die El Kaoutit besonders in Erinnerung geblieben sind. Immer wieder würden von älteren Leuten Tabuthemen genannt, Sexualität etwa oder Politik und Religion. Aber die Jugendlichen würden sich oft nicht daran halten. Für El Kaotutit hat das damit zu tun, dass sie sich kaum noch an die Zeit vor der Revolution 2011 erinnern. „Sie waren damals Kinder. Die Freiheit und das Chaos seit der Revolution sind selbstverständlich für sie. Sie kennen das Obrigkeitsdenken von zuvor gar nicht mehr. Das ist eine riesige Chance.“

Das Projekt „ Augen auf! Tunesiens Jugend nutzt das Internet kritisch“ ist finanziert vom Auswärtigen Amt. Es wird 2018 fortgeführt und auf Marokko ausgeweitet. Ansprechpartner: Bernd Rößle (Regionalkoordinator Nordafrika der DW Akademie), Vera Möller-Holtkamp (Projektmanagerin)

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