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Asien

'tschuldigung, Festlandchina!

Wie die Taiwanesen das Festlandchina sehen, lässt sich an einem Facebook-Wettbewerb ablesen. Der Initiator spielt mit dem Ego des aufstrebenden Chinas, das für jeden vermeintlichen Fehler eine Entschuldigung verlangt.

Sich einfach mal öffentlich zu entschuldigen ist in der chinesischen Kultur schwierig. Sehr schwierig. Chinesen legen viel Wert auf Gesichtswahrung. Allenfalls hinter verschlossenen Türen bittet man um Nachsicht. Doch Wang Yi-kai, Inhaber einer Eisdiele auf der Inselrepublik Taiwan, hat die Kampagne "Entschuldige dich bei China" auf Facebook gestartet und erfährt unerwartet großen Zuspruch.

Mit dem Erstarken von Chinas Wirtschaftskraft wächst auch das Bedürfnis chinesischer Nationalisten nach Vorherrschaft. Für jedes vermeintliche antichinesische Fehlverhalten wird insbesondere in den Sozialen Medien schnell eine Entschuldigung verlangt. Extremisten gehen weiter und rufen zum Boykott ausländischer Waren auf. Zuletzt forderten Nationalisten die Menschen auf, die Fastfoodkette von KFC nicht mehr zu besuchen. Der Grund: Ein Schiedsspruch durch den Ständigen Schiedshof in Den Haag, der in einem Urteil fast sämtliche territoriale Ansprüche Chinas im Südchinesischen Meer zurückgewiesen hatte. Hinter dem Urteil vermuteten die aufgebrachten chinesischen Aktivisten amerikanische Einflussnahme.

Boykottaufruf in China nach Schiedsspruch in Den Haag (Foto: pictpicture-alliance/dpa/G. Lu)

Boykottaufruf in China nach Schiedsspruch in Den Haag

Wettbewerb mit politischer Ambition

Wang, der als Fürsprecher für die Unabhängigkeit Taiwans einmal vergeblich für einen Sitz im Parlament der Hauptstadt Taipeh kandidiert hatte, wollte mit seinem Wettbewerb auf die Reaktionen vom Festland aufmerksam machen. Den Wettstreit hat er in fünf Sprachen ausgeschrieben: Englisch, Spanisch, Japanisch, Koreanisch und nicht zuletzt Chinesisch, und zwar in der traditionellen Schrift. Diese wird nur in Taiwan sowie Hongkong geschrieben und gilt als wichtiger Teil ihrer kulturellen Identität. Auf dem Festland wird in der Regel das vereinfachte Chinesisch benutzt.

Seine Idee: Die Fans sollen sich bei China entschuldigen, für Dinge, die in Taiwan eine Selbstverständlichkeit sind und das Festland nicht hat oder anders handhabt. Das Spiel endet am 30. Juli. Die Entschuldigung mit den meisten "Likes" gewinnt am Ende einen Titel. Preisgelder gibt es nicht.

Taiwans Schauspieler Leon Dai. (Foto: picture-alliance/dpa/Imaginechina)

Taiwans Schauspieler Leon Dai

Großer Zuspruch

17.000 Menschen sind der Einladung bisher gefolgt und nutzen den Wettbewerb als Plattform für einen verbalen Krieg. Es geht darum, das bessere Land mit der besseren Ideologie zu sein. Zuletzt konnte etwa der taiwanesische Schauspieler Leon Dai die Hauptrolle in einer chinesischen Filmproduktion nicht übernehmen, weil er in der chinesischen Öffentlichkeit als "Unterstützer für die Unabhängigkeit Taiwans" dargestellt wurde. Dai selbst bestritt alle Vorwürfe und entschuldigte sich übertrieben auf Facebook.

"Entschuldige bitte, liebe Volksrepublik China", schreibt ein anderer Teilnehmer. "Als ich zum ersten Mal bei dir in Urlaub war, habe ich bei der Grenzkontrolle den Reisepass der Republik China gezeigt und damit die Grenzpolizei gereizt. Dass wir dabei unterschiedliche Ansichten haben und uns bis heute nicht einigen können, tut mir schrecklich leid." China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und bezeichnet die Insel als "Chinas Taiwan".

Massentourismus aus dem Festland - Jeder Tourist gibt pro Tag 232 US-Dollar in Taiwan aus. (Foto: EPA/DAVID CHANG)

Massentourismus aus dem Festland - Jeder Tourist gibt pro Tag 232 US-Dollar in Taiwan aus

Taiwans Volkswille auf Facebook

Die Internetgemeinde auf Facebook ist offenbar anderer Meinung und besteht auf der Eigenständigkeit. "Sorry China, ich bin sehr gerne Taiwaner und nicht Sklave von China", schreibt einer. "Sorry, Kommunisten. In Taiwan geht es mir super. Ich kann meine Präsidentin selber wählen. Ich darf auf die Staatsführung schimpfen. Wenn ich will, kann ich zehn Bücher schreiben, um sie zu kritisieren", schreibt ein anderer. Er spielt auf die Verfolgung von Buchhändlern in Hongkong durch chinesische Polizei an, die in China verbotene Bücher herausgeben. "In Taiwan kann ich Grundstücke erwerben und besitzen. In China erwirbt man nur die Nutzungsrechte von Grundstücken. Enteignungen passieren überall und jederzeit. Für diesen Umstand, sorry!", so ein Dritter und fügt hinzu: "Sorry, dass ich hier die Wahrheit gesagt habe."

Die sarkastische Plattform ruft auch Hongkonger auf den Plan, die mehr Autonomie für die Sonderverwaltungszone fordern. "Ich liebe Kantonesisch (Dialekt in Hongkong, Anm. d. Red.), sorry. Ich liebe Facebook und nicht Weibo, sorry. Ich bin Hongkonger, sorry." Ein weiterer User aus Hongkong kommentiert: "Ich muss mich aufrichtig dafür entschuldigen, da ich auf Einreiseformularen als Herkunftsland nie angebe, dass ich Chinese bin, sondern dass ich Hongkonger bin. Probleme hatte ich aber nie."

Nur 22 Länder der Welt erkennen die Republik China an, darunter der Vatikan (Foto: picture alliance/Arco Images GmbH/ J. T. Werner)

Nur 22 Länder der Welt erkennen die Republik China an, darunter der Vatikan

Die Kritik lässt sich in folgenden Statements zusammenfassen: "Sorry, ich mag Hongkong und Taiwan wirklich, aber nicht China. Lasst mich einfach in Ruhe." Ein anderer: "Ich entschuldige mich, weil ich überhaupt nicht kapiere, weswegen ich mich bei China entschuldigen muss."

"Sorry, Taiwan gehört zu uns"

Die Stimmen aus Hongkong und Taiwan können auf dem Festland nur schwer gehört werden. Denn Facebook ist in China aufgrund der Zensurmaßnahmen nicht verfügbar. Dennoch schreiben offenbar auch Festlandchinesen zurück: "Sorry, liebes Taiwan. Das Vaterland konnte dich zu Zeiten des Kriegs nicht ausreichend beschützen, so dass du in die Hände des Feindes geraten bist. Aber Blut ist dicker als Wasser. Egal wie sehr du China verleumdest, es liebt dich. Wir warten auf der anderen Seite der Taiwanstraße auf deine Heimkehr."

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