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Nahost

Tumulte in der Synagoge

Darf man in Deutschland Israel kritisieren? Können Juden Antisemiten sein? Um diese Fragen ging es bei einer Podiumsdiskussion in der jüdischen Gemeinde in Berlin. Und sie begann direkt mit einem Eklat.

Ein Mitglied der Jüdischen gemeinde in Berlin (Foto:dpa)

Wie kritisch dürfen Juden in Deutschland Israel gegenüber sein?

Es war schon ungewöhnlich, was sich in der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin in dieser Woche abspielte: Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, rief die Polizei zu Hilfe, um junge Israelis aus der Synagoge werfen zu lassen. Wie war es dazu gekommen?

Erinnerungskultur und Antisemitismus

Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins (Foto:dpa)

Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins

Die Gemeinde hatte drei Journalisten zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Thema war der Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus. Auf dem Podium saßen Ines Pohl, Chefredakteurin der Berliner Tageszeitung "taz", Thomas Schmid, Herausgeber der Zeitung "Die Welt", und Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegels".

Anlass der Diskussion war ein Artikel der israelischen Friedensaktivistin Iris Hefets, den die "taz" im März veröffentlicht hatte. Darin hatte die in Berlin lebende Autorin Israel vorgeworfen, das Gedenken an den Holocaust in einen Kult zu verwandeln. In Deutschland benutze man die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden, um Israel-Kritiker mundtot zu machen. So hätten etwa politische Stiftungen, wie die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung und die der Linken nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung den israelkritischen amerikanischen Historiker Norman Finkelstein von öffentlichen Veranstaltungen ausgeladen.

Die Autorin selbst war zu der Diskussion in der Synagoge nicht eingeladen worden. Und so konnte sie auch nicht auf die scharfen Angriffe von Lala Süsskind antworten, die Hefets in eine rechtsextreme Ecke rückte und als Antisemitin bezeichnete.

Proteste und Tumulte

Aus Protest gegen den Ausschluss der Autorin erhoben sich nun überall im Saal überwiegend junge Israelis und hielten Schilder hoch mit der Aufschrift "Wir sind alle Iris Hefets", was zu heftigen Tumulten führte. Taz-Chefredakteurin Ines Pohl versuchte, zu vermitteln und schlug vor, die Autorin, die vor der Tür der Synagoge bereit stand, hereinzubitten. Doch dieser Vorschlag stieß weder auf dem Podium noch beim Publikum auf Zustimmung. Unflätige Beschimpfungen fliegen durch den Raum, ein Zuhörer ruft aufgebracht: "Sie produzieren antisemitischen Dreck!". Daraufhin verließ auch Pohl unter Protest den Saal.

Die nun auf dem Podium verbliebenen zwei Journalisten und Moderator Thierry Chervel, die sich weitgehend einig waren, hatten nicht viel Erhellendes beizusteuern, und so schleppte sich die anschließende Debatte eher zäh und in eingefahrenen Bahnen dahin. Zum Schluss bilanzierte Tagesspiegel-Chefredakteur Casdorff: "Ich finde, ich bin heute kein Stück weiter gekommen."

Debatte vor der Tür

Die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin

Die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin

Wesentlich lebhafter ging es inzwischen draußen vor der Tür auf der viel befahrenen Oranienburger Straße zu, wo sich die Israelis getroffen hatten, die des Saales verwiesen worden waren. Viele von ihnen leben in Berlin, weil sie die verfahrene Situation in ihrer Heimat nicht mehr aushalten. In Deutschland haben sie, zusammen mit deutschen Juden, die Organisation "Die jüdische Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten" gegründet, die sich für einen Dialog mit den Palästinensern einsetzt.

Iris Hefets ist Vorstandsmitglied der "Jüdischen Stimme". Sie ärgere sich darüber, dass die jüdische Gemeinde in Deutschland sich zum Sprachrohr Israels mache. "Sie sprechen nicht für Israel, sie sprechen nicht für die Israelis, sie sprechen für die politische Klasse in Israel", sagt sie. Noch mehr ärgere es sie aber, dass nichtjüdische Deutsche ihr den Mund verbieten wollten. Das könne sie nicht akzeptieren. Sie könne verstehen, dass die Deutschen Hemmungen hätten, Kritik an Israel zu äußern. "Aber dass sie auch uns, Juden und Israelis, den Mund verbieten wollen, das finde ich unmöglich." Die drei Journalisten auf dem Podium in der Synagoge würden ihr Geld damit verdienen, dass sie die deutsche Regierung kritisierten. Gleichzeitig wollten sie ihr, der Israelin, das Recht streitig machen, die israelische Regierung zu kritisieren.

Sie habe damit gerechnet, dass es auf ihren Artikel heftige Reaktionen geben werde. "Ich habe eine heilige Kuh getreten", sagt sie schmunzelnd. "Darum musste ich damit rechnen, dass diese heilige Kuh auch ein Häufchen macht."

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Thomas Latschan