1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

DDR

"Tun Sie, was Sie nicht lassen können" - Die Honecker-Verhaftung vor 25 Jahren

Vom Thron in den Knast: Die letzten Jahre seines Lebens war Erich Honecker ein Gejagter, Obdachloser, Exilant und Häftling. Der ehemals mächtigste Mann der DDR fiel mit seinem Staat. Am 29. Juli 1992 wurde er verhaftet.

Mit zehn Jahren wurde Erich Honecker zum Kommunisten. Damals, im Jahr 1922, trat er - durch seinen sozialistischen Vater geprägt - der kommunistischen Kinderorganisation "Jung-Spartakus-Bund" bei. Ab 1929 war er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Als unter Adolf Hitler Kommunisten zu Verfolgten wurden, legte sich Honecker den Decknamen "Martin Tjaden" zu, arbeitete im Untergrund, organisierte kommunistische Jugendtreffs. Doch der Alias schützte ihn nicht vor der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei der Nazis. Am 4. Dezember 1935 griff sie ihn auf, zwei Jahre später wurde Erich Honecker von NS-Richtern zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt - wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat.

Machtfülle bis zum Mauerfall

Es sollte nicht der letzte Gefängnisaufenthalt seines bewegten Lebens bleiben - und zwar am Ende der machtvollen Phase, die für ihn nach dem Zweiten Weltkrieg begann: Honecker machte in der Deutschen Demokratischen Republik Karriere, bis er 1971 Chef der Sozialistischen Einheitspartei (SED) wurde und 1976 zum Staatsratsvorsitzenden der DDR aufstieg. Eine Machtfülle, die er bis kurz vor dem Mauerfall im November 1989 innehatte. Doch weil er es versäumt hatte, auf den Reformkurs im Ostblock einzuschwenken, erodierte sein Regime. Honecker wurde im Oktober 1989 entmachtet, am 9. November fiel die Mauer und kaum ein Jahr später waren die beiden deutschen Staaten wiedervereinigt. Schwer krank - Honecker hatte Nierenkrebs - und ohne Wohnung fand der Ex-Machthaber gemeinsam mit seiner Frau Margot ausgerechnet Zuflucht bei einer Pastorenfamilie in Brandenburg.

Eine skurrile Situation - wurde doch die Kirche in der DDR unterdrückt, wurden die Kinder der Pastorenfamilie allesamt nicht zur Oberschule zugelassen. Zurückgezogen im kirchlichen Schutz verfolgten Honeckers im Fernsehen die sich überschlagenden Ereignisse in ihrem zerfallenden Staat, bis am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit ausgerufen wurde. Die DDR war damit Geschichte. Honeckers Staat trat der Bundesrepublik bei. Nun galt auch im Osten bundesdeutsches Recht. Nur ein paar Wochen später, am 30. November 1990 erließ die Justiz einen Haftbefehl gegen Erich Honecker - wegen der Todesschüsse an der deutsch-deutschen Grenze.

Berliner Mauer am Potsdamer Platz (1980) (picture-alliance/Dieter Klar)

Berliner Mauer am Potsdamer Platz (1980): Hochgerüstet zum Todesstreifen

Um dem Prozess zu entkommen, flüchteten Erich und Margot Honecker heimlich über einen sowjetischen Militärflughafen nach Moskau. Die Bundesregierung aber wollte Honecker vor Gericht sehen - und übte Druck auf Russland aus, die beiden Exilanten zurückzuschicken. Das Ehepaar flüchtete weiter, diesmal in die chilenische Botschaft in Moskau. Ein Freundschaftsdienst - denn Botschafter Clodomiro Almeyda hatte während der Pinochet-Diktatur selbst politisches Asyl in der DDR genossen. Doch die Bundesregierung ließ nicht locker und erreichte schließlich, dass Erich Honecker ausgeliefert wurde und sich seiner Anklage in Deutschland stellen musste. Seine Frau Margot flog von Moskau aus direkt ins nächste Exil - nach Chile, wo schon ihre Tochter Sonja wartete.

Erneute Haft

Am 29. Juli 1992 verließ Honecker, die Faust zum kommunistischen Gruß erhoben, die chilenische Botschaft in Moskau, wurde nach Deutschland  geflogen und nach seiner Landung in Berlin festgenommen. Auf seinem Weg ins Gefängnis Moabit begleiteten ihn Rufe von Zuschauern: "Mörder, Mörder".

Die ersten Wochen waren gefüllt mit Diskussionen und Gutachten zu Erich Honeckers Gesundheit. Seine Ärzte in Russland, die zuerst per Ultraschall eine Metastase in der Leber festgestellt hatten, stellten drei Wochen später die überraschende Diagnose, er habe gar keinen Krebs. Honeckers Auslieferung nach Deutschland wurde so erst möglich gemacht und der Ex-Staatsmann als eingebildeter Kranker und Simulant dargestellt. Dabei hatte sich sein Krebs sogar noch ausgebreitet - wie dann in Deutschland festgestellt wurde.

Erich Honecker auf dem Weg ins Gefängnis Moabit (1992) (picture-alliance/dpa/P. Kneffel)

Erich Honecker auf dem Weg ins Gefängnis Moabit (1992): "Mörder, Mörder"

Trotzdem wurde vor dem Landgericht Berlin der Prozess gegen Erich Honecker und vier Mitangeklagte am 12. November 1992 eröffnet. Die Anklage: Totschlag und versuchter Totschlag in 68 Fällen an der innerdeutschen Grenze, die Honecker in seiner Zeit an der DDR-Spitze hatte zu einem Todesstreifen hochrüsten lassen

Honeckers politisches Testament

"Der unnatürliche Tod jedes Menschen in unserem Land hat uns immer bedrückt," verteidigte sich Honecker am 3. Dezember 1992. "Der Tod an der Mauer hat uns nicht nur menschlich betroffen, sondern auch politisch geschädigt. Vor allen anderen trage ich seit Mai 1971 die Hauptlast der politischen Verantwortung dafür."

Neben diesem Moment der Einsicht beharrte Erich Honecker allerdings darauf, dass der Bau und die Aufrüstung der Mauer "richtig war und richtig blieb, bis die Konfrontation zwischen den USA und der UdSSR beendet war".

Und die war für ihn lange nicht beendet. Sein Prozess - für ihn nur eine Weiterführung der Verfolgung von Kommunisten und Sozialisten, dessen Opfer er im Dritten Reich selbst wurde.

"Meine Situation in diesem Prozess ist nicht ungewöhnlich. Der deutsche Rechtsstaat hat schon Karl Marx, August Bebel, Karl Liebknecht und viele andere Sozialisten und Kommunisten angeklagt und verurteilt", so Honecker in einer 70-minütigen Erklärung vor Gericht.

Der Angeklagte klagt an

Als hätte der Angeklagte eine Mauer im Kopf, die Ost und West in Gut und Böse einteilt, wurde aus Honecker auch ein Ankläger, der vor dem Berliner Landgericht scharfe Kritik an der bundesdeutschen Justiz übte: "Der Rechtsstaat BRD ist kein Staat des Rechts, sondern ein Staat der Rechten." Seine Erklärung beendete er mit dem Satz: "Tun Sie, was Sie nicht lassen können!"

Zur Verhandlung kam es jedoch gar nicht - denn immer wieder neue Gutachten zu Honeckers Gesundheitszustand wurden eingeholt. Ein Vertreter der Nebenklage stellte sogar die Theorie auf, Honecker sei gar nicht krebskrank, sondern lediglich von einem Fuchsbandwurm befallen. Außerdem stellte er in Raum: Auf der Anklagebank säße eigentlich gar nicht Erich Honecker, sondern ein Double.

Erich Honecker mit seiner Ehefrau Margot am Flughafen in Santiago de Chile (1993) (picture-alliance)

Erich Honecker mit seiner Ehefrau Margot am Flughafen in Santiago de Chile (1993): Mauer im Kopf

Als auch noch einer der Richter, Hansgeorg Bräutigam, Honecker um ein Autogramm bat, geriet der Prozess vollends aus den Fugen. Richter Bräutigam wurde wegen Befangenheit abgesetzt und wenige Tage später, am 12. Januar 1993 setzte das Landesgericht Berlin einen Schlussstrich: Honecker sei zu krank, das Verfahren verletze seine Menschenwürde. Eines der spektakulärsten Gerichtsverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte endete ohne Urteil.

Freier, kranker Mann

Und Honecker behielt recht, als er in seiner Erklärung  vor Gericht sagte: "Ich bin nicht derjenige, der die Bilanz der Geschichte der DDR ziehen kann. Die Zeit dafür ist noch nicht gekommen. Die Bilanz wird später und von anderen gezogen werden."

Gleich am nächsten Tag bestieg Erich Honecker ein Flugzeug, das ihn zu seiner Familie nach Chile brachte. Dort lebte er gemeinsam mit seiner Frau Margot und der Familie seiner Tochter Sonja das letzte Jahr seines Lebens von einer schmalen Rente aus der Bundesrepublik und von Spenden "internationaler Solidarität". Am 29. Mai 1994 starb der einst mächtigste Mann der DDR in seinem Exil in Santiago de Chile.

Die Redaktion empfiehlt