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Politik

"Tschechien muss sich Vergangenem stellen"

Als erster bayerischer Ministerpräsident nach 1945 ist Horst Seehofer nach Prag gereist. Damit soll die lange Eiszeit enden. Mit dabei ist Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe - ein Interview.

Bernd Posselt, CSU-Europaparlamentarier spricht auf einer Veranstaltung (Foto: picture-alliance/dpa)

Bernd Posselt ist CSU-Europaparlamentarier

Deutsche Welle: Herr Posselt, Bayern und Tschechien verbindet eine 400 kilometerlange gemeinsame Grenze. Es klingt doch etwas merkwürdig, dass erst jetzt der erste offizielle Besuch eines bayerischen Ministerpräsidenten nach Tschechien stattfindet.

Weiße Plastikbüsten des ehemaligen tschechoslowakischen Präsidenten Eduard Benes sind in einer Linie aufgereiht entlang eines Weges

300-Meter-Linie mit Plastikköpfen von Eduard Benes: Die Dekrete seiner Regierung waren die Basis für die Vertreibungen

Bernd Posselt: Es gab drei Phasen in der Geschichte der bayerisch-tschechischen Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die erste Phase war geprägt von der Vertreibung von Millionen Sudetendeutschen aus Böhmen - die meisten von ihnen leben heute in Bayern. Das war zwischen 1945 und 1948. Dann kam der Eiserne Vorhang und es gab gar keinen offiziellen Kontakt mehr. Die letzten 20 Jahre waren überschattet davon, dass sich die tschechische Seite nicht mit der Vergangenheit, also der Vertreibung von immerhin einem Drittel der eigenen Bevölkerung, auseinandersetzen wollte. Und da Bayern Schirmherr der Sudetendeutschen ist, war deshalb bisher kein bayerischer Ministerpräsident offiziell nach Prag gefahren.

Worum geht es konkret in dem Streit zwischen den Sudetendeutschen und Tschechien?

Ein wichtiger Streitpunkt sind immer wieder die Benes-Dekrete von 1945, die teilweise immer noch in Kraft sind. Zum Beispiel das Benes-Dekret Nr. 5. Darin steht, dass national unzuverlässige Personen - mit anderen Worten Verräter - solche Personen sind, die bei der Volkszählung nach 1929 Deutsch oder Ungarisch als Muttersprache angaben. Das waren damals Millionen Menschen, die damit kollektiv und allein aufgrund ihrer Muttersprache pauschal zu Verrätern erklärt wurden - und zwar rückwirkend. Sie verloren dadurch ihr Eigentum und ihre Heimat, viele wurden getötet. Auch das Straffreiheitsgesetz, wonach die Morde legal waren, ist noch in Kraft. Die Täter wurden also amnestiert, bevor sie die Straftaten begingen.

Der tschechische Ministerpräsident Petr Necas hat im Vorfeld des Treffens gesagt, man wolle jetzt in die Zukunft schauen und sich nicht der Vergangenheit widmen.

Frauen einer Sudetendeutschen Landsmannschaft (Foto: AP)

Traditionell gekleidete Frauen beim Tag der Sudetendeutschen

Das sind Formeln, die nicht weiterhelfen. Franz-Josef Strauss hat immer gesagt: Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß nicht, wohin er geht. Zukunft und Vergangenheit gehören zusammen. In letzter Zeit haben die Tschechen damit begonnen, sich mit ihrer jüngeren Vergangenheit zu befassen, so wie es andere tun. Es werden Massengräber entdeckt, man befasst sich mit den Morden, die bei der Vertreibung geschehen sind. Besonders junge Tschechen stellen sich der Verantwortung des eigenen Volkes.

Was wollen die Sudetendeutschen von Tschechien heute?

Die Sudetendeutschen sind ein Volk von mittlerweile 4,5 Millionen Menschen. Ihre Wünsche sind unterschiedlich. Das Mindeste aber, was wir alle wollen, ist, dass Unrecht auch Unrecht genannt und verurteilt wird. Dass die Sudetendeutschen wieder in der Tschechischen Republik unter garantierten Minderheitenrechten leben können. Dass die gemeinsame Kultur erhalten wird und die Geschichte wahrheitsgemäß dokumentiert wird.

Inwiefern haben sich die Sudetendeutschen mit ihren eigenen Verbrechen während des Nationalsozialismus befasst?

Sudetendeutsche Flüchtlinge warten vor einem Zug in der Tschechoslowakei 1938 (Archivfoto: AP)

Flucht aus der damaligen Tschechoslowakei: Sudetendeutsche 1938

Schon in den ersten Nachkriegsjahren hat der damalige Sprecher der Sudetendeutschen auf einem Sudetendeutschen-Tag sehr deutlich zu diesem Thema gesprochen. Ich persönlich habe im Jahr 2002 im tschechischen Fernsehen das tschechische Volk für die Verbrechen der Nazis und für den sudetendeutschen Anteil daran um Vergebung gebeten. Darüber haben sich zwar manche Leute bei mir beschwert, aber ich habe das aus voller Überzeugung getan.

Wie hoch ist der Anteil der Sudetendeutschen, welche die Verbrechen in der NS-Zeit nicht anerkennen wollen?

Das sind höchstens fünf Prozent. Viele andere aber haben Angst. Man kennt das: Wenn man die eigenen Fehler und Verbrechen zugibt, dann könnte das von der Gegenseite ausgenutzt werden. Diese Angst muss man durch Vertrauensbildung überwinden. Je klarer und eindeutiger man mit den eigenen Punkten der Vergangenheit umgeht, desto freier ist man. Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel hat das sehr treffend formuliert: Nur die Wahrheit macht uns frei.

Interview: Anila Shuka
Redaktion: Kay-Alexander Scholz