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Politik & Gesellschaft

Tugce-Prozess Tag Zwei: viele offene Fragen

Im Prozess um den Tod der Studentin Tugce wurden am Montag die Freundinnen des Opfers befragt. Diese erinnern sich unterschiedlich an den Ablauf der Ereignisse in der Tatnacht. Sonja Jordans aus Darmstadt.

Tag zwei im Prozess um den Tod von Lehramtsstudentin Tugce Albayrak. Die junge Frau war im November vergangenen Jahres in einem Schnellrestaurant im hessischen Offenbach mit einem 18-Jährigen in Streit geraten. Sie soll zuvor zwei jungen Mädchen, die von dem Jungen und seinen Freunden belästigt worden sein sollen, Hilfe angeboten und die Jungs in ihre Schranken gewiesen haben. Kurz darauf, auf dem Parkplatz vor dem Restaurant, eskalierte die Situation schließlich: Der Junge und Tugce gerieten erneut aneinander, er schlug Tugce, diese fiel daraufhin um und ins Koma. Wenige Tage später ließen ihre Eltern die Maschinen abschalten, die Tugce bis dato am Leben erhalten hatten.

Seit Freitag muss sich Sanel M. wegen des Schlags vor dem Landgericht in Darmstadt verantworten. Der Angeklagte hatte den Schlag zu Prozessbeginn eingeräumt. So weit, so schwierig. Denn wie es zu jenem verhängnisvollen Schlag kam, ist immer noch nicht klar. Das Gericht muss mühsam klären, was dem Tod Tugces vorausging. Auch die Videoaufnahmen einer Überwachungskamera des Restaurants haben kaum Licht ins Dunkle gebracht – eher im Gegenteil. Das zeigt sich am Montag bereits kurz nach Prozessbeginn, als Tugces Freundinnen aussagen. "Ich bin total verwirrt, seit ich dieses Video gesehen habe", sagen mehrere der befragten Zeuginnen an jenem Tag.

Der Angeklagte Sanel M. (l) verbirgt im Gerichtssaal sein Gesicht hinter einem braunen Umschlag, Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Wann hat der Angeklagte Sanel M. was gesagt und wann hat er was gemacht?

"Bitte spekulieren Sie nicht, sagen Sie nur, was sie tatsächlich gesehen haben", muss der Richter immer wieder einhaken. Doch das ist leichter gesagt als getan. Das Video war kurz nach der Tat im Internet aufgetaucht, eine kommentierte Version wurde zudem von einer Zeitung veröffentlicht und hat die Erinnerungen der Mädchen durcheinandergebracht. Es zeigt, in schlechter Qualität, die letzten Sekunden bis zum Schlag, den Sanel M. eingeräumt hatte.

Unterschiedliche Erinnerungen an die genauen Abläufe des Abends

Ob Sanel M. das Mädchen Tugce nun mit der echten oder der linken Hand geschlagen hat, wo er stand, wo sie stand, wer auf wen zuging, all das ist den Zeuginnen inzwischen nicht mehr klar. "Ich weiß nicht" ist der wohl am häufigsten gesagte Satz des Tages. Lediglich bei den Eckdaten jener verhängnisvollen Nacht sind sich die Mädchen einig: Eine fröhliche Geburtstagsfeier sollte der Abend sein. Ein Mädchen aus der Gruppe war 21 Jahre alt geworden. "Wir waren erst in einem Club, danach sind wir zu Mc Donalds", sagen die Freundinnen aus. Einig sind sich die Befragten auch, dass Sanel und seine Freunde bereits "rumgestresst" hätten, als die Mädchengruppe das Schnellrestaurant betreten hatte. "Es kamen sofort Beleidigungen und Beschimpfungen", heißt es unisono.

Doch dann wird es ungenau. "Wir haben gegessen, und plötzlich ist Tugce aus dem Nichts aufgesprungen, hat ihr Tablett auf den Tisch geschmissen und ist zu den Toiletten nach unten gegangen", schildert etwa Zeugin Alma. Ob Tugce laute Stimmen oder eine Diskussion aus dem ein paar Treppenstufen tiefer gelegenen Toilettenbereich gehört habe und deswegen hochgesprungen war, wisse Alma nicht mehr. "Es war laut, da war viel los um diese Zeit". Ihre Schwester Aidina dagegen hatte kurz zuvor ausgesagt, Tugce habe Streit gehört, habe deswegen ihr Tablett "hingeschmissen" und sei die Treppe hinabgerannt. "Ich bin hinterher".

Und wieder sagen die Mädchen unterschiedlich aus. Eine der Zeuginnen berichtet, Sanel sei kurz darauf von einem Sicherheitsmitarbeiter "im Schwitzkasten" die Treppe hinaufgeführt und aus dem Restaurant geworfen worden. "Dabei hat er Tugce bedroht und gesagt, du wirst schon sehen, was du davon hast", so eine Zeugin vor Gericht. Das jedoch hatte sie in ihrer polizeilichen Vernehmung kurz nach der Tat nicht berichtet. Das Gericht weist darauf hin, doch die Zeugin beharrt auf ihrer Aussage. "So war es".

"Nur ein paar Sekunden, dann war alles vorbei"

Eine andere Zeugin sagt, Sanel habe Tugce lediglich mit einem "bösen Blick" bedacht. Draußen auf dem Parkplatz sei die Situation plötzlich eskaliert. "Wir kamen später mit dem Auto an und haben da schon gesehen, dass was los ist", sagt eine weitere Freundin von Tugce aus. Ein Pulk Jungs und die Mädchen um Tugce hätten "Stress" gehabt. "Es ging hin und her, da wurden die Mütter beleidigt von A bis Z", berichtet die Zeugin. Irgendwann habe Sanel sowohl Tugce als auch ihre Mutter beleidigt, sie als "Nutten" beschimpft. Tugce habe daraufhin "Hurensohn" entgegnet.

Tugce A. Prozess in Darmstadt

Frauen solidarisieren sich in Darmstadt mit Tugce

Wann und wo, ob Tugce dabei auf Sanel zuging oder dieser auf Tugce, auch darüber berichten die Zeuginnen unterschiedlich. "Ich weiß nicht, das Video hat mich verwirrt", heißt es wieder. Doch in einer Sache sind sich plötzlich wieder alle Zeuginnen einig: "Dann kam der Schlag". Daraufhin sei Tugce umgefallen "ohne Reaktion, wie ein Brett", sagt ein Mädchen. "Mit geschlossenen Augen, ohnmächtig" ein anderes. Aidina, angehende Krankenschwester, schildert unter Tränen, wie sie diese Minuten erlebte: "Tugce lag einfach da, überall war Blut". Sie habe ihrer Freundin den Kopf gehalten. "Ich habe versucht, sie zu stabilisieren, aber sie hat gekrampft". Aus ihrem linken Ohr sei Blut gelaufen. "Ich habe ihren Kopf festgehalten und ihr das Gesicht gesäubert". Alles sei sehr schnell gegangen. "Nur ein paar Sekunden, dann war alles vorbei und sie lag einfach da".

Außer den Freundinnen Tugces sollen an den nächsten Verhandlungstagen auch die Freunde des Angeklagten Sanel M. befragt werden. 60 Zeugen hat das Darmstädter Gericht geladen und zehn Verhandlungstage dafür angesetzt. Das Urteil wird Mitte Juni erwartet.