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Europa

Tschernobyl: Der Super-GAU und das System

Die Explosion im Kernkraftwerk von Tschernobyl gilt als größter nuklearer Unfall des 20. Jahrhunderts. Die kommunistischen Regime hielten ihn tagelang geheim. Die wirklichen Folgen bleiben bis heute weitgehend unbekannt.

Ende April 1986. Kuriose Szenen auf einem Boulevard im Zentrum der rumänischen Hauptstadt Bukarest: Eine ungewohnt lange Kolonne schwarzer Staatslimousinen wartet vor dem Tor zum Hof eines Ministeriums. Die Autos fahren der Reihe nach hinein, kommen nach ein paar Minuten wieder heraus und verschwinden.

Schlange stehen, um Lebensmittel oder Benzin zu besorgen, gehört zum tristen Alltag der rumänischen Bevölkerung. Doch diese "neue", bis dahin unbekannte Schlange auf dem Bukarester Prachtboulevard "des Sieges", hat etwas Unheimliches. Die Schüler eines benachbarten Gymnasiums kommen hinter das Geheimnis: Ein Fahrer aus der Kolonne erzählt, dass er für die Partei- und Staatsführung aus einem tiefen Brunnen im Hof des Ministeriums sauberes Wasser in Plastik-Kanister abfülle, da das Leitungswasser hohe radioaktive Werte aufweise. Eine offizielle Meldung über eine verstärkte radioaktive Strahlung und die Gründe dafür gibt es zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Radioaktive Wolken

Am 26. April 1986 - um genau 1 Uhr und 23 Minuten - war im ukrainischen Tschernobyl ein Kernreaktor explodiert. Der Unfall hatte massive Folgen für die Umwelt, nicht nur in Teilen der damaligen Sowjetunion, sondern auch in Nord-, Mittel- und Südosteuropa.

Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz (Foto: imago/eventfotografen.de)

Sebastian Pflugbeil: "Verseuchte Lebensmittel in den Schulkantinen"

Die radioaktive Wolke über Tschernobyl hatte sich rasch in Richtung Weißrussland und Russland ausgebreitet und war zwei Tage später nach Skandinavien, Polen, den Süden der Bundesrepublik Deutschland und in die damalige DDR gezogen. Kontaminierter Regen fiel auch auf Rumänien und Bulgarien nieder. Radioaktive Wolken verbreiteten sich innerhalb weniger Tage über die gesamte nördliche Erdhalbkugel.

Die Verharmlosung durch die Stasi

"Alles unter Kontrolle halten", das war nicht nur die Devise der Rumänen, sondern auch die der DDR-Sicherheitsbehörden, als sie erst drei Tage nach der Katastrophe von ihren sowjetischen Kollegen die ersten Informationen erhielten. Drei Tage, in denen Teile der Bevölkerung durch westliche Radio- und Fernsehsender bereits die Nachricht erfahren hatten.

Die DDR-Sender verbreiteten nur die von der Stasi gesteuerten Verharmlosungen. Dadurch wollte die Partei- und Staatsführung nicht nur die tatsächliche Katastrophenlage verschleiern, sondern auch Auswirkungen auf die Wirtschaft verhindern.

Tschernobyl hat eine tiefe Furche durch die Bevölkerung der ehemaligen kommunistischen "Bruderstaaten" gezogen. Zu diesem Fazit kommen Experten bei einer Veranstaltung in Berlin zum Thema "Der Super-GAU und die Stasi". Die Katastrophe habe vor allem deutlich gemacht, wie eine Diktatur und ihre politische Geheimpolizei auf einen "anthropologischen Schock" reagiert.

Verseuchte Nahrung

Nicolae Ceausescu (Foto: picture-alliance/dpa)

Nicolae Ceausescu: Wollte nur die "nötigsten Informationen" an die Bevölkerung weitergeben

Weil die DDR-Führung keine Messwerte über eine mögliche radioaktive Kontamination von Gemüse und Milch veröffentlichte, waren diese Güter nicht mehr exportfähig und wurden im Inland verkauft. "Noch nie waren die Läden so voll wie damals", erinnern sich Zeitzeugen heute. Verseuchte Lebensmittel wurden damals Schulkantinen zugeteilt, sagt der Physiker und frühere DDR-Bürgerrechtler Sebastian Pflugbeil. Schüler, deren Eltern im "West-Fernsehen" die Nachrichten gesehen und ihren Kindern von einer möglichen Kontamination erzählt hatten, rührten das Essen nicht an. Sehr zur Freude der "Unwissenden", die plötzlich zwei, drei Portionen essen durften. Offiziell hieß es in der DDR, es habe zu keiner Zeit gesundheitliche Gefährdungen gegeben, so Pflugbeil.

Ähnliche Politik wurde in den "Bruderstaaten" betrieben. In Bulgarien gab es eine tagelange Nachrichtensperre nach der Katastrophe. Paraskeva Ninova, eine Ärztin und Professorin, die damals die Aufsicht über alle Kinderkrankenhäuser in Bulgarien inne hatte, berichtete über geheime Anweisungen an Chefärzte: Die Kinder sollten keine frische Milch und keinen Salat mehr in Kliniken bekommen - so sahen die ersten Schutzmaßnahmen gegen eine erhöhte Radioaktivität aus. Doch der Öffentlichkeit wurden sie zunächst vorenthalten. Selbst die 1. Mai-Züge in Sofia fanden unter dem radioaktiven Regen statt.

"Strahlende" Feierlichkeiten

Auch in anderen Ländern hat es gedauert, bis entsprechende Warnungen kamen. In Rumänien haben die Menschen den 1. Mai - den arbeitsfreien Internationalen Tag der Arbeit - unter freiem Himmel und im bereits kontaminierten "Grünen" verbracht. Erst danach trommelte der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu die Parteispitze zusammen und beschloss, die Bevölkerung nur "mit den nötigsten Informationen" zu versorgen.

Sperrzone Prypjat (Foto: F Warwick/DW)

Alles leer - Sperrzone Prypjat heute

Viele hatten zwar über die westlichen Sender Radio Free Europe und Deutsche Welle von der Katastrophe gehört, doch kaum einer konnte die Gefahren einschätzen. Erst am 2. Mai wurde in Rumänien offiziell empfohlen, Obst und Gemüse gut zu waschen - und dass Kinder sich überwiegend in geschlossenen Räumen aufhalten. An Kindergärten und Schulen des ganzen Ostblocks wurden Anfang Mai Jod-Tabletten oder Säfte gegen die radioaktive Strahlung verteilt.

Unerforschte Folgen

Über die Zahl der Opfer sowie die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe gibt es bis heute keine gesicherten Daten. "Die Untersuchungen darüber sind ziemlich dürftig", meint der frühere DDR-Bürgerrechtler Sebastian Pflugbeil im Gespräch mit der DW.

In den ersten Jahren sei es verboten gewesen, Buch zu führen über Opfer, die Höhe der nuklearen Strahlung und mögliche Erkrankungen. "Es gibt keine belastbaren Daten, die Zahlen wurden manipuliert", so Pflugbeil. Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) geht insgesamt von etwa 8.000 Todesopfern weltweit aus, etwa die Hälfte davon sei an späteren Folgeschäden gestorben.

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